Abgabe von Psychosemedikamenten an Jugendliche hat sich vervierfacht

Der Absatz von Neuroleptika bei Minderjährigen hat in der Schweiz stark zugenommen. Uni-Professorin Susanne Walitza sagt, man müsse die Verordnungen im Auge behalten.

Trost beim Teddybären: In der Schweiz schlucken Kinder und Jugendliche zunehmend Medikamente gegen Psychosen.

Trost beim Teddybären: In der Schweiz schlucken Kinder und Jugendliche zunehmend Medikamente gegen Psychosen. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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Sind Medikamente gegen Psychosen das neue Ritalin? In Nordamerika geht die Entwicklung seit einigen Jahren deutlich in diese Richtung. Anstelle von Psychotherapien und Stimulanzien wie eben Ritalin verschreiben US-Ärzte Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) immer häufiger sogenannte Neuroleptika. Dies sind starke Medikamente, die für die Behandlung von schweren psychischen Leiden wie Schizophrenie, manisch-depressiver Erkrankung (bipolare Störung) oder Wahnvorstellungen entwickelt wurden und starke Nebenwirkungen haben.

Eine Auswertung von Daten, welche die Schweizer Krankenkasse CSS dem «Tages-Anzeiger» zur Verfügung gestellt hat, zeigt nun erstmals: Auch in der Schweiz werden immer mehr Neuroleptika an Kinder und Jugendliche abgegeben. Wie die Datensätze des grössten Schweizer Grundversicherers offenbaren, hat sich die Zahl der behandelten Minderjährigen in den letzten zehn Jahren rund vervierfacht. Die Zunahme zieht sich dabei durch alle drei Altersklassen der Auswertung.

Zurückhaltend interpretieren

In die Auswertung wurden die vier Neuroleptika einbezogen, die Kindern und Jugendlichen am häufigsten verschrieben werden: Risperidon, Paliperidon, Quetiapin und Tiaprid. In Deutschland machen diese laut einer aktuellen Untersuchung zwischen 70 und 80 Prozent aller Verschreibungen von Neuroleptika aus.

Erwartungsgemäss werden bei den 15- bis 18-Jährigen am meisten Neuroleptika verschrieben. Im Jahr 2012 erhielt in dieser Altersgruppe über ein halbes Prozent der Versicherten solche Medikamente. Rund halb so viele waren es bei den 7- bis 14-Jährigen. Bei den noch Jüngeren waren es noch 0,028 Prozent.

Die Daten seien nur zurückhaltend zu interpretieren, sagt Marianne Wiedemeier, Fachspezialistin Medikamente der CSS. So hat sich über die Jahre die Zahl der Versicherten immer wieder geändert. Doch der Trend unter den heute rund 1,2 Millionen CSS-Versicherten bleibt auch erhalten, wenn solche Schwankungen berücksichtigt werden. In der Schweiz waren bislang keine solchen Zahlen bekannt. Klar war einzig, dass sich laut dem schweizerischen Apothekerverband Pharmasuisse der Absatz von Psychosemedikamenten seit 2002 verdoppelt hat.

Entwicklung im Auge behalten

«Der Anstieg ist tatsächlich stark», sagt Susanne Walitza, Ärztliche Direktorin des Zentrums für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich. Es müsse jetzt gut darauf geachtet werden, wie sich die Verordnungen weiterentwickelten. «Die Anzahl Verschreibungen sollte jetzt nicht weiterzunehmen», so die Fachfrau.

Dennoch ist Walitza nicht beunruhigt: Die Menge von Antipsychosemedikamenten, die an Minderjährige abgegeben würden, habe noch kein zu hohes Ausmass angenommen. «Sie entspricht etwa der Häufigkeit schwerer psychiatrischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen», sagt die Psychiaterin. So sind im Alter von 13 bis 19 Jahren rund 0,25 Prozent von Psychosen wie Schizophrenie betroffen, also gegen 1500 Jugendliche. In dieser Altersgruppe tritt zudem selten auch eine bipolare Störung auf. Sie wird ebenfalls mit Neuroleptika behandelt.

Auch bei jüngeren Kindern zum Einsatz kommen die Medikamente im Fall von schweren Tic-Erkrankungen, Autismus sowie Störungen, die zu selbstverletzendem Verhalten oder massiven Aggressionen gegen andere führen.

Ob die Antipsychosemedikamente bei Minderjährigen auch tatsächlich ausschliesslich bei solchen schweren Erkrankungen verschrieben werden, hat in der Schweiz noch niemand untersucht. Eine ausführliche Studie der deutschen Krankenkasse Barmer GEK von 2013 kommt für Deutschland zu einem anderen Schluss. Gemäss den Abrechnungsdaten werden Neuroleptika am häufigsten bei ADHS, bei einer Störung des Sozialverhaltens, bei Depressionen oder Angststörungen verordnet – alles Leiden, für die Antipsychosemedikamente eigentlich nicht gedacht sind. Die Studie fördert zudem zutage, dass vor allem Kinderärzte eine wichtige Rolle beim Verschreiben dieser Medikamente spielen.

Unklar ist, inwieweit sich die Erkenntnisse auf das Schweizer Gesundheitssystem übertragen lassen. Fachleute glauben nicht daran. «Es mag in der Schweiz das eine oder andere schwarze Schaf geben, aber solche Fehlverordnungen wie in der Barmer-Studie oder Zustände wie in den USA gibt es bei uns sicher nicht», sagt Walitza. Und der Leiter der Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich, Oskar Jenni, ist überzeugt: «In der Schweiz werden Neuroleptika in der Regel nur von Kinder- und Jugendpsychiatern und nur in wirklich schweren Fällen verschrieben.» Haus- und Kinderärzte hätten grossen Respekt vor diesen Medikamenten und deren Nebenwirkungen. «Das ist ganz anders als bei Ritalin und ähnlichen Stimulanzien, die grosszügiger verschrieben werden», sagt Jenni.

«Einzige Chance für Patienten»

Die Nebenwirkungen, so schwer sie sind, dürften denn auch der Grund sein, weshalb seit ein paar Jahren mehr Neuroleptika verschrieben werden. Die Medikamente der ersten Generation führten zu schweren Beeinträchtigungen wie Zittern, Muskelstarre oder anderen Bewegungsstörungen. Bei den neueren, sogenannt atypischen Neuroleptika fallen diese unerwünschten Begleiterscheinungen weg. Dafür können sie insbesondere zu einer starken Gewichtszunahme führen. «Die ist nicht ungefährlich, aber weniger einschneidend. Das ermöglicht in schweren Fällen und unter ärztlicher Überwachung auch bei Jugendlichen eine Behandlung», sagt Walitza. «Bei der Schizophrenie im Jugendalter gibt es zur Medikation keine Alternative.»

Heute gelinge es dank dieser Medikamente, dass Jugendliche wieder in die Schule gehen und zu Hause wohnen könnten. Für Walitza sind Neuroleptika, richtig angewendet, deshalb «teilweise die einzige Chance, wieder zurück ins Leben zu finden».

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.10.2013, 07:18 Uhr)

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Während Jahren stieg in der Schweiz die verschriebene Menge von Stimulanzien wie Ritalin, die den Wirkstoff Methylphenidat enthalten. Die Medikamente werden vor allem gegen die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) verschrieben. Doch nun könnte die Entwicklung stoppen oder sich gar umkehren.

Laut einer aktuellen Auswertung des Heilmittelinstituts Swissmedic wurde im Jahr 2012 erstmals weniger Methylphenidat an den Detailhandel geliefert als im Vorjahr. Wie viele Patienten mit Stimulanzien wie Ritalin behandelt werden, lässt sich aus der Statistik von Swissmedic nicht ablesen.

Ob es sich tatsächlich um eine Trendwende oder um einen einmaligen Ausreisser handelt, wird sich in ein paar Jahren zeigen. Eine Unsicherheit entsteht dadurch, dass die Werte von 2011 und 2012 mit einer neuen Methode bestimmt wurden: Statt einer Berechnung werden die Daten direkter erhoben. Der Vergleich mit Deutschland zeigt, dass eine Trendwende durchaus zu erwarten ist. Gemäss dem «Arzneimittelreport 2013» der deutschen Krankenkasse Barmer GEK hat sich dort bereits 2010 die Zahl der Methylphenidat-Verordnungen auf einem relativ gleichbleibenden Plateau eingependelt.

Unklar ist der Grund für diese Stagnation. Eine Rolle spielen könnten kritische Medienberichte und neue gesetzliche Vorgaben für das Verschreiben von Stimulanzien. (fes)

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