Wissen

Alzheimer vorzeitig erkennen

Von Felix Straumann. Aktualisiert am 12.08.2010 7 Kommentare

Ein neuer Labortest verspricht, die Demenzerkrankung frühzeitig zu diagnostizieren. Doch nicht alle wollen wissen, woran sie erkrankt sind.

Nicht alle wollen die Diagnose hören: Alzheimerkranke in einem speziellen Pflegeheim.

Nicht alle wollen die Diagnose hören: Alzheimerkranke in einem speziellen Pflegeheim.
Bild: Keystone

Jeder zweite Demenzkranke hat Alzheimer

Rund 100 000 Menschen in der Schweiz leiden an der Alterskrankheit. Über fünfzig verschiedene Formen von Demenz

Über fünfzig verschiedene Krankheiten, die pauschal unter dem Begriff «Demenz» zusammengefasst werden, äussern sich sehr ähnlich wie Alzheimer. Bei allen treten Verluste des Erinnerungsvermögens zusammen mit anderen Funktionsstörungen des Gehirns auf. Beides zusammen führt zum Verlust der Selbstständigkeit. Die Alzheimerkrankheit ist dabei die häufigste Form der Demenz und macht laut der Schweizerischen Alzheimervereinigung rund die Hälfte aller Demenzerkrankungen aus. Alzheimer wird durch einen fortschreitenden Verlust von Zellen im Gehirn ausgelöst. Die zweithäufigste Erkrankung ist mit rund 20 Prozent die sogenannte vaskuläre Demenz – im Volksmund auch salopp «Arterienverkalkung» genannt. Sie entsteht meistens durch arteriosklerotische Veränderungen oder durch den Verschluss der Hirngefässe, was die Hirndurchblutung stört. Oft liegen verschiedene Demenzerkrankungen gleichzeitig vor, was Diagnose und Behandlung erschwert.

Noch gibt es keine Behandlung


Zu beachten gilt, dass nicht jede Gedächtnisstörung automatisch in eine Demenz münden muss. Leichte Vergesslichkeit kann auch mit der normalen Alterung zusammenhängen, bei der die langsamere Geschwindigkeit, mit der das Hirn Informationen verarbeitet, sich auf die Lern- und Speicherfähigkeit auswirkt. Dank neuropsychologischen Tests können Fachleute eine altersbedingte Gedächtnisstörung klar von einer beginnenden Demenz unterscheiden.

Bis heute gibt es keine Behandlung, die Alzheimer heilen oder aufhalten könnte. Es existieren jedoch Medikamente, welche die Auswirkungen der Erkrankung in vielen Fällen mildern und den Verlauf verlangsamen. Sie sind umso wirksamer, je früher sie eingesetzt werden. Daneben gibt es nicht medikamentöse Behandlungen wie Gedächtnis- und Alltagstraining für Patienten in einem frühen Stadium. Ebenso sind kreative Betätigungen, Sport oder Spiele hilfreich. Trainings und Medikamente können auch häufige Begleitsymptome wie Stimmungsschwankungen, Ängste, Depressionen, Wahnvorstellungen, Schlafstörungen und Aggressionen mildern oder sogar beheben. (fes)

Danach suchen Forscher schon lange: nach einem einfachen Labortest, mit dem sich eine Alzheimererkrankung vorzeitig und zweifelsfrei diagnostizieren lässt. Eine eben veröffentlichte Forschungsarbeit hat dieses Ziel nun ein gutes Stück nähergerückt. Ein Team um Geert de Meyer von der Universität Gent in Belgien konnte die Demenzerkrankung mit einer vergleichsweise einfachen Analysemethode zuverlässig diagnostizieren. Bei Patienten mit einer leichten Verschlechterung der geistigen Fähigkeiten gelang eine 100-prozentige Vorhersage der Alzheimererkrankung.

In den USA hat die im Fachblatt «Archives of Neurology» erschienene Studie für dicke Schlagzeilen gesorgt. «Dies ist, was alle gesucht haben», zitiert die «New York Times» den Alzheimerforscher Steven DeKosky von der University of Virginia. Eine Bewertung, die auch Roger Nitsch von der Universität Zürich teilt: «Es ist eine sehr wichtige Studie», sagt der renommierte Alzheimerforscher. «Die hohe Voraussagequalität hat mich sehr erstaunt.»

«Gewagte Behauptung»

Bei ihrem Test analysierten die belgischen Forscher den sogenannten Liquor cerebrospinalis – eine farblose Flüssigkeit, die das Rückenmark umgibt und in Verbindung mit der Gehirnflüssigkeit steht. Der Arzt kann sie gefahrlos mit einer speziellen Nadel gewinnen. Die Belgier bestimmten die Konzentration von Molekülen, die für Alzheimer charakteristisch sind: Tau-Proteine sowie Beta-Amyloid-Peptide, welche die typischen Ablagerungen bilden, die im Gehirn von Alzheimerpatienten gefunden werden. Solche Liquormessungen werden schon länger gemacht. Doch gelang es bislang nicht, Alzheimererkrankungen zuverlässig zu diagnostizieren. Der Erfolg der belgischen Forscher basiert auf einer geschickten Auswertung der verschiedenen Messwerte im Liquor.

Bei 90 Prozent der Probanden mit Alzheimer war der Test positiv, allerdings auch bei 36 Prozent der Kontrollgruppe mit gesunden Senioren. Unter diesen gesunden Probanden trugen allerdings überproportional viele das Alzheimer-Risiko-Gen Apolipoprotein E4. Die Autoren vermuten, dass diese Probanden später an einer Demenz erkranken werden. «Dies ist eine etwas gewagte Behauptung», kritisiert Andreas Monsch, Leiter der Memory Clinic/Akutgeriatrie am Universitätsspital Basel. Dies müsse man zuerst abwarten.

100-prozentige Voraussage

Erstaunlich ist jedoch, wie gut die Forscher Alzheimer fünf Jahre im Voraus vorhersagen konnten. 57 Patienten mit einer leichten Verschlechterung der geistigen Fähigkeiten (MCI, englisch «Mild Cognitive Impairment»), bei denen fünf Jahre später Alzheimer diagnostiziert wurde, waren beim Liquortest positiv. Dies entspricht einer Vorhersagegenauigkeit von 100 Prozent. Allerdings relativiert Neuropsychologe Monsch auch hier: «Rund die Hälfte der Patienten, die in der Studie MCI hatten, wären bei uns bereits diagnostizierte Alzheimerpatienten.» Mit einer solchen Patientengruppe liessen sich einfach gute Werte erzielen.

Neben der Liquoranalyse versuchen Alzheimerforscher auch mittels Hirnscans und Gen-Analysen den Zeitpunkt einer Alzheimerdiagnose um ein paar Jahre vorzuverlegen. Mit beträchtlichem Erfolg. «In den letzten zehn Jahren wurden deutliche Fortschritte gemacht», sagt Monsch.

In Basel verwenden die Kliniker für die Alzheimerdiagnosen eine Kombination aus neuropsychologischen Tests, Ganganalysen, Magnetresonanztomografie (MRI), medizinisch-geriatrischen Untersuchungen und ausführlicher Befragung der Angehörigen. Auch Liquoranalysen werden gemacht – allerdings vor allem im Rahmen von Studien.

Angst vor der Diagnose

Doch welchen Sinn ergibt die immer frühere Diagnose von Alzheimer? Viele Betroffene mit Demenzsymptomen fürchten sich davor, weil die Krankheit unabwendbar ist. «Diese Einstellung ist verbreitet», sagt Birgitta Martensson, Geschäftsleiterin der Schweizerischen Alzheimervereinigung. Zahlen aus dem Jahr 2006 belegen, dass nur rund ein Drittel der Betroffenen eine Diagnose ihrer Krankheit hat. Bei einem weiteren Drittel spricht man von Verdacht auf Demenz, und beim letzten Drittel kümmert sich niemand um eine entsprechende Diagnose. Martensson glaubt, dass es für viele einfacher wäre, das Leben mit der Krankheit zu gestalten, wenn sie wüssten, was sie haben.

Auch Neuropsychologe Monsch ist dezidiert dafür, dass möglichst früh diagnostiziert wird. «Patienten, deren geistige Fähigkeiten abnehmen, leiden», sagt er. Durch möglichst frühes Wissen könne der Betroffene sein Umfeld informieren und Kompensationsstrategien entwickeln, sagt Monsch. Eine Diagnose, bevor solche Symptome bemerkt werden, ist heute noch in weiter Ferne.

Zurzeit sind frühe Diagnosetests vor allem für die Erforschung neuer Medikamente wichtig. «Solche Tests werden in klinischen Studien, in deren Rahmen wir neue Alzheimerbehandlungen testen, bereits verwendet», sagt der Zürcher Alzheimerforscher Roger Nitsch. Er ist überzeugt, dass Alzheimer dereinst präventiv behandelt werden kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2010, 22:01 Uhr

7

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

7 Kommentare

giovanni baptista

12.08.2010, 17:34 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ich staune einfach immer wieder, wie Artikel, die ein paar Tage vorher in der New York Times erschienen sind, schliesslich den Weg in den Tagi finden. Das ist bester Wissenschafts-Journalismus - nur ohne Fussnoten und Literaturliste: Abschreiben was das Zeugs herhält. Antworten


Peter Müller

12.08.2010, 17:04 Uhr
Melden

Ja ja, wie der Krebs, wird jetzt natürlich auch das Mysterium Alzheimer bald, bald, bald, aufgelöst. Aber komischer Weise, ist Krebs seit mehr als hundert Jahren ein ungelöstes "Rätsel"! Was soll man da noch sagen, oder denken!? Geld regiert die Welt! Antworten



Populär auf Facebook Privatsphäre


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.