Amerikanische Kinderärzte: Beschneiden!

Sollen Eltern ihre neugeborenen Söhne beschneiden lassen? Die einflussreiche «American Academy of Pediatrics» findet: Ja. Ein Entscheid, der auch finanzielle Folgen haben kann.

Diese Mutter gehört zur Minderheit der amerikanischen Eltern, die sich gegen eine Beschneidung entschieden haben: Die Amerikanerin mit ihrem 11 Monate alten Sohn.

Diese Mutter gehört zur Minderheit der amerikanischen Eltern, die sich gegen eine Beschneidung entschieden haben: Die Amerikanerin mit ihrem 11 Monate alten Sohn. Bild: Keystone

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Die wichtigste Vereinigung amerikanischer Kinderärzte hat eine Kehrtwende gemacht. Die American Academy of Pediatrics war 1999 auf Distanz zur routinemässigen Beschneidung neugeborener Knaben gegangen. Während in Amerika zeitweise bei 80 Prozent aller Jungen die Vorhaut entfernt wurde, kamen plötzlich Bedenken auf. Zu unklar war der gesundheitliche Nutzen, zu unklar die Auswirkungen auf die Neugeborenen. Heute aber sagt die Kinderärztevereinigung, der gesundheitliche Nutzen der Beschneidung überwiege deren Risiken.

Die Amerikaner widersprechen damit ihren Berufskollegen aus anderen Ländern – auch wenn sie sich auf dieselbe zentrale Studie «Male circumcision for HIV prevention in Uganda» stützen. Diese wurde 2004 bis 2006 durchgeführt: Forscher teilten in Uganda rund fünftausend beschneidungswillige Männer in zwei Gruppen ein. Die eine Hälfte der Männer wurde sofort beschnitten, die andere Hälfte der Männer erst nach zwei Jahren. Bei beiden Gruppen stellten die Forscher mittels Blutuntersuchungen fest, wie viele der Männer sich mit durch Geschlechtsverkehr übertragenen Viren wie HIV, Herpes und dem Papillomavirus (kann Gebärmutterhalskrebs auslösen) angesteckt hatten.

Europäer und Australier deuten Ergebnisse anders

Das Resultat: Bei den nicht beschnittenen Männern wurden doppelt so viele HIV-Infektionen festgestellt (1,33 Fälle pro hundert Personen) wie bei den beschnittenen (0,66 Fälle pro hundert Personen). Ebenso kam es bei den Beschnittenen zu 35 Prozent weniger Infektionen mit dem Papillomavirus und zu 25 Prozent weniger Herpesinfektionen. Die Ergebnisse der Studie seien zweifellos bestechend, sagte Susan Blank, die Vorsitzende der für die Beschneidungsfrage eingesetzten Kommission der Kinderärztevereinigung, 2009 bei Bekanntwerden der Resultate von Papilloma- und Herpesraten dem «Wall Street Journal». Sie kündete an, die Kommission werde ihre Haltung überprüfen, was nun in die neue Empfehlung gemündet ist – und im Widerspruch zur Haltung der Ärztevereinigungen in anderen Ländern steht.

Diese kamen nämlich zu einem anderen Schluss. 2010 befand die niederländische Ärztevereinigung, die vorliegenden Studien seien zu umstritten, als dass eine Empfehlung zur Beschneidung gerechtfertigt sei. Die Australische Ärztevereinigung schrieb im selben Jahr, der mutmassliche Nutzen wiege die Risiken nicht auf. Dass die amerikanischen Kinderärzte zu einem anderen Schluss kommen, mag damit zusammenhängen, dass Geschlechtskrankheiten in den USA verbreiteter sind als in Europa (Laut Zahlen der UNO komme beispielsweise HIV beziehungsweise Aids in den USA dreimal so häufig vor wie in Westeuropa). Die Überlegung dahinter: Je häufiger eine Krankheit vorkommt, desto eher lohnt es sich, für die Vorsorge ein Risiko einzugehen.

Entscheid bleibt bei den Eltern

Gar nicht erfreut über die neue Empfehlung der amerikanischen Kinderärzte sind die Beschneidungsgegner. Die kanadische Organisation Children's Health and Human Rights Partnership beispielsweise schreibt, sie verurteile den Entscheid. Ihr Hauptargument ist, dass mögliche schädliche Folgen für die betroffenen Männer nie mit einer langfristigen Studie untersucht wurden. In der Tat erwähnt die neue Empfehlung mögliche schädliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Neugeborenen nicht.

Die Entscheidung bleibt somit für Eltern auch mit der Kehrtwende der amerikanischen Kinderärzte schwierig – und sie sind es, welche auch in den USA wie bis anhin diesen Entscheid werden fällen müssen: Die American Academy of Pediatrics schreibt explizit, dass der Entscheid bei den Eltern liegen müsse und die Ärzte zu einer möglichst umfassenden und unvoreingenommenen Aufklärung verpflichtet seien.

Ob die Beschneidungsrate nun steigt, ist unsicher

In den USA wird nach dem Entscheid der Kinderärzte darüber spekuliert, ob die Beschneidungsrate nach einem Rückgang in den letzten Jahren wieder steigen wird. Für den Rückgang in den letzten Jahren gibt es mehrere Erklärungen. Wohl die grösste Rolle wird die Einwanderung aus Lateinamerika gespielt haben, da die Beschneidung in diesen Ländern nicht üblich ist.

Zudem – und dies könnte der Beschneidung nun neuen Schub verleihen – ist die Beschneidungsrate möglicherweise von der Kostenübernahme durch die öffentliche Krankenversicherung Medicaid abhängig. Nach dem Entscheid der Kinderärzte 1999 haben gemäss Medienberichten verschiedene Staaten die Beschneidung von der Versicherungsliste gestrichen. Nun könnten sie sich entscheiden, die Beschneidung wieder zu bezahlen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.08.2012, 17:19 Uhr)

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