An manchen Tagen sind die Pollen besonders fies

Je nach Jahr, Wetter oder Region enthalten Gräser- und Birkenpollen mehr oder weniger der Allergie auslösenden Stoffe.

Kleinen Plagegeister: Gräserpollen in 1600-facher Vergrösserung.

Kleinen Plagegeister: Gräserpollen in 1600-facher Vergrösserung. Bild: Keystone

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Pollen sind nicht gleich Pollen. Während es bei den einen nur so von Allergenen wimmelt, haben andere nur wenige dieser Allergie auslösenden Eiweisse. Beispielsweise hatten Birkenpollen 2007 in München durchschnittlich mehr als doppelt so viele Allergene wie 2004 und sogar zehnmal mehr wie 2002. Auch innerhalb des gleichen Jahres kann sich die Allergenmenge pro Birkenpollen um bis das Zehnfache unterscheiden. Und selbst am gleichen Blütenkätzchen variieren die Gehalte von Tag zu Tag, abhängig vom Zeitpunkt des Pollenflugs und von dem Wetter an den Tagen davor.

Diese grossen Unterschiede könnten für Allergiker, die sich heute auf Pollenzählungen verlassen müssen, von grosser Bedeutung sein. Gemessen haben sie Forscher um Jeroen Buters vom Zentrum für Allergie und Umwelt München (Zaum) («Allergy» Bd. 65, S. 850). Sie fanden Ähnliches auch bei anderen Pflanzen. So haben zum Beispiel die Pollen der Olivenarten in Spanien mehr Allergie auslösende Eiweisse als die in Portugal. In Frankreich wiederum haben Gräserpollen eine viermal höhere Allergiepotenz als andere in Europa. «Es gibt beispielsweise in Davos zum Teil sogar Gräserpollen ohne das Hauptallergen», sagt Buters.

Hinfällige Pollenmessungen?

Der Wissenschaftler leitet das EU-Projekt Hialine (Health Impacts of Airborne Allergen Information Network), das europaweit die Variationen des Allergengehalts in Pollen vergleicht und nach Ursachen sucht. Das Ziel: Allergenmessungen sollen künftig die heute üblichen Pollenzählungen und -prognosen ergänzen. Vielleicht könne künftig sogar die Pollenmessung hinfällig werden, glaubt Buters. Er schätzt, dass in 10 Jahren die Diagnose von Allergien nicht mehr mit Pollenextrakten, sondern mit reinen Allergeneiweissen durchgeführt wird. Spätestens dann würden auch Allergenmessungen in der Luft notwendig, sagt er.

Allergene sind besondere Eiweisse in Pollen, die für die Symptome verantwortlich sind. Bei Allergikern binden sich körpereigene Allergieantikörper (IgE) daran und lösen dann über komplizierte Kaskaden die unangenehmen Reaktionen aus. Das in praktisch allen Gräsern vorhandene Hauptallergen Phl p5 verursacht bei 80 Prozent aller Graspollenallergiker in der Schweiz Symptome. Bei der Birke heisst das wichtigste Allergen Bet v1, auf das rund 90 Prozent aller Birkenpollenallergiker reagieren. Es gleicht stark den entsprechenden Eiweissen von Hasel und Erle, weshalb Allergiker häufig auf alle drei Frühblüher reagieren. Zudem kommen ähnliche Proteine in Nahrungsmitteln wie Haselnuss, Apfel, Kirsche, Karotte oder Soja vor. Viele der Birkenpollenallergiker bemerken deshalb beim Essen dieser Nahrungsmittel das sogenannte orale Allergiesyndrom (OAS) – sie empfinden Juckreiz oder Taubheitsgefühl an Lippen, Wangen, Gaumen oder im Rachen.

Schnelle Reifung der Pollen

Ob der unterschiedliche Allergengehalt für die Heuschnupfen- und Asthmasymptome von Allergikern aber tatsächlich von Bedeutung ist, ist noch nicht bewiesen. «Die klinische Relevanz muss noch geliefert werden», sagt Buters. Zurzeit führt er eine Studie durch, bei der Patienten über ihre Symptome Tagebücher führen, was dann mit Allergen- und Pollenmessungen verglichen wird. Buters hat jedoch keine Zweifel, dass der Allergengehalt der Pollen die Symptome massgeblich beeinflusst. Hauttests würden zeigen, dass die Stärke allergischer Reaktionen davon abhängig sei, so der Forscher.

Buters und andere Wissenschaftler konnten für die Birke zeigen, wieso es diese Schwankungen des Allergengehalts auch bei identischen Pflanzen gibt. «Das hat mit der Reifung der Pollen zu tun, die sehr rasant vonstatten geht», sagt Buters. Das Hauptallergen Bet v1 entsteht bei Birken fast ausschliesslich in Pollen, und zwar erst ab der Woche vor dem Pollenflug. In dieser Zeit nimmt der Gehalt immer mehr zu. Wenn das Wetter günstig ist, kommt es zur Freisetzung. «Je nach Reifestadium hat der Pollen dann mehr oder weniger Allergene», sagt Buters. Unklar ist noch, welche Bedingungen den Prozess wie beeinflussen. Für den Allergengehalt hauptsächlich verantwortlich ist das Wetter in der Zeit vor dem Pollenflug. Im Gegensatz zu der Pollenzahl, die vor allem vom Langzeitwetter abhängt. Der Grund: Staubbeutel und Pollen entstehen in der Saison vor dem Pollenflug und ruhen, bis Ende Winter die Temperaturen zu steigen beginnen.«

Es ist wichtig, die Allergengehalte zu kennen», sagt Regula Gehrig, die Leiterin des Pollenmessnetzes bei Meteo Schweiz. Es wäre auch für die Schweiz interessant, an einzelnen Standorten Allergene in der Luft zu messen. Gehrig wäre deshalb gerne auch beim EU-Projekt dabei. Doch für Nicht-EU-Staaten war dies nicht möglich. Nicht sicher ist sich Gehrig, ob Allergenmessungen die Pollenzählungen ablösen werden. Sie seien viel teurer und aufwendiger. Zudem würden trotz aller Schwankungen die Messungen, die Jeroen Buters durchgeführt hat, einigermassen parallel verlaufen mit den Pollenzahlen. «Für Allergiker ist dies heute ausreichend», sagt Gehrig. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.05.2011, 13:04 Uhr)

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Saison der Gräserpollen

Auf das Wochenende hin haben in der Schweiz die Gräserpollen in der Luft stark zugenommen. Die eigentliche Gräsersaison für Allergiker hat damit begonnen. Sie wird sich voraussichtlich bis in den August hinziehen, mit Höhepunkt von Mai bis Mitte Juli. Gräser sind das wichtigste Pollenallergen in der Schweiz. Wegen des warmen Wetters haben die Pflanzen bereits zwei Wochen zu früh, Mitte April, angefangen, ihre Pollen abzugeben. Sie wurden unterbrochen durch kalte Tage und Niederschläge. Regula Gehrig von Meteo Schweiz erwartet jedoch nicht, dass die diesjährige Saison schwächer wird, weil die Gräser schon früh geblüht haben. Abgeschlossen ist die Birkensaison, die dieses Jahr kurz und sehr stark war. Während 10 bis 15 Tagen in Folge kam es wegen hoher Temperaturen und wenig Niederschlag im April zu starkem Pollenflug. Dies hat dazu geführt, dass die meisten Birken schon bald verblüht waren und die Saison mit zwei Wochen nur halb so lang war wie normal. (fes)

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