Bis zu 90 Prozent der Prostituierten leiden an psychischen Störungen

200 Prostituierte in Zürich wurden befragt. Das Ergebnis: Frauen mit diesem Beruf leiden laut einer Studie häufiger an Angststörungen und Depressionen als andere Frauen. Das hat konkrete Gründe.

«Sans Souci – keine Sorge»: Für Zürcher Prostituierte trifft dies oft nicht zu.

«Sans Souci – keine Sorge»: Für Zürcher Prostituierte trifft dies oft nicht zu.
Bild: Keystone

Erhebliche Risikofaktoren für die psychischen Störungen sind Gewalterfahrungen, die Arbeitsbedingungen und die Herkunft der Sex-Arbeiterinnen, wie die Universität Zürich am Donnerstag schreibt schreibt. Eine Forschergruppe um den Psychiater und Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich Wulf Rössler hatte die psychische Gesundheit von Prostituierten untersucht. Bisher sei kaum bekannt gewesen, welchen Risiken Prostituierte ausgesetzt seien.

In einer weltweit einmaligen Studie wurden laut Mitteilung rund 200 Prostituierte in Zürich - rund fünf Prozent der registrierten Prostituierten in der Stadt - befragt. Um ein möglichst repräsentatives Bild der Situation von Prostituierten zu erhalten, wurden laut Rössler Frauen unterschiedlicher Nationalitäten in Bars, Bordellen, Studios, Begleitdiensten und auf der Strass kontaktiert. Die Befragten waren zwischen 18 und 63 Jahre alt, die Mehrheit war in der Schweiz geboren und zwei Drittel besassen einen Schweizer Pass.

Häufig Gewalt ausgesetzt

Die vor kurzem in der renommierten Wissenschaftszeitschrift «Acta Psychiatrica Scandinavica» veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass rund die Hälfte der Befragten während des vergangenen Jahres psychische Störungen aufwiesen. 30 Prozent erfüllten die Kriterien für eine Depression und 34 Prozent die Kriterien für eine Angststörung. Dies sind wesentlich mehr als in der Gesamtbevölkerung, wo zwölf Prozent der Frauen psychische Störungen während eines Jahres aufwiesen. Davon haben rund sechs Prozent Depressionen und neun Angststörungen.

Besondere Risikofaktoren für psychische Störungen sind laut Umfrage einerseits Gewalterfahrungen im und ausserhalb des Milieus sowie die speziellen Arbeitsbedingungen und die Nationalität. Schweizer Frauen, die ihre Dienste auf der Strasse anbieten, seien besonders gefährdet. Gefährdet seien aber auch Frauen aus Asien oder Südamerika, die in Bars oder Studios arbeiteten. Von diesen wiesen bis zu 90 Prozent psychische Störungen auf.

Soziale Hilfe sei wichtig

Laut Rössler reduziert soziale Unterstützung aber das Risiko für psychische Störungen. Vor allem müssten die Rahmenbedingungen der Sexarbeiterinnen verbessert werden. Sichere Arbeitsbedingungen seien dabei ebenso wichtig wie soziale Hilfen für diese Frauen, die allein im Raum Zürich jährlich bis zu 2,8 Millionen Kontakte mit Freiern hätten. (sam/ddp)

Erstellt: 05.02.2010, 06:26 Uhr

5 KOMMENTARE

Charles Dupond

05.02.2010, 10:26 Uhr

@ Andrea: Unsere Grossvaeter hatten die Hurenwirte und die Zuhaelter total kriminalisiert. Aus saeckularer Sicht wurde da das Kind mit dem Bad ausgeschuettet. Wieder verboten sollte allderings die aktive Zuhaelterei (mit Gewalt gegen Dirnen und sogar auch Freier) sowie Wucher durch Barbetreiber, Dirnenzimmervermieter, Stundenhoteliers oder gar Lohnsklavenhalterallueren von solchen ueber Dirnen...


Werner Attinger

05.02.2010, 08:34 Uhr

Warum werden wesentliche Antworten verschwiegen? Hatten sie, bevor sie sich prostituierten, keine psych.Störungen? Wie ist die psych.Befindlicheit bei andern alleinstehenden Frauen aus Entwicklungsländern (in anspruchslosen Berufen/arbeitslos)? Wieso wird hier eine bestimmte Gruppe ausgegrenzt untersucht? Soziale Unterstützung ist für alle Betroffenen notwendig, egal welchen Beruf sie ausüben


Heidi Spörri

05.02.2010, 08:18 Uhr

Was mir fehlt ist eine klare Aussage, wieviele der Frauen drogenabhängig sind. Erfahrungsgemäss ist dies ein wichtigerer Faktor für Stress, als z.B. die Nationalität. Und bevor man nach neuen SozialarbeiterInnen ruft, sollte man besser die bereits bestehenden Strukturen stärken. Und bitte: Von Sexarbeiterinnen zu sprechen ist doch etwas weit her geholt.


Andrea Scherrer

05.02.2010, 08:10 Uhr

Die Menschenhändler bzw. Zuhälter müssen bestraft werden. Für 30 - 50 auf den Strassenstrich zu gehen, ist doch abwertend.


Charles Dupond

05.02.2010, 07:24 Uhr

Volle Anerkennung als freier Beruf ohne Schickanen durch gynokratisch aufgehetzte Behoerden, mit nicht wucherisch abzockenden Bars und Stundenhotels sowie strickte Verfolgung von Gewalt, Diebstahl und Betrug (nicht nur durch sondern auch an Freiern!) wurde die Ratte der psychischen Stoerungen unter das Nivo der "serioesen" Lohnsklaverei abteufen....






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