Brüder beeinflussen Sex ihrer Schwestern
Von ursprünglichen Volksstämmen ist bekannt, dass Söhne einen Einfluss auf ihre Geschwister haben. Beispielsweise haben bei den in Kenia lebenden Nomaden, den Gabbra, Männer mit vielen Brüdern weniger Kinder als solche mit zahlreichen Schwestern.
Historische Aufzeichnungen aus Finnland zeigen, dass Männer oder Frauen mit älteren Brüdern später Eltern wurden und weniger fruchtbar waren als solche mit Schwestern. Bei zahlreichen Gesellschaften haben Forscher Hinweise darauf gefunden, dass Brüder einen negativen Einfluss darauf haben, wie viele Kinder ihre Geschwister bekommen. Das fassen Fritha Milne und Debra Judge in einer Veröffentlichung zusammen («Proceedings of the Royal Society B», online).
Auch heute noch
Die Humanbiologinnen von der University of Western Australia wollten wissen, ob auch heute noch ein solcher Einfluss nachweisbar ist. Dazu befragten sie 273 Freiwillige aus Westaustralien. Das verblüffende Resultat: Auch in heutigen industriellen Gesellschaften beeinflussen Brüder die sexuelle Reife ihrer Schwestern. Allerdings sind die Auswirkungen nicht langfristig. Brüder verringern heute nicht mehr die Anzahl der Kinder ihrer Geschwister.
Milne und Judge berechneten, dass Mädchen, die ausschliesslich ältere Brüder hatten, durchschnittlich ein Jahr später ihre erste Periode bekamen – erst mit 13½ Jahren – im Vergleich zu Mädchen mit älteren Schwestern.
Ob es Faktoren gibt, welche die körperliche Reife unterdrücken, oder ob psychologische Einflüsse eine Rolle spielen, wissen die Forscherinnen nicht. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Brüder zu viel Energie beanspruchen.
Söhne strapazieren die Mütter
Männliche Nachkommen seien im Tierreich ebenso wie beim Menschen eine grössere Belastung für die Mütter als Töchter, so Milne und Judge. Beispielsweise benötigten Frauen, die einen Sohn erwarten, in der Schwangerschaft zehn Prozent mehr Nahrung als Schwangere mit einem weiblichen Baby im Bauch. Die Schwangerschaftsdauer sei bei Söhnen etwas länger, die männlichen Babys wiegen bei der Geburt in der Regel mehr und würden durchschnittlich länger gestillt als Mädchen.
Bei den in Nordskandinavien lebenden Sami verkürzte – in vorindustrieller Zeit – eine grosse Anzahl an Söhnen gar das Leben einer Mutter im Vergleich zu Frauen mit mehr Töchtern.
Dieser Aufwand Söhnen gegenüber müsse auch einen Einfluss auf ihre Geschwister haben, mutmassten Forscher. Tatsächlich bestätigte eine Studie aus Dänemark ähnliche Untersuchungen aus den USA und Kanada: Demnach wogen Kinder, die ein oder zwei ältere Brüder hatten, bei der Geburt weniger.
Einfluss, wenn beide zusammen wohnen
Dass aber die Mädchen aus der aktuellen australischen Studie weniger Nahrung bekommen hätten, weil sie die mit ihren Brüdern teilen mussten, schliessen Milne und Judge aus. Denn dann müssten jüngere Geschwister den gleichen Einfluss auf die sexuelle Reife haben. Das war aber nicht der Fall.
Jüngere Brüder verzögerten indes den ersten Sexualverkehr ihrer Schwestern, die mit 19 statt mit 18 Jahren (bei älteren Schwestern) erstmals mit einem Mann schliefen. Diese Beobachtung sei jedoch nur mit sozialen und nicht mit körperlichen Faktoren zu erklären.
Der Einfluss der Brüder wirke aber nur auf die Schwestern, solange die Geschwister im gemeinsamen Elternhaus leben, so Milne und Judge. Das erkläre, warum die Brüder in heutigen industriellen Gesellschaften keinen Einfluss mehr auf die Anzahl der Kinder ihrer Schwestern haben. Denn diese leben einige Jahre lang selbstständig, bevor sie eine eigene Familie gründen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.09.2010, 20:40 Uhr










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