Wissen

«Clooneys Filmjob ist keine Erfindung»

Im Kinohit «Up in the air» feuert George Clooney Arbeitnehmer wie am Fliessband. Die Führungstrainerin Catherine André hat sich den Film angeschaut und erklärt, wie man mit Anstand Leute entlässt.

George Clooney führt in «Up in the Air» die Kollegin in die Kunst des Entlassens ein.

George Clooney führt in «Up in the Air» die Kollegin in die Kunst des Entlassens ein.

Catherine André ist Betriebsökonomin MBA, langjährige Führungstrainerin am Betriebswirtschaftlichen Institut der ETH Zürich und Mitinhaberin des Platypus Institute, das auf Beratung, Schulung und Training in Organisations- und Führungsfragen spezialisiert ist.

Catherine André ist Betriebsökonomin MBA, langjährige Führungstrainerin am Betriebswirtschaftlichen Institut der ETH Zürich und Mitinhaberin des Platypus Institute, das auf Beratung, Schulung und Training in Organisations- und Führungsfragen spezialisiert ist.

Stichworte

Was hat der Film mit der schweizerischen Realität zu tun?
Auf den ersten Blick nicht viel. In Amerika ist man prozessfreudig. Betroffene könnten klagen, dass die Entlassung wegen ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht oder anderen diskriminierenden Gründen erfolgt sei. Deshalb werden Personalentscheide an Firmen ausgelagert, die Entlassungen juristisch korrekt durchführen. George Clooneys Filmjob ist somit keine Erfindung.

Und auf den zweiten Blick?
Auch bei uns nehmen viele Führungskräfte ihre Verantwortung nicht wahr. Sie drücken sich darum, einem Mitarbeiter klarzumachen, dass seine Leistungen oder sein Verhalten ungenügend sind. Kommt es zur Kündigung, delegieren sie den Entscheid an eine hierarchisch höhere Stufe oder an die Personalabteilung. Letztlich ist dies dann eine ähnliche Situation wie im Film.

Weil sie feige sind, oder weil ihnen das Rüstzeug für richtiges Entlassen fehlt?
An Unis und anderen Ausbildungsstätten werden die theoretischen und juristischen Aspekte abgedeckt. Die emotionale Seite hingegen wird oft nicht ausreichend thematisiert. Das ist ein Tabu-Thema. Junge Führungsanwärter wechseln dann in ein Unternehmen, wo es Mentorship, Einführung ins Führungshandwerk und begleitete interne Führungsschulung nicht mehr gibt. Aus Effizienzgründen werden ganze Hierarchiestufen zugunsten schlanker Strukturen gestrichen. Oft fehlt aber Führungskräften auch das Rüstzeug. Sie haben solche Krisensituationen zu wenig erlernt und geübt und sind dann im Ernstfall überfordert.

Wie gut macht George Clooney seinen Job?
Die Kündigungsgespräche laufen formal richtig ab. Und gut ist er dort, wo er einen Entlassenen, der früher mal französische Kochkunst studiert hatte, ermuntert, diesen Traum jetzt zu verwirklichen. Emotionen lässt Clooney keine an sich heran. Würde er es, wäre er für diesen Job nicht geeignet.

Clooney braucht pro Entlassung einige wenige Minuten. Ist das real?
Ich habe zwei Führungskräfte betreut. Sie wurden zu einem Gespräch aufgeboten. Als sie eintrafen, sass bereits ein Vertreter der Personalabteilung drin und die Kündigung war somit schon ausgesprochen – wie im Film.

Im Film mimen Laienschauspieler die Entlassenen. Wie realistisch sind ihre Reaktionen?
Das ist sehr realistisch dargestellt. Da ist der Typ, der zu einem Häuflein Elend schrumpft. Der nächste lässt Dampf ab und lebt seine Aggression an den Büromöbeln aus. Ganz gefährlich ist die dritte Variante. Sie wird verkörpert von einer Frau, die die Entlassung ganz cool aufnimmt und am Schluss des Gesprächs beiläufig erklärt, sie werde von einer Brücke springen.

Was sie dann auch tut. Wie kann man das verhindern?
Menschliche Reaktionen spontan zu erfassen, ist eine schwierige Sache. Wenn ich aber einem langjährigen Mitarbeiter die Kündigung ausspreche, sollte ich als Führungsperson schon einschätzen können, wie der Mitarbeiter reagieren wird. Wenn man das Verhalten der Frau im Film als Beispiel nimmt, dann würde ich jedem empfehlen, sehr aufmerksam zu werden, sein Einfühlungsvermögen zu aktivieren, die körpersprachlichen Signale aufzunehmen und zu versuchen, auf die emotionale Befindlichkeit der Person einzugehen.

Im Film wird die Trennungsbotschaft aus Spargründen sogar per Video überbracht. Ein realistisches Szenario in absehbarer Zukunft?
Auch bei Entlassungen spielt die Kommunikationskultur eine Rolle. Es ist einfacher, am Abend eine Entlassung per SMS oder E-Mail mitzuteilen. Und warum nicht per Video? Für den Vorgesetzten, der Schwächen auf der emotionalen und kommunikativen Ebene hat, ist das eine tolle Sache. Ich finde das eine absolute Horrorvision, es ist aber durchaus denkbar, dass wir in diese Richtung steuern. Anzeichen und erste Beispiele gibt es schon.

Eine Kündigung kann noch so menschlich erfolgen – die Betroffenen werden das immer als Scheitern erleben.
Wenn ich jemandem sage, dass seine Leistung oder sein Verhalten so nicht mehr passen oder dass sein Wissen und Können nicht mehr gefragt sind, dann wird das in den meisten Fällen als ein «Versagen» empfunden. Doch hat sich dieses Gefühl in den letzten Jahren auch ein wenig abgeschwächt. Früher trat man in ein Unternehmen ein und verbrachte oft seine ganze Arbeitskarriere in einer Firma. Die Loyalität war beidseitig hoch. Heute ist das nicht mehr so. Unternehmen können einem Mitarbeiter keine Lebensstelle mehr garantieren, und viele Arbeitnehmer wollen gar nicht ihr ganzes Leben im gleichen Unternehmen verbringen.

Kündigungen gehören also zu unserem Arbeitsleben?
Oft müssen wir gekündigten Mitarbeitern aufzeigen, dass eine Kündigung immer eine Option ist, denn die Arbeitsverträge sehen dies ja vor, und zwar gegenseitig. Die gegenseitige Vereinbarung übergibt nicht nur dem Arbeitgeber eine Verantwortung, sondern auch dem Mitarbeiter. Der Mitarbeiter hat die Selbstverantwortung, die geforderte Leistung zu bringen und sein Wissen und Können auf dem neusten Stand zu halten, um jederzeit marktgerecht zu bleiben.

Was spielt sich in Führungskräften ab, die oft entlassen müssen?
Führen hat mit Macht zu tun. Wenn man sich dieser Macht bewusst ist, versteht man auch, dass man als Führungsperson verantwortungsvoll mit dieser Macht umgehen muss. Arbeitskräfte einstellen und auch entlassen ist eine Führungsaufgabe. Wenn man sicherstellt, dass man die notwendigen Fachkenntnisse hat, kann man solche schwierigen Führungssituationen professionell angehen und verhindern, dass bei der gekündigten Person «Ohnmacht» entsteht. Jeder muss für sich entscheiden, ob er oder sie mit solchen Situationen umgehen kann, ohne persönlichen Schaden davonzutragen.

Clooney nimmts ganz locker.
Der Film zeigt eine von vielen Möglichkeiten: George Clooney verdrängt seine Emotionen und wird zur teflonbeschichteten Reflexionsfläche, er wirkt «abgekoppelt», unmenschlich und gefühllos – das hat wenig mit menschen- und werteorientiertem Führen zu tun.

Werden Sie den Film für Schulungszwecke einsetzen?
Wir brauchen in unseren Schulungen und Coachings oft realistische Situationen – auch Filmausschnitte. Ich könnte mir vorstellen, die Kündigungsreaktionen zu nehmen und sie den Führungskräften vorzuspielen, um mit ihnen Entlassungsgespräche zu üben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2010, 13:56 Uhr

Populär auf Facebook Privatsphäre