Das Hirn mit der Magnetspule ankurbeln

Man traute der Magnetstimulation, die Gehirnfunktionen beeinflussen kann, Grosses zu: Depressionen heilen, Tinnitus ausschalten, Lernprozesse steigern. Was ist nach Jahren der Forschung daraus geworden?

Das Magnetfeld soll ihr helfen: Eine Patientin wird mit der TMS-Methode behandelt.

Das Magnetfeld soll ihr helfen: Eine Patientin wird mit der TMS-Methode behandelt. Bild: Keystone

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Die Probandin nimmt auf einem Kunstledersessel Platz. «Haben Sie jemals einen epileptischen Anfall gehabt?», fragt Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Die Frau verneint, und er hält eine schmetterlingsförmige Magnetspule an ihren Kopf, knapp links vom Scheitel. Ein Knopfdruck, ein Klacken des Geräts, dann zuckt der rechte Unterarm der Frau. «Ich löse direkt im motorischen Kortex eine Bewegung aus», erklärt Jäncke.

Der Hirnforscher rückt die Spule nach hinten, neben das Hinterhauptbein. Klack. Für einen Sekundenbruchteil blitzt ein flimmernder Fleck im Blickfeld auf – das Magnetfeld hat in der Sehrinde ein Phosphen ausgelöst, eine visuelle Erscheinung, so etwas wie ein Phantombild.

Transkranielle Magnetstimulation (TMS) heisst diese Methode. Sie soll das Gedächtnis ankurbeln, die Lerngeschwindigkeit verbessern oder Schläfrigkeit verscheuchen. Bei so unterschiedlichen Krankheiten wie Depressionen, Schüttellähmung, Migräne, Tinnitus, Schlaganfall oder Autismus erhofft man sich eine positive Wirkung.

Stimulierte Hirnareale

Das Prinzip: Die Spule erzeugt ein Magnetfeld, das unter dem Schädelknochen in den Gehirnzellen elektrische Aktivität auslöst. Der Impuls ist schmerzlos und reversibel; die Probandin fühlt nicht mehr als einen leichten Schlag auf die Kopfhaut, als klopfe man mit einem Kugelschreiber darauf. Aus der Reaktion – Armzucken oder Sehstörung – kann man schliessen, welche Funktion das stimulierte Hirnareal innehat.

Die Euphorie war gross, als der britische Ingenieur Anthony Barker 1985 diese Möglichkeit entdeckte: Der alte Traum, Verhaltensweisen direkt im Denkorgan beeinflussen zu können, schien sich zu erfüllen – eine Art hirnchirurgisches Skalpell, aber ohne Blut, Schmerz und bleibende Schäden.

Inzwischen berichten viele Studien, dass die Magnetstimulation je nach Impulsfrequenz Gehirnleistungen wahlweise fördern oder hemmen kann: Sie kann Sprache ausschalten, vorübergehend Halluzinationen aufheben und sogar das Lösen von Denkaufgaben erleichtern – eine Art Nachhilfe auf Knopfdruck. Dies zeigte das Team von Wolfgang Klimesch vom Institut für Psychologie der Universität Salzburg, indem bei Testpersonen jene Hirnregion stimuliert wurde, die für räumliches Denken zuständig ist. Und schon konnten die Probanden eine Übung, bei der es galt, im Geiste ein Objekt zu drehen, besser lösen.

Funktionen an- und ausschalten

Ihr aktives Einwirken auf die Gehirnprozesse ist die Stärke der TMS. Während Enzephalogramme oder bildgebende Verfahren wie Kernspintomografen nur den momentanen Aktivitätszustand des Gehirns darstellen, kann die Magnetspule Funktionen an- oder ausschalten. «Diese Kausalität macht die TMS zum fantastischen Werkzeug», sagt Hirnforscher Jäncke.

Jänckes Team in Oerlikon setzt TMS zur Erkundung von Problemen ein, die in gehemmter oder übersteigerter Hirnaktivität wurzeln. Bei Rechenschwäche zum Beispiel ist die Gehirnaktivität bei der Zahlenverarbeitung reduziert. Bei Tinnitus hingegen, einem summenden Phantomgeräusch, liegt mangelnde Hemmung in der Sprachregion vor.

Grosse Hoffnungen weckte die TMS bei der Behandlung von schweren Depressionen, denen mit Medikamenten nicht beizukommen war. Einige TMS-Forscher beobachteten in den Neunzigerjahren, dass die Stimulation des Belohnungssystems im Gehirn depressive Patienten aufheitern konnte, vermutlich durch die Ausschüttung von Glücksbotenstoffen wie Dopamin.

Oft besser als Medikamente

2008 liess die US-Gesundheitsbehörde FDA die Magnetspule als Therapeutikum zu. Inzwischen folgte Ernüchterung. Studienserien, die parallel in mehreren Kliniken stattfanden, konnten die sensationellen Einzelergebnisse nicht bestätigen. «Ein Effekt wird zwar regelmässig berichtet, ist aber klinisch nicht bedeutsam genug», sagt Uwe Herwig, Psychiatrieprofessor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, der TMS nutzt, um die Gehirnprozesse bei Schwermut besser zu verstehen.

Einen grossen Pluspunkt sieht jedoch der TMS-Pionier Mark George von der Medical University in South Carolina, USA: Die Methode hat keine nennenswerten Nebenwirkungen. Seine jüngste Studie mit 200 Testpersonen ergab, dass TMS in vielen Fällen zumindest besser helfe als Medikamente, wenn auch nicht so gut wie die Elektrokrampftherapie.

«Depressionen sind zu uneinheitlich», vermutet Herwig als Grund für die durchzogenen Befunde. «Man müsste jene Patienten besser identifizieren können, deren Gehirn voraussichtlich davon profitiert.» Bei diesen könnte die Magnetspule düstere Gedanken verscheuchen, indem sie eine Art Rauschen in verfestigte Hirnaktivitätsmuster bringt, so Herwigs These. «Wie das Rauschen im Radio könnten die Magnetstimulationen Denkschemata wie‹keiner mag mich› stören, und positive Gedanken würden so wieder eine Chance bekommen.»

Tatsächliche Leistung zeichnet sich ab

Neuropsychologe Jäncke vermutet noch ein anderes Funktionsprinzip: TMS macht das Gehirn lernbereiter, indem es den Aufmerksamkeitsstatus erhöht, der für das Lernen entscheidend ist. Darum funktioniere sie womöglich bei Depressionen nur im Zusammenspiel mit einer Psychotherapie: «Man müsste genau dann stimulieren, wenn die Leute gute Gedanken haben, damit diese verfestigt werden», sagt er.

So zeichnet sich allmählich ab, was die Magnetspule leisten kann und was nicht. Bei Depressionen ist die Wirkung gering, ebenso beim Sprachverlust nach Schlaganfällen – «nicht besser als eine Singtherapie», urteilt Jäncke. Störende Tinnitus-Geräusche und auch Zwangsstörungen und epileptische Anfälle liessen sich mit Stimulation nicht wesentlich verbessern. Erfolge konnte man aber beim Stimmenhören bei Schizophrenie, bei neurologischen und postoperativen Schmerzen und beim Neu-Lernen von motorischen Fähigkeiten nach Schlaganfällen erzielen.

Besser Klavier spielen

Bei diesem Mosaik aus Erfolg und Misserfolg keimt ein Verdacht auf: Ist hier womöglich nur ein Placebo-Effekt effektiv? «Placebo spielt eine grosse Rolle bei dieser Technik», ist Jäncke überzeugt. Ein Experimentator, der sich um den Patienten kümmert, dazu ein technisches Wundergerät – schon das allein könnte Wirkung zeigen. Depressionsforscher Herwig bestätigt dies und ergänzt: «TMS bringt eine Aktivität ins Gehirn, die sonst nicht da wäre», sagt er.

Für Jäncke steht ausser Frage, dass die Transkranielle Magnetstimulation bei Gesunden Leistungen aufputschen kann. In Versuchen liessen sich verbale Fähigkeiten sowie die Tastgenauigkeit bei Klavierspielern nachweisbar steigern – auch wenn Anfänger deshalb noch nicht Brahms spielen konnten. «Man kann auch niemandem Gedanken eingeben, aber man kann existierende Gedanken verfestigen», sagt er. Allerdings könne das auch ein Hassprediger oder ein erinnerungsreiches Musikstück. «Es ist nichts Neues, das Gehirn zu manipulieren», so der Forscher. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2011, 21:04 Uhr

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