Das Logbuch des Alkoholkonsums

Ab dem 1. Januar 2014 werden bei Alkohol am Steuer Haarproben genommen. Mit der Analyse von Kopfhaaren können Rechtsmediziner den durchschnittlichen Genuss von Alkohol dokumentieren.

Die Zellen der Haare speichern die Substanz Ethylglucuronid, die bei der Analyse als Alkoholmarker dient: Mikroskopaufnahme eines Haarteils. (Bild: Keystone)

Die Zellen der Haare speichern die Substanz Ethylglucuronid, die bei der Analyse als Alkoholmarker dient: Mikroskopaufnahme eines Haarteils. (Bild: Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ab nächstem Jahr muss ordentlich Haare lassen, wer mit 1,6 Promille Alkohol im Blut hinter dem Steuer erwischt wird.Neu wird ab dem 1. Januar 2014 automatisch die Fahreignung eines fehlbaren Lenkers überprüft. Rechtsmediziner werden dann mithilfe von mindestens zwei bleistiftminendicken Haarbüscheln, sauber zusammengebunden und nahe der Kopfhaut abgeschnitten, tief in die Vergangenheit des fehlbaren Fahrers blicken. «Eine Untersuchung der Haare ist heute der gängige Weg, um das Trinkverhalten einer Person beziehungsweise ihre Abstinenz über einen längeren Zeitraum zu dokumentieren», sagt Markus Baumgartner vom Rechtsmedizinischen Institut der Universität Zürich.

Die Kopfhaare sind eine Art Logbuch des Konsums. Chronologisch wird da abgelegt, was wir über die Lunge, die Haut oder den Magen-Darm-Trakt aufnehmen. Alkohol, Drogen oder Medikamente können bereits in kleinsten Mengen im Haar festgestellt werden. Und auch Umweltgifte wie Blei, Arsen oder Quecksilber hinterlassen nachweisbar ihre Spuren. Gleiches gilt für das Steroid Nandrolon, das von Kraftsportlern gerne als Dopingmittel missbraucht wird.

Gilt es die Frage eines möglichen Alkoholmissbrauchs zu beantworten, suchen die Experten unter anderem nach der Substanz Ethylglucuronid, einem Stoffwechselprodukt, das nach dem Konsum von Trinkalkohol in der Leber gebildet wird. «Wir haben mit Ethylglucuronid erstmals einen Alkoholmarker, der genaue Aussagen darüber erlaubt, ob eine Person über einen längeren Zeitraum gar keinen, mässig oder übermässig viel Alkohol konsumiert», sagt Markus Baumgartner, der der Arbeitsgruppe Haaranalytik der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtsmedizin vorsteht.

Ein Zentimeter Haar pro Monat

Haare sind sogenannte Hautanhangsgebilde, die wenige Millimeter unter der Hautoberfläche in Haarfollikeln gebildet werden. Zellen sterben da ab, verhornen und werden langsam nach aussen geschoben. Jeden Tag ungefähr ein Drittelmillimeter. Die äusserste Schicht eines Haares besteht aus diesen abgestorbenen, dachziegelartig geschichteten Zellen. Ethylglucuronid und auch andere Substanzen gelangen über feine Blutgefässe in die Haarfollikel und damit auch in die Haare. Ein Zentimeter Haar bildet so den Alkoholkonsum oder Drogenmissbrauch eines Monats ab – je weiter weg von der Kopfhaut, desto weiter zurück liegt der Genuss von Wein, Bier, Schnaps oder auch Kokain.

Erst kürzlich konnten Wissenschaftler der Universität Zürich zwei von drei Personen einer Stichprobengruppe, die beim Hausarzt zuvor während eines halben Jahres negative Urinproben abgeliefert hatte, den Konsum von Kokain nachweisen – die Haare lieferten den Beweis. Wie in einem offenen Buch lässt sich in den Haaren einer Person dennoch nicht lesen. So kann die Haaranalyse nicht unterscheiden zwischen einer Person, die sich regelmässig ein Feierabendbier gönnt, und einem Wochenendsäufer, der die gleiche Menge Alkohol am Samstagabend nach einer abstinenten Woche in sich hineinschüttet.

Mit den Haaren könne lediglich der durchschnittliche Alkoholkonsum aufgezeichnet werden, erklärt Baumgartner. Die Frage aber, ob jemand nur am Wochenende trinke, könne mit regelmässigen Blut- und Urinproben beantwortet werden. «Haar-, Blut- und Urinanalysen sind Untersuchungsmethoden, die sich gegenseitig ergänzen.» Während der Nachweis von Alkohol im Blut den gegenwärtigen Zustand einer Person zeigt, lässt sich mit ihrem Urin beurteilen, ob sie in den letzten zwei bis drei Tagen getrunken hat.

Jährlich bis zu 10'000 Anfragen

Pro Jahr werden in den Rechtsmedizinischen Instituten Basel, St. Gallen, Bern und Zürich zwischen 8000 und 10'000 Haarproben auf den Alkoholmarker Ethylglucuronid untersucht. Um die zu erwartende Zunahme der Anfragen ab Januar 2014 bewältigen zu können, investiert das Rechtsmedizinische Institut Zürich bereits heute in Räumlichkeiten und Apparaturen.

Bei der Haaranalyse werden die zu untersuchenden Proben erst gewaschen und pulverisiert. Der Alkoholmarker Ethylglucuronid wird dann unter konstantem Schütteln aus den Haarfragmenten herausgewaschen und mittels Gas- oder Flüssigchromatografie in Kombination mit der Massenspektrometrie nachgewiesen. Bereits die kleinsten Mengen des Alkoholmarkers werden aufgespürt: Enthält ein Gramm Haar mehr als sieben Milliardstelgramm Ethylglucuronid, kann von einem moderaten Alkoholkonsum ausgegangen werden. Mehr als 30 Milliardstelgramm Ethylglucuronid sprechen für einen übermässigen Alkoholkonsum. Zum Vergleich: Bei einem täglichen «Herrgöttli» von 2 dl Bier sei in den Haaren bereits Ethylglucuronid nachweisbar, sagt Markus Baumgartner. Dieses liege aber noch unter der 7-Milliardstelgramm-Marke.

Der Nachweis von Ethylglucuronid oder anderen Konsummarkern im Haar ist in der Schweiz standardisiert, die Interpretation der Resultate sei aber alles andere als banal, so Baumgartner. So kann beispielsweise das Bleichen der Haare die Resultate verfälschen, Gleiches gilt für extrem häufiges Haarewaschen. Auch kann die natürliche Pigmentierung der Haare die Einbaurate der Substanzen beeinflussen.

Als erschwerend kommt hinzu, dass nicht alle Haare gleichzeitig wachsen. Bis zu 20 Prozent unserer Kopfhaare befinden sich in der sogenannten telogenen Phase, in der das Haar in Ruhe verharrt, bevor es ausfällt und durch ein neues ersetzt wird. Alkoholmarker im telogenen Haar sind entsprechend älter als jene im gleich langen, noch wachsenden Haar. Werden diese Einwände aber berücksichtigt, lassen die Haare eines Verkehrssünders tatsächlich tief blicken. Wobei die heute geltenden Richtlinien den Konsum eher unterschätzen würden, sagt Markus Baumgartner. «Wir sind sehr sicher, dass wir keine Falscheinschätzung machen.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.06.2013, 22:53 Uhr)

«Alkoholfreies Bier»

Nicht zwingend ohne AlkoholWer auf richterliche Anordnung hin abstinent leben muss, auf den Geschmack von Bier aber dennoch nicht verzichten mag, hält sich vernünftigerweise an «alkoholfreies» Bier. Würde man meinen. Die Geschichte eines Bauarbeiters aber zeigt: Was als «alkoholfrei» deklariert wird, muss nicht unbedingt frei von Alkohol sein. Obwohl der Mann nur alkoholfreies Bier trank und auch sonst die Finger von Hochprozentigem liess, attestierten ihm die Rechtsmediziner der Universität Zürich nach der Analyse seiner Haare einen regelmässigen Alkoholkonsum. Wie sich herausstellte, enthielt das von ihm bevorzugte alkoholfreie Bier immer noch 0,5 Volumenprozent Alkohol – was nach schweizerischem Recht zulässig ist und im Haar entsprechend auch nachweisbar war. (bäc)

Artikel zum Thema

«In der Romandie sind Alkohol und Tempo ein Problem»

Interview Seit 75 Jahren versucht die BFU, Unfälle zu vermeiden. Direktorin Brigitte Buhmann über Pudel in Cabrios, Airbags in Altersheimen und Sicherheitsparanoia. Mehr...

«Weniger Ideologie beim Thema Alkohol»

Die Alkoholpolitik des Ständerats sieht höhere Preise und Verkaufsverbote vor. Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Korrespondent Bruno Kaufmann sagt, was die Schweiz von Schweden lernen kann. Mehr...

Kein Alkohol mehr ab 22 Uhr

Der Ständerat hat sich für ein nächtliches Verkaufsverbot von Alkohol ausgesprochen. Zudem soll Billigalkohol mithilfe eines Mindestpreises aus den Regalen verschwinden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Mobil, personalisiert, emotional

Adaptives Lernen ist einer der Trends im Bildungsbereich.

Werbung

Kommentare

Weiterbildung

Mobil, personalisiert, emotional

Adaptives Lernen ist einer der Trends im Bildungsbereich.

Die Welt in Bildern

Geben Vollgas: Beyoncé und Kendrick Lamar bei einem gemeinsamen Auftritt an den BET-Awards in Los Angeles (26. Juni 2016).
(Bild: Danny Moloshok) Mehr...