Das Trauma im Mutterleib

Kinder haben schon in der Gebärmutter ein eigenes Gefühlsleben. Auch ihre «Stressachse» wird dort programmiert. Was sie im Mutterleib erleben, kann sich später folgenschwer auswirken.

Bild: /Keystone

Der siebenjährige Kevin wollte einfach nicht mehr in die Schule. Im Klassenzimmer zeigte er massive Ängste. Besonders heftig reagierte er, wenn es an die Tür klopfte. Kevins Eltern waren ratlos und suchten Hilfe bei einem früheren Schulpsychologen und heutigen Körperpsychotherapeuten.

Kevins Eltern, so stellte sich heraus, hatten im vierten Schwangerschaftsmonat einen Autounfall. Für den Therapeuten war klar: Kevin erlitt ein vorgeburtliches Trauma. Er erlebte den Mutterbauch als nicht sicher und übertrug nun sein frühes Erlebnis auf das Klassenzimmer. In der Therapie ging es, stark verkürzt, darum, dass die Eltern anerkennen konnten, dass sie ihr Kind damals nicht schützen konnten und ihm vermittelten, heute verlässlich für es da zu sein. Nach einigen Monaten therapeutischer Begleitung fand Kevin den Weg zurück ins Klassenzimmer.

Überlebte Abtreibungsversuche

Vor nicht allzu langer Zeit hätte man über solche Kausalketten den Kopf geschüttelt. Ungeborene, so die landläufige Überzeugung, seien passive Passagiere im Mutterbauch und reagierten kaum auf ihre Umgebung. Heute jedoch sind sich Neurowissenschaft und pränatale Psychologie (siehe Box) weitgehend einig, dass die neurologische Entwicklung schon mit der Empfängnis beginnt und dass auch die Zeit im Mutterleib grossen Einfluss hat auf die Art und Weise, wie wir unser Leben bewältigen.

Im Ultraschall machen schon acht Wochen alte Föten Tastbewegungen. Sie können sich, später, auch bei einem lauten Geräusch zusammenziehen. Im 3-D-Ultraschall ist zu erkennen, dass Ungeborene ab der 26. Woche eine Art Lächeln zeigen, eine Fähigkeit, die bisher nur Neugeborenen ab sechs Wochen zugesprochen wurde.

Intensive Kommunikation

Aus der Hirnforschung ist bekannt, dass Mutter und Embryo intensiv miteinander kommunizieren. «Wenn die Mutter unter Stress steht, wirken Botenstoffe aus ihrem Körper direkt auf das Gehirn des Embryos ein», sagt der Hirnforscher Gerhard Roth. Auch die Stressachse wird schon im Mutterleib «programmiert», wie Tierversuche belegen: Ist der Fötus zu oft oder übermässig unter Druck, kann das Zusammenspiel zwischen neurologischen, hormonellen und immunologischen Strukturen dauerhaft aus dem Gleichgewicht geraten.

Zu den belastendsten Erlebnissen im Mutterleib gehören überlebte Abtreibungsversuche. Aber auch pränatale Untersuchungen oder das Gefühl, nicht willkommen zu sein, können traumatisierend wirken. Vorgeburtlich gestresste Kinder, so zeigen Untersuchungen, sind erregbarer und können ihr Verhalten schlechter regulieren. Bei älteren Kindern und Erwachsenen sind Symptome wie Lernstörungen, Ängste, Phobien, depressive Störungen möglich - «eigentlich die ganze Palette psychischer Probleme», sagt der Basler Psychiater Peter Schindler, Präsident der Internationalen Studiengemeinschaft für Prä- und Perinatale Psychologie und Medizin Schweiz. Er stellt fest, dass immer mehr junge Eltern Hilfe suchen und wissen wollen, warum ihr Baby so oft weint, schlecht schläft, auf Zuwendung kaum reagiert.

Um gestresste Babys und ihre Eltern kümmert sich inzwischen eine zunehmend grössere Therapeutenszene. Das Kind steht dabei im Mittelpunkt, aber auch die elterlichen Kindheits- und Geburtserfahrungen spielen eine wichtige Rolle. Dabei gehe es nicht um die Suche nach «Fehlern», sondern darum, die Eltern zu unterstützen, ihre eigenen inneren Nöte wahrzunehmen, sagt der Basler Craniosacraltherapeut Hans-Michael Flämmig. Dank ihrer so gewonnenen Präsenz finde das Kind Halt und fühle sich verstanden. Jede auf dem Körper der Eltern geweinte Träne wirke heilend, glaubt der Basler Körperpsychotherapeut Franz Renggli.

Geburt als prägendes Erlebnis

Werdende Mütter standen wohl noch nie so unter Erfolgsdruck wie heute. Was könnte helfen? «Alles, was zu einer bewussten, bindungsorientierten Schwangerschafts- und Geburtspraxis führt, ist vorbeugend sehr wertvoll», sagt der Psychiater Peter Schindler. Wenn wir verstünden, dass unser seelisches Erleben schon in der Gebärmutter höchst sensibel funktioniere und die Geburt das vielleicht prägendste psychische Erlebnis überhaupt sei, würden wir Babys viel sorgfältiger behandeln und viel menschliches Leid verhindern können, ist der Psychiater überzeugt.

Klaus Käppeli, Körperpsychotherapeut in St. Gallen, plädiert für mehr Information: Werdende Eltern sollen besser darüber aufgeklärt werden, welchen Einfluss vorgeburtliche Untersuchungen - zum Beispiel Fruchtwasserpunktionen - auf ihr Kind haben können. Die Eltern sollten angeleitet werden, wie sie mit dem Kind im Bauch sprechen können, falls ein Eingriff nötig sei oder wenn es andere schwierige Momente gebe. Studien hätten gezeigt, dass der Körper deutlich weniger Stresshormone ausschütte, wenn er auf heikle Ereignisse vorbereitet werde.

Unerklärliche, heftige Gefühle

Auch immer mehr Erwachsene versuchen heute, ihre Schwangerschafts- und Geburtsgeschichte aufzuarbeiten. «Immer dann, wenn wir mit unerklärlich heftigen Gefühlen reagieren oder in den gleichen negativen Verhaltensmustern stecken bleiben», sagt Käppeli, «können vorgeburtliche oder schwierige Geburtserlebnisse im Spiel sein.» Situationen also, in denen unsere Psyche noch ungeschützt war. Derart frühe Verletzungen sind mit Worten kaum erreichbar, deshalb arbeiten die Therapeuten vor allem auf der Körperebene. Andere nützen auch die sogenannte Affektbrücke. Mit dieser neuropsychologischen Methode lassen sich die mit dem traumatisierenden Ereignis verbundenen Gefühle und Körperempfindungen aktualisieren und therapeutisch besser bearbeiten.

Allerdings tummeln sich im weiten Feld des vorgeburtlichen Lebens auch Scharlatane. Zur Vorsicht warnt der Psychiater und Depressionsspezialist Daniel Hell zum Beispiel, wenn Therapeuten psychische Probleme auf einen einzigen Auslöser zurückführen. Belastungen lösten auch längst nicht bei allen Menschen Störungen aus. Vorgeburtlicher Stress, relativiert Hell, könne zudem nicht bewusst und semantisch erinnert werden. Deshalb führe er auch nicht zu späteren Fehlverarbeitungen eines Ereignisses, wie wenn im Erwachsenenalter ein Unglück bewusst erlebt wird und zu quälendem Grübeln Anlass geben kann, im Sinne von: Was habe ich falsch gemacht? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2009, 11:43 Uhr

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18 KOMMENTARE

Michael Flämmig

19.01.2010, 00:30 Uhr

@Juliane Michels: Beim Neugeborenen sind Nerven noch nicht vollständig myelinisiert. Sie können also keine Schmerzempfindungen leiten. Mit dieser physiologischen Begründung wurden bis vor 30 Jahren Eingriffe am Baby ohne Betäubung durchgeführt. Mittlerweile hat man dazu gelernt, dass physio-logische Schlüsse nicht immer logisch sein müssen. Das gilt wohl auch für's Erinnerungsvermögen.


eugen bissegger

06.01.2010, 20:51 Uhr

@Juliane Michels: Danke. Wenn sich Psychologie um Kunden zu gewinnen, mit Esoterik vermischt, wird es ziemlich abstrus oder gar gesundheitsgefährdend für jene, welche sich diesen Pseudoritualen zwecks besserer Lebensbewältigung unterwerfen. Hände weg von "Sekten", wäre Stichwort.


Juliane Michels

31.12.2009, 18:38 Uhr

@ Ebneter: Versuche, die sich der Hypnose oder Verabreichung von Drogen bedienen, sind mit Vorsicht zu genießen. Halluzinationen sind keine Erinnerungen. Explizite Erinnerungen, wie an einen Hund, sind aufgrund der infantilen Amnesie nicht möglich. Der Hippocampus, der für die Konsolidierung von Langzeiterinnerungen zuständig ist, ist im Mutterleib noch nicht entwickelt (erst ab ca. dem 3. L.J.)


werner Ebneter

30.12.2009, 23:01 Uhr

solche untersuchungen gibt es seit jahren. dabei hat es versuche bei kindern gegeben, sie durch hypnose in die vorgeburtliche zeit zurückzuführen. solche versuche wahren erfolgreich, wie versuche bei erwachsenen mittels lsd. ein beispiel: erinnerungen während der schwangerschaft mit einem hund gespielt zu haben. es wahr der neue junge hund, welcher mit den pfoten auf dem bauch der mutter spielte.


Juliane Michels

30.12.2009, 12:27 Uhr

Wurden Langzeitstudien durchgeführt, die den postulierten Einfluss vorgeburtlicher Erfahrungen auf spätere Fehlentwicklungen belegen? Woher will der Therapeut wissen ("Für den Therapeuten war klar") wo er "die" Ursache suchen soll? Wie kann er wissen, dass er auch wirklich "die" Ursachen gefunden hat? Wurden auch andere mögliche Ursachen in Erwägung gezogen und überprüft?


Stefan Weber

30.12.2009, 11:11 Uhr

Warum müssen alle Verhalten unserer Kinder gleich krankhaft sein und und von einenem "Spezialisten" angegangen werden? Wo bleibt die normale Entwicklungsmöglichkeit? Ich finde diese vielen sogenanten Therapeuten erfinden immer wieder etwas Neues und verdienen so ein heiden Geld. Verständniss und Geduld sind oft eine bessere Medizn.


Cornelia Nussle

30.12.2009, 10:54 Uhr

Psychische Schwierigkeiten lassen sich therapeutisch erfassen und verändern, wenn Therapeuten die ganze Palette an Einflüssen auf die Mentale Modellierung eines Menschen ab Zeugung bis Jugendende kennen und die Klienten zu ihren persönlichen Traumatas führen können. Meine eigene Erfahrung der Therapie von Stress, Angst und Burnout zeigt trotz Symptomgleichheit sehr unterschiedliche Auslöser.


Tamara Zgraggen

30.12.2009, 10:05 Uhr

Guter Artikel. Vielleicht gar nicht schlecht, wenn man sich mal darüber etwas Gedanken machen würde, muss ja nicht gleich in die Monokausalität abgleiten.


eugen bissegger

30.12.2009, 08:59 Uhr

@Andre Grueter: Ich lese in keinem Kommentar abschätziges oder diffamierendes! Diese Therapie ist eine von vielen in der vielfalt der möglichen Therapien. Die Entwicklung des Menschen dauert lange. Neurotische Störungen und Fehlverhalten oder gar schlimmeres entstehen ( u. a. ) im Laufe der Erziehung und dem individuellen Erleben innerhalb eines Moralkodexes der "gegebenen Gesellschaftsordnung".


Stefan Werner

30.12.2009, 08:01 Uhr

Dass der Mensch sich auch vor der Geburt aktiv und unter Einwirkung von Umwelteinflüssen entwickelt, ist klar. Die Frage ist, was nützt's? Stress-, Autofahr- und Streitverbot für Schwangere? Pränatal-Psychotherapie für alle Ungeborenen von Schwangeren, die ein Trauma erlitten? Vielleicht ist es aber auch gerade das Wechselbad von Gefühlen, das die spätere Anpassungsfähigkeit an Stress fördert?


Andre Grueter

29.12.2009, 22:41 Uhr

Es ist immer wieder erstaunlich, wie abschätzig,diffamierend sich gewisse Personen zu gewissen Themen äussern.Wenn man diese Kommentare so liest,bekommt man das Gefühl,dass hier mehrheitlich die eigene Frustration mit dem Lebens abgebaut wird und nicht auf den Artikel bezogen ist.Vielleicht sollte man entsprechende Foren zur Bewältigung der eigenen Unzufriedenheit und Geltungsdrang o-l schalten:-)


Roger Pfister

29.12.2009, 21:00 Uhr

Ich habe manchmal auch Stress oder Müdigkeit und fühle mich schlapp. Wahrscheinlich leide ich auch an einem vorgeburtlichen Trauma. Zum Glück bin ich mit dem selbstbehalt bei der Krankenkasse aufs minimum gegangen. Ich werde mich nächstes Jahr von den besten und teuersten Spezialisten behandeln lassen. Ich leide nämlich wirklich!


C, Brunner

29.12.2009, 20:40 Uhr

Wie lässt sich aber das differenzierte Verhalten meiner Zwillinge erklären? Der Zeitgeborene war das Schreibaby in unserer Familie. War eine leichte Geburt Damit er sich beruhigtem war er Stundenlang bei mir auf dem Arm und schlief die ersten4 Jahre jede Nacht bei mir im Bett. Auch ist der Zeitgeboren derjenige, der schulisch Probleme aufweisst. Dabei waren wir stolz Zwillinge spontan zu bekomm.


Markus Weber

29.12.2009, 18:05 Uhr

Ich kann mir mind. 10 Gründe denken, warum ein Kind nicht mehr in die Schule will, die mir viel plausibler erscheinen als "vorgeburtlicher Stress." Auch der Erfolg einer Psychotherapie, in der auch Eltern einbezogen wurden, beweist noch keine "vorgeburtlichen Traumen." Bin gespannt welche bizarren Theorien die Psychologen in Zukunft noch erfinden werden.


Hansruedi Wipf

29.12.2009, 17:52 Uhr

Sicher für viele Menschen neu, aber wer mit der Hypnosetherapie und der damit einhergehenden Regression arbeitet, kennt dieses Phänomen schon lange. Erstaunlich, wie lange die "moderne" Wissenschaft braucht um zu denselben Resultaten zu kommen. Diese Erlebnisse können sehr wohl erneut er- und durchlebt werden. Auch reichen oft eine bis max. drei Therapien aus um Probleme/Symptome zu eliminieren


eugen bissegger

29.12.2009, 16:09 Uhr

Kann ein späteres "Vehlverhalten" an EIN bestimmtes Ereignis festgemacht werden, welches als Trauma erklärt wird? Sicher interessant, vorgeburtliche Erklärungen. Insgesamt halte ich die "These" für wahrscheinlicher, dass das Leben von klein auf bis zum "Erwachsen" werden und im weiteren Verlauf eine unerschöpfliche Quelle ist für traumatische Erlebnisse, deren Bewältigungen sehr individuell sind.


Gerhard Keller

29.12.2009, 14:27 Uhr

Das alles hat Prof. Stanislav Grof schon vor Jahrzehnten in seinen Werken dargelegt. Und auch, wie solche Traumata und auch geburtstraumatische Erfahrungsmuster mittels der sog. holotropen Atmungstechnik angegangen werden können. Entgegen der im Beitrag geäusserten psychiatrischen Sichtweise können diese Erfahrungen sehr wohl wieder erlebt und ausgelebt werden. Mit erwiesen heilsamen Ergebnissen.


Elisabeth Huber - Brun

29.12.2009, 12:44 Uhr

Das ist relativ klar, dass die SEELE reagiert, dass das Empfinden, die Gefühle beeinflusst werden unser ganzes Leben hindurch, angefangen bei den sogenannt ererbten Lebens-Themen. So wie wir unsere Talente ererbt haben für Musik, Turnen, Rechnen, Sport usw. - so auch haben wir das "Negative" mitgenommen um es zu bearbeiten zu erlösen im Hier und Jetzt. Dies gilt auch für die Geburt selber.



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