Das verheerende Ärzte-Domino

Warum soll ein Doktor in Sierra Leone Ebola-Patienten behandeln, wenn er in London 20-mal mehr verdient? Die WHO stemmt sich gegen den fatalen Care-Drain. Und die Schweiz?

Einer, der seinem Land treu geblieben ist: Ein Arzt zeigt in einem Spital in Uganda Ebola-Testserien. (Archivbild, 2012)

Einer, der seinem Land treu geblieben ist: Ein Arzt zeigt in einem Spital in Uganda Ebola-Testserien. (Archivbild, 2012) Bild: Reuters

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«Ich habe mich hilflos gefühlt», beschrieb der deutsche Arzt Thomas Kratz von Ärzte ohne Grenzen in der SRF-Sendung «Club» seinen Ebola-Einsatz vom Juni in Sierra Leone. Hilflos auch darum, weil er alles von Beginn weg aufbauen musste. Er habe sich in den vier Wochen nicht einmal einen Überblick verschaffen können, was die Patienten betrifft. Zu tun hat dieses Chaos auch damit, dass medizinisches Personal schlicht und einfach nicht vorhanden ist. Es fehlt folglich auch an Know-how und Material.

Das Problem ist bekannt: Ärzte, die in ärmeren Ländern ausgebildet werden, zieht es in Regionen, wo sie attraktivere Arbeitsbedingungen antreffen. «Amerika stiehlt der Welt die Ärzte», titelte die «New York Times» vor zwei Jahren. Beschrieben wurde unter anderem die Geschichte von Doktor Kunj Desai aus Sambia. Ihn zog es in die USA, wo dem Mittdreissiger knapp 220'000 Dollar Jahressalär winkten. Im zentralen Spital von Sambias Hauptstadt Lusaka war es ein Bruchteil davon.

60 Prozent der Ärzte in Sierra Leone gehen

Zahlen, die zwar nicht mehr ganz neu sind, zeigen den sogenannten Care-Drain eindrücklich: Eine OECD-Statistik weist für Sierra Leone – eines der derzeit am schlimmsten von der Ebola-Seuche getroffenen Länder – eine Auswanderungsrate von knapp 60 Prozent für Ärzte aus, dies im Jahr 2000. Ganze 236 Ärzte aus dem westafrikanischen Land arbeiteten zu diesem Zeitpunkt in OECD-Ländern, so die Angaben.

Und das Problem könnte sich seither noch verschärft haben, schätzt Martin Leschhorn von Medicus Mundi. Ebenso eindrücklich die Zahlen zu Liberia: Mit einer Auswanderungsrate von 54 Prozent im Jahr 2000 arbeiteten damals 122 Ärzte aus dem Land in OECD-Ländern.

Das Domino findet auch innerafrikanisch statt

Dies dürfte noch nicht einmal die ganze Wahrheit sein. Nicht nur OECD-Länder ziehen Fachpersonal aus diesen Staaten ab, auch innerafrikanisch findet ein Wettbewerb statt. So gilt etwa Botswana als Land, das attraktivere Löhne bezahlen und teils bessere Arbeitsbedingungen bieten kann. Und wer ein noch besseres Umfeld sucht, zieht weiter nach Südafrika. Vom Dominoeffekt sprechen Fachleute dann.

Noch fast schlimmer zeigt sich die Lage beim medizinischen Pflegepersonal. Laut OECD-Statistik betrug die Auswanderungsrate in Liberia im Jahr 2000 knapp 67 Prozent. Und in Sierra Leone waren es 57 Prozent. Unter diesen Umständen wird die Aufrechterhaltung eines Gesundheitssystems, das seinen Namen verdient, schwierig bis unmöglich.

Die Kette Rumänien–Deutschland–Schweiz

Auch Europa kennt das Problem der Fachkräftemigration, die sich als verheerendes Domino erweist – insbesondere bei den Ärzten. Die Schweiz holt deutsche Ärzte, deutsche Spitäler ersetzen ihr medizinisches Fachpersonal mit Rumänen und am Schluss der Kette entsteht in dem osteuropäischen Land eine gefährliche Lücke.

Was Gesundheitspersonal aus Afrika betrifft, übt in Europa vor allem Grossbritannien grosse Anziehungskraft aus. Laut Schätzungen verliessen allein zwischen 2000 und 2005 16'000 Krankenschwestern den afrikanischen Kontinent Richtung britische Inseln.

Und die Schweiz? Im Gegensatz zu Grossbritannien arbeitet hierzulande nur wenig Gesundheitspersonal, das aus afrikanischen Ländern stammt. Die Beteiligung der Schweiz am Care-Drain in Afrika sei allenfalls indirekter Art, sagt Martin Leschhorn von Medicus Mundi. Konkret: Wenn in der Romandie Ärzte aus Frankreich anheuern, werden sie in ihrem Heimatland möglicherweise von Kräften aus Afrika ersetzt.

Der Kodex hilft nur bedingt

Das Problem des Care-Drain ist schon lange erkannt, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 2010 einen Kodex ins Leben gerufen, welcher der internationalen Migration von medizinischem Personal Einhalt gebieten soll. Konkret besagt der, dass Industrieländer nicht aktiv Ärzte aus Entwicklungsländern abwerben. Die Schweiz hat dem Kodex zugestimmt, sie muss der WHO regelmässig Bericht erstatten.

Die Abwanderung von medizinischem Personal aus Afrika kann aber auch ein Kodex nicht stoppen. So gab das britische Gesundheitsministerium schon vor Jahren – als man selber einen Kodex ins Leben gerufen hatte – zu bedenken, dass es wenig Möglichkeiten gebe, Interessierte daran zu hindern, in Grossbritannien um eine Arbeitserlaubnis zu ersuchen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 14.08.2014, 13:53 Uhr)

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