Der Sinn des Lebens (2)
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Lieber G. K.
Weil wir so schlecht darauf verzichten können, ihm einen zu unterstellen. Wir besetzen damit die Leerstelle, die der Tod Gottes hinterlassen hat. Die Natur hat keinen Sinn? Aber erfahren wir nicht täglich aus den Wissenschaftsseiten unserer Zeitungen, warum sich Frauen an ihren fruchtbaren Tagen vor allem Männern mit Glatze oder Geld (oder beidem) als Sexualpartner zuwenden, warum der Buntbarsch so bunt ist und warum im Gehirn das Belohnungszentrum aktiv ist, wenn wir einen Schummler beim Jassen bestrafen – kurz, wie evolutionär «sinnvoll» die Natur und unser Verhalten sind?
Eigentlich hatte Darwin mit der Vorstellung eines Natursinns ein für alle Mal aufgeräumt, indem er die Entstehung der Arten als Effekt blinder Mutation und Selektion erklärte. Doch die populären «Adaptive Stories» des popularisierten Neodarwinismus sind voller Behauptungen über einen verborgenen «Sinn» von diesem und jenem. Dass manche Evolutionisten so allergisch auf die Kreationisten reagieren, hängt vielleicht damit zusammen, dass die Evolutionstheorie selber Züge einer naturalistischen Theologie angenommen hat, einer Quasi-Theologie, in der die «natürliche Ordnung» als letzte moralische Instanz dient.
Das Leben hat keinen Sinn; aber wir können offenbar kaum anders, als uns ständig einen sinnvollen Reim darauf zu machen. Das können wir nicht allein; wir brauchen dafür aber auch keinen Gott, sondern lediglich den Spiegel der anderen (und sei dieser in manchen Situationen auch nur vorgestellt). So schwierig bis unmöglich es ist zu sagen, was d e r Sinn d e s Lebens ist, so kann ich m e i n Leben – mit den Augen der anderen – durchaus als eine Art biografischen Text lesen. Und darin rote Fäden entziffern, wahrscheinlich nicht nur einen, sondern mehrere. In diesem Sinn ist der/mein Lebenssinn vor allem eine retrospektive Angelegenheit.
Zum Sinn des Lebens gehört freilich die Sinnkrise wie die Blasphemie zur Religion: Die roten Fäden unseres Lebens sind eben keine Stahlseile. Jeder einzelne Faden kann reissen oder sich unentwirrbar verknoten. Was wir für einen stabilen Ariadnefaden im Labyrinth unseres Lebens gehalten hatten, war doch vielleicht nur ein zufällig herumliegendes Stückchen Bindfaden.
Aber vielleicht taucht auch an unvermuteter Stelle ein anderer roter Faden auf. Wer e i n e n Lebenssinn für immer haben will, muss Sektierer werden. Alle anderen sollten sich, so gut es geht, im unvermeidlichen Spiel lebenslänglicher Sinn-Konstruktion und -Dekonstruktion einrichten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.09.2011, 07:46 Uhr
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!





