Der imaginäre Freund in der Hosentasche
Phantastische Wesen bevölkern seit jeher als Kobolde, Geister und Engel das kollektive Bewusstsein der Menschheit. Sie manifestieren sich in Fabeln, Kinderbüchern ebenso wie in phantastischen Filmen. Aber eben nicht nur dort.
Auch im Kopf von Kindern, Jugendlichen und manchmal sogar Erwachsenen können erdachte Wesen zu erstaunlicher Realität heranreifen. Die irrsten Figuren, geboren aus nichts anderem als dem eigenen Geist sind für viele, meist junge Menschen ein enger Begleiter im Alltag. «Imaginäre Gefährten» nennt die Psychologie jene Phantasiegestalten, die sich dadurch auszeichnen, dass ein Mensch sie so beschreibt, ja sogar mit ihnen lebt, als würden sie wahrhaft existieren. Dabei sind sie für andere Personen alles andere als real.
In der Psychologie wenig erforscht
Diese Phantasiefiguren sind keineswegs Zeichen eines kranken Geistes. Sie sind gerade bei Kindern Ausdruck einer lebendigen Einbildungskraft, die ihnen hilft, ihren Platz in der Welt zu finden. Alles, was sie dafür brauchen, ist Zeit, um alleine zu spielen – in Gesellschaften, in denen Kinder diesen Freiraum nicht haben, tauchen fiktive Begleiter nur selten auf.
Überraschenderweise sind imaginäre Gefährten bis heute in der Psychologie wenig erforscht. Richard Passman und Espen Klausen von der Universität Milwaukee merkten jedoch kürzlich in einer Überblickstudie im Fachmagazin «Journal of Genetic Psychology» an, diese Forschungsrichtung bekomme nach 100 Jahren und mehreren Fehlstarts nun endlich einen festen Stand.
Am häufigsten bei Kleinkindern
Es sind vor allem die drei- bis siebenjährigen Kinder, die mit den Phantasiefiguren leben, haben Psychologen festgestellt. Meist sind die Begleiter Menschen, aber auch Superhelden, Tiere oder Zauberer kommen vor. Die Kinder sprechen und spielen mit ihnen, manche der Begleiter passen in die Hosentasche, andere schweben.
Nach verschiedenen Studien leben bis zu zwei Drittel aller Kinder für eine Weile mit solchen Schöpfungen. Auch bei Jugendlichen sind fiktive Freunde offenbar keine Seltenheit. Und obwohl Kinder mitunter darauf bestehen, dass ihre Eltern für die imaginären Begleiter einen Platz am Tisch decken, ist ihr Realitätssinn im Allgemeinen deswegen nicht geschmälert.
In der Forschung hat sich im vergangenen Jahrzehnt die Position entwickelt, wonach imaginäre Gspänli eine positive Entwicklungsphase im Leben von Kindern markieren. Die Psychologin Marjorie Taylor von der Universität von Oregon konnte in mehreren Untersuchungen feststellen, dass die betroffenen Kinder sich schneller als ihre «allein lebenden» Altersgenossen eine Vorstellung von den Gefühlen und Gedanken ihrer Mitmenschen bilden.
Soufflierende Engelchen
Ausserdem verfügen Kindern mit imaginären Freunden über deutlich bessere Kommunikationsfähigkeiten, erkannten die Psychologen Anna Roby und Evan Kidd von der Universität Manchester im vergangenen Jahr. Es gebe noch andere Gründe, warum sich ein Kind einen unsichtbaren Kumpel zulegt, sagt die Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke von der Universität Mainz. So leben Kinder auf diesem Wege bisweilen Allmachtsphantasien aus.
Andere kompensieren Einsamkeit – immerhin sind die aussergewöhnlichen Freunde unter Einzelkindern weit verbreitet. Und schliesslich spielen die imaginären Begleiter gelegentlich die Rolle soufflierender Engelchen und Teufelchen, durch die das Kind lernt, eine Welt voller Ver- und Gebote zu durchschiffen.
«Eltern sollten sich keine Sorgen machen»
Es mag zwar mitunter vorkommen, dass fiktive Kameraden bei Kindern ein gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit andeuten, doch sind solche Fälle offenbar selten. Auch sollte das Phänomen nicht als Signal für Missbrauch oder Vernachlässigung verstanden werden, denn gepeinigte Kinder spielen weniger und entwickeln daher meist keine so bewegte Phantasie. «Eltern sollten sich wegen imaginärer Gefährten ihrer Sprösslinge generell keine Sorgen machen», sagt Inge Seiffge-Krenke.
Normalerweise sind die Begleiter reine Phantasiegebilde. Aber es gibt auch Charaktere aus der Medienwelt, die Kinder zu Bezugspersonen erheben – das kann Pippi Langstrumpf sein, der Kobold Pumuckl oder einer der modernen Kämpferfiguren.
Das «Calvin und Hobbes» Phänomen
Manchmal werden auch Kuscheltiere und Puppen zum Leben erweckt. Ein bekannte Illustration dieses Phänomens ist die in den USA populäre Comic-Serie «Calvin und Hobbes», in der der sechsjährige Calvin mit seinem für ihn höchst lebendigen Stofftiger Hobbes Abenteuer besteht. Ist ein Erwachsener zugegen, verwandelt sich Hobbes blitzartig in ein lebloses Kuscheltier zurück.
Solchermassen «personifizierte Objekte» kommen nicht von ungefähr. Sie verdanken sich nicht zuletzt der menschlichen Neigung, Dingen eine Essenz oder Seele zuzuschreiben. So haben die Psychologen Bruce Hood von der britischen University of Bristol und Paul Bloom von der Yale Universität dokumentiert, dass Kinder in Objekten oft eine über die rein physischen Qualitäten hinausgehende Eigenschaft wahrnehmen.
In einem 2007 veröffentlichten Experiment lehnten es fast alle Kinder ab, als Ersatz für einen geliebten Gegenstand (ein Stofftier oder anderes Spielzeug) eine «Kopie» zu akzeptieren. In Wirklichkeit bot man den Kindern den ursprünglichen Gegenstand an – vollkommener konnte die Kopie also gar nicht sein –, aber die Kinder lehnten den Tausch dennoch ab.
«Auch Erwachsene sind betroffen»
Hood erkennt in diesem Verhalten einen Hang zum magischen Denken: «Auch Erwachsene sind nicht ganz frei davon. Einen Füller von Einstein behandeln wir mit grösserer Ehrfurcht als einen äusserlich identischen, der keiner Berühmtheit gehörte. Und die Mehrheit würde es ablehnen, den gereinigten Pullover eines Serienmörders anzuziehen.»
Auch bei Jugendlichen kommen imaginäre Charaktere vor. Diese spielen aber eine andere Rolle als bei Kindern. Während die Kleinen vor allem Spielkameraden für gemeinsame Aktivitäten suchen, ist es für Jugendliche wichtig, einen Ansprechpartner zu haben, dem sie sich anvertrauen können – ein zentrales Merkmal von Freundschaften während der Adoleszenz. Der imaginäre Gefährte hilft ihnen, das sich entwickelnde Verhältnis von Selbst, Welt und sozialem Umfeld auszubalancieren.
«Liebes Tagebuch, ...»
Oft tauchen diese Figuren im Tagebuch auftauchen, und sie werden als Person angesprochen: «Liebes Tagebuch ...» Die Psychologin Seiffge-Krenke berichtete in einer Untersuchung über die Tagebücher von 94 Jugendlichen, dass knapp die Hälfte der Schreiber mit einem imaginären, überwiegend weiblichen Gefährten lebte. Ein berühmt gewordenes Beispiel ist «Kitty», die Anne Frank in ihrem Versteck vor den Nazis als enge Freundin erschaffen hat.
Dass imaginäre Begleiter von Jugendlichen aus Not oder Einsamkeit entstehen, ist jedoch nicht der Fall. Die Tagebuchschreiber in Seiffge-Krenkes Studie zeichneten sich durch ausgeprägte Empathie und soziale Kompetenz aus.
Die beängte Welt bewältigen
Sogar Erwachsene leben mit imaginären Gefährten, was jedoch von der Psychologie noch wenig erforscht wurde. Anders als bei James Stewart im Film «Mein Freund Harvey», im dem ein zwei Meter grosser Hase als loyaler Freund fungiert, liegen hier oft einschneidende Gründe vor.
So gibt es medizinische Berichte, dass an Psychosen leidende Erwachsene solche Vorstellungen erzeugen, um ihre beengte Welt zu bewältigen. Als pathologisch würde wohl auch das kinderlose Ehepaar in dem Film «Wer hat Angst vor Virginia Woolf» gelten, das vorgibt, es habe einen Sohn.
Tote auferstehen lassen
Auch kommt es vor, dass Menschen, die eine nahestehende Person verloren haben, den Verstorbenen in Halluzinationen erleben. Das kann im Extrem dazu führen, dass alte Menschen den toten Gefährten dauerhaft in ihr Leben zurückkehren lassen.
Der kanadische Psychiater Ken Shulman beispielsweise berichtete bereits vor mehr als 20 Jahren von drei über 80-jährigen Senioren, deren jahrzehntelange Ehepartner verstorben waren. Obwohl sie um den Verlust wussten, wunderten sie sich keineswegs über die Rückkehr des Gemahls oder der Gemahlin – eine Frau vermied sogar gezielt, das heikle Thema anzusprechen, um die Erscheinung nicht zu verscheuchen. Allerdings waren die Patienten alle bereits leicht senil. «Das waren Tröster und Gesellschafter», sagt Shulman rückblickend.
Imaginäre Freunde gehen vergessen
Doch warum haben Wissenschaftler dieses Thema so lange gemieden? Es mag daran liegen, dass viele Kinder sich später ihrer imaginären Freunde kaum noch entsinnen. So berichtet Seiffge-Krenke von einem Treffen mit jungen Erwachsenen, die der Psychologin ihre Jahre zuvor verfassten Jugendtagebücher zur Verfügung gestellt hatten.
Als Inge Seiffge-Krenke eine der Frauen fragte, ob sie sich noch an ihre imaginäre Freundin «Kathrin» erinnere, konnte diese sich ausser dem Namen nichts ins Gedächtnis zurückrufen. Dabei hatte sie sich lange und intensiv mit Kathrin auseinandergesetzt. Der Grund dafür könnte sein, dass die Kinder und Jugendlichen stets die volle Kontrolle über ihre Figuren bewahren. Auch wenn sie den imaginären Begleiter nicht mehr brauchen. Dann lassen sie die einstigen Gefährten sterben – oder einfach verblassen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.05.2009, 19:38 Uhr










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