Der nüchterne Psychiater, der den Rausch vermisst

Franz Xaver Vollenweider erforscht die Wirkung von Halluzinogenen auf das Gehirn. Mit ihrer Hilfe, sagt er, könnten sich selbst schwere Depressionen lindern lassen.

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Er interessiert sich für das menschliche Bewusstsein und erforscht es mit schwerem Gerät. Er spekuliert gerne, hält aber nichts von seligem Geschwätz. Er malt und musiziert, aber am glücklichsten macht ihn die Naturwissenschaft. Er erforscht die Neurobiologie des Erlebens, will dieses aber nicht nur kartografieren. Er interessiert sich ebenso für die Biochemie wie für die Psychoanalyse als Sprachen, die das Bewusstsein beschreiben. Am liebsten würde er Kreativität und Mystik vermessen; dabei weiss er, dass beide über die Biochemie weit hinausweisen.

Ein spezielles Fachgebiet

Seine eigenen Träume haben ihn auf den Rausch gebracht. Weil er verstehen wollte, was in seinem Kopf vorging, begann er sich für Halluzinogene zu interessieren und für die Frage, was genau Realität bedeutet, wenn es so viele von ihnen gibt. «Die Halluzinogene LSD, Psilocybin oder Ketamin verändern das Bewusstsein», sagt er, «wie stark, hängt natürlich von der Dosis ab. Im Unterschied zu den Träumen nimmt man diese Veränderung aber bewusst wahr.» Franz Xaver Vollenweider arbeitet als Psychiater an der Zürcher Klinik Burghölzli. Und untersucht seit 18 Jahren die Wirkung bewusstseinsverändernder Substanzen auf Gesunde. Er ist ein Rationalist, der gerne träumt.

Vor kurzem hat Vollenweider zusammen mit seinem Mitarbeiter Michael Kometer in der renommierten Zeitschrift «Nature Review Neuroscience» eine Theorie veröffentlicht. Sie handelt von der biochemischen Wirkung von Halluzinogenen. Und dann auch von deren Potenzial zur Behandlung von schweren und damit schwer behandelbaren Depressionen.

Verstehen, nicht nur erleben

Er selber möchte lieber verstehen als erleben. Verstehen, wie solche Substanzen auf das Gehirn einwirken, und nicht bloss erfahren, wie sich ihre Wirkung anfühlt. «Wir suchen nach einer Sprache, die solche Phänomene erfassen kann», sagt er in seinem nüchternen Klinikbüro. Er verspüre bei sich «den Drang zur Vermessung und Objektivierung», denn nur so liessen sich Resultate verallgemeinern und dadurch nützlich machen.

Von flauschigen Begriffen wie «Universalbewusstsein» hält er wenig und noch weniger von den «sektenähnlichen Egomanen, welche die Halluzinogenerfahrung mit Erkenntnis verwechseln und diese dann der Gemeinde als raunende Märchenstunde vortragen».

Die Wirkung der Halluzinogene

Vollenweider untersucht mit Enzephalografen und Tomografen, zum Beispiel dem PET-Gerät, wie und wo die Halluzinogene im Gehirn seiner Probanden ansetzen, wie sie Botenstoffe und die synaptische Kommunikation zwischen den Nervenzellen beeinflussen und neuerdings auch die Plastizität und damit langfristigen Anpassungsfähigkeit gewisser Hirnfunktionen verstärken.

In den Fünfzigerjahren hofften die Forscher noch, mit hoch dosiertem LSD die Schizophrenie besser zu verstehen. In den Sechzigern setzten sie Halluzinogene in der Psychotherapie ein, um verdrängte Erinnerungen zu reaktivieren. Als Millionen von Hippies die Reise nach innen antraten und einige von ihnen nicht zurückkamen, wurde das LSD generell verboten und für die Forschung sehr stark eingeschränkt.

Die Spur in die Schweiz

Seit einigen Jahren darf das klinische Potenzial von Halluzinogenen wieder erforscht werden und auch das von MDMA, der Wirksubstanz von Ecstasy. Dass die erste wissenschaftliche Pilotstudie mit LSD in der Schweiz bewilligt wurde, hat historische Gründe. Die Substanz war 1943 vom Schweizer Chemiker Albert Hofmann in Basel entdeckt und erlebt worden. Seither spielt die Schweiz eine führende Rolle in der internationalen Halluzinogenforschung. Es sind Nüchterne, die den Rausch am besten vermessen können.

Bis in die späten Siebzigerjahre wurden über 6000 wissenschaftliche Artikel zur klinischen Wirkung von LSD veröffentlicht, doch genügen die wenigsten den heutigen methodischen Kriterien der Wissenschaft. Dabei zeigen neuste Studien mit Ketamin und Psilocybin, vorwiegend in den USA unter strengen ethischen Vorgaben durchgeführt, erstaunliche Resultate: dass nämlich schon niedrige Dosen bei schwer depressiven und kaum zu behandelnden Patienten antidepressiv und angstlösend wirken.

Substanzen mit grossem Potenzial

Dass sich Hirnforscher, Psychiater, Psychologen und mittlerweile auch die Pharmaindustrie so sehr für die Resultate dieser Arbeiten interessieren, sagt Vollenweider, «hat mit dem grossen Potenzial zu tun, das von solchen Substanzen ausgeht». Und zwar gerade in niedrigen, also rauscharmen Dosierungen. «Je besser man die neurobiologischen Mechanismen solcher Substanzen erforscht, desto leichter lassen sich daraus neue entwickeln: mit der gewünschten klinischen Wirkung und fast ohne Nebenwirkungen.»

Hoffnung für Hoffnungslose

Was Franz Xaver Vollenweider an den neuen Studien am meisten überrascht: dass schon eine einmalige Infusion von Ketamin die Stimmung von Patienten stark anhob, die an schweren Depressionen litten und auf keine herkömmliche Therapie mehr ansprachen. Nach kurzer Behandlung reagierten die Patienten nicht nur zugänglicher und offener auf ihre Umwelt, sondern litten auch weniger unter Selbstmordgedanken. Mehr noch, bei einigen Patienten hielten die positiven Wirkungen bis zu drei Monate lang an.

Andere Studien mit Psilocybin zeigen, dass sich auch die Symptome von Zwangspatienten stark verringern lassen. Und dass sich Krebspatienten im Endstadium psychisch öffnen können. Diese bemerkenswerten Ergebnisse, un längst in der Fachzeitschrift «Nature Review Neuroscience» diskutiert, fanden bei Fachleuten grosse Beachtung. Wie sind sie zu erklären?

Wie Vollenweider in seiner Studie ausführt, modulieren solche Substanzen gezielt die Plastizität des Gehirns. Diese Plastizität könnte die neurobiologische Grundlage für «einen Wechsel der Perspektive» bilden, wie er es nennt. Alte, bedrückende Erfahrungen würden sozusagen mit neuen überschrieben.

Die wunderbare Wirklichkeit

Mithilfe von Halluzinogenen liessen sich nicht nur die Symptome psychischer Krankheiten reduzieren, sondern auch ihre Heilung, in Kombination mit einer Psychotherapie, langfristig fördern. Das alles müsse man jetzt klinisch weiter erforschen, um es dann zu nutzen.

Eine erhöhte Plastizität im Hirn bedeutet, dass sich Funktionen anpassen oder sogar verbessern lassen. Das zeigt schon das stark gewachsene Interesse an Psychopharmaka, die das Lernen, Erinnern und die Konzentration begünstigen. Seit einigen Jahren dopen sich immer mehr Studenten mit kognitiven Aufputschmitteln.

Von Hilfe zu Missbrauch

Hier aber fangen für Franz Xaver Vollenweider die Fragen und Probleme an. Auch Vitamine, sagt er, machen die Menschen schneller. Und was den Menschen helfe, müsse die Forschung möglich machen. «Aber wenn ein Mittel zur Bedingung wird, in einem harten Wettbewerb mehr zu leisten als die anderen, dann ist das keine Hilfe mehr, sondern Missbrauch.»

Was er denn von seinen eigenen halluzinogenen Erfahrungen am meisten gelernt habe, fragt man den Forscher zuletzt: «Wie wunderbar die Wirklichkeit ist, die wir ohne sie erleben.» Er ist ein Rationalist eben, einer, der gerne träumt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.10.2010, 16:48 Uhr)

Blick in die Röhre: Franz Xaver Vollenweider im PET-Zentrum des Uni-Spitals. (Bild: Dominique Meienberg)

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