«Die 28 Tabletten kosten so viel wie ein Mittelklassewagen»

Hepatitis-C kann mit einem neuen Medikament besser geheilt werden, ist aber unheimlich teuer. Das gibt Probleme. Dazu Arzt und Hepatitis-Experte Philip Bruggmann.

Infizierte wissen oft jahrzehntelang nichts von der Krankheit: Hepatitis-C-Virus. Foto: SPL, Keystone

Infizierte wissen oft jahrzehntelang nichts von der Krankheit: Hepatitis-C-Virus. Foto: SPL, Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt ein neues, sehr potentes Medikament gegen Hepatitis C. Doch Sie dürfen Sovaldi gemäss Vorschrift des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) erst einsetzen, wenn der Patient schon schwer erkrankt ist. Wie gehen Sie als Arzt damit um?
Wir können nur Leute mit einem fortgeschrittenen Leberschaden behandeln oder bei denen schon andere Organe befallen sind. Doch zu uns kommen ja auch Leute, die noch in einem frühen Stadium stecken, aber mit dem neuen Medikament behandelt werden möchten. Ihnen müssen wir erklären, dass ihr Leberschaden noch zu wenig gross ist.

Das widerspricht der ärztlichen Pflicht, alles zum Wohl des Kranken zu unternehmen.
Ja. Dieser Zustand ist nicht vertretbar. Das wird sich aber erst ändern, wenn der Preis sinkt.

Wie reagieren die Patienten auf Ihre ablehnende Antwort?
Es irritiert und verärgert die Betroffenen verständlicherweise. Aber wir können darauf hinweisen, dass in einem Jahr das Therapieangebot noch besser sein wird und wir uns in der Zwischenzeit dafür einsetzen, dass die Preise sinken und so diese Limitierung überflüssig wird.

Können die Leberschäden behoben werden?
Ja, sofern noch keine Zirrhose da ist. Andernfalls ist zu befürchten, dass Schäden zurückbleiben. Das ist ethisch und medizinisch fragwürdig.

Und es trägt auch nicht zur ­Kostensenkung bei.
Leute mit Leberschäden müssen überwacht werden. Die geschädigte Leber könnte durch andere Faktoren noch weiter zerstört werden. Das ist mit Kosten verbunden. Für Betroffene ­bedeutet es eine eingeschränkte Lebenserwartung.

Was ist, wenn Patienten nicht mehr so weit weg sind vom Punkt, den das BAG definiert: Werden Sie das Medikament verschreiben?
Für uns sind die Vorgaben klar. Wir werden uns daran halten. Man kann die Leberabklärung heute ziemlich einfach machen mit einem Fibroscan. Wenn die Bedingung gegeben ist, werden wir das Medikament verschreiben. Sonst werden wir warten müssen. Ausser es gebe noch andere Umstände, wenn andere Organe betroffen sind. Dann werden wir mit den Krankenkassen abklären, ob es eine Kostengutsprache gibt.

Wird sich ein Schwarzmarkt für Sovaldi bilden?
Solche Gedanken habe ich mir auch schon gemacht. Aber bis jetzt habe ich noch keine Hinweise dafür.

Wie kommt es, dass die Dunkelziffer von Hepatitis-C-Infizierten in der Schweiz so hoch ist? Fast jeder Zweite der geschätzt 70'000 bis 80'000 Betroffenen weiss nichts von seiner Ansteckung.
Hepatitis C ist zu wenig bekannt. Die Betroffenen selber spüren während Jahrzehnten nichts, obwohl die Leber bereits geschädigt ist. Die Weltgesundheitsbehörde WHO spricht deshalb von einer stillen Epidemie.

Wer sind die Virusträger in der Schweiz?
Am meisten betroffen sind Menschen, die irgendwann im Leben Drogen gespritzt oder gesnifft haben. Auch Leute, die vor den 90er-Jahren Bluttransfusionen erhielten, haben ein hohes Risiko, weil das Blut damals noch nicht getestet wurde.

Somit sind gewisse Jahrgänge speziell betroffen?
Die zwischen 1955 und 1975 Geborenen sind überdurchschnittlich häufig betroffen. Zudem gibt es noch eine Spitze bei jenen, die Mitte der 60er-Jahre geboren wurden. Sie haben ein dreimal höheres Risiko, mit dem Virus angesteckt worden zu sein, als der Rest der Bevölkerung.

Jüngere Jahrgänge können somit sicher sein?
Nein, die Kurve ist nicht ganz abgeflacht. Eine relevante Gruppe stellen beispielsweise Migranten aus Gebieten mit einem hohen Hepatitis-C-Befall dar. Weiter gehören ältere Leute aus Italien dazu, die noch Impfkampagnen erlebt haben, als man Hepatitis C noch nicht kannte. Italiener über 50 haben ein deutlich höheres Risiko als jüngere. Das gilt auch für andere Länder, wie zum Beispiel Ägypten, das ebenfalls wegen Impfkampagnen belastet ist.

Diese Leute müssten sich also testen lassen?
Hier besteht grösster Handlungsbedarf. Die Leute kennen die Risikofaktoren zu wenig. Sie wissen nicht oder zu wenig, wie ernst die Krankheit ist.

Weil sie als «Drögelerkrankheit» bezeichnet wird?
Die Krankheit ist zweifellos stigmatisiert. Wenn jemand Hepatitis C hat, heisst es rasch, er habe Drogen genommen. Die Umgebung hat Angst, im täglichen Umgang angesteckt zu werden. Was überhaupt nicht der Fall ist.

Bis jetzt haben pro Jahr nur 1000 Patienten eine Therapie ­erhalten. Welche Folgen hat das?
Wir beobachten eine Zunahme der Spätfolgen von Hepatitis C in Form von Leberzirrhose, Leberkrebs und Tod durch Leberversagen. Unsere Berechnungen zeigen, dass das noch zunehmen wird, wenn nichts unternommen wird. Bis 2030 könnten sich die Zahlen verdoppeln. Das hat gravierende Folgen für die Gesundheitskosten.

Hat die geringe Zahl auch mit den teils schlimmen Nebenwirkungen zu tun?
Man hatte über zehn Jahre hinweg nur eine Therapie: die Abgabe von Interferon und Ribavirin. Damit konnte man rund 50 Prozent der Patienten heilen. Vor zwei Jahren kam eine dritte Substanz dazu, wodurch die Heilungserfolge auf rund 70 Prozent anstiegen. Aber das erfolgte immer unter erheblichen Nebenwirkungen und einem sehr grossen Betrueungsaufwand. Auch die Ärzte verschrieben die Therapie wegen der Nebenwirkungen eher zurückhaltend. Nicht jeder Arzt konnte zudem den hohen Betreuungsaufwand gewährleisten.

Sie machen sich stark für ein breiteres Screening, damit möglichst viele Infizierte erfasst werden können. Das ist nutzlos, wenn man nicht gleichzeitig eine erfolgreiche Therapie anbieten kann.
Genau in diesem Spannungsfeld stecken wir zurzeit. Wir können kein Screening starten, solange wir die Leute auf eine spätere Therapie vertrösten müssen.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie den Patienten die Packung Sovaldi in die Hand drücken?
Die 28 Tabletten kosten so viel wie ein Mittelklassewagen. Es gibt leider immer wieder Patienten, welche die Medikamente verlieren oder die Einnahme vergessen. Wochenpackungen wären dringend nötig, um das Risiko zu minimieren, dass Tabletten verloren gehen.

Kennen Sie das neue Medikament Olysio, das ebenfalls als potentes Hepatitis-Präparat gilt?
In der Schweiz ist es noch nicht zugelassen. Es sollte noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Olysio kann ebenfalls nur mit einem anderen Medikament kombiniert werden. Es liesse sich gut mit Sovaldi kombinieren. Der Preis würde dann allerdings noch höher, weil zwei neue Medikamente zusammenkommen.

Also werden die Preise nicht so schnell gesenkt werden können, wie Sie sich das erhoffen.
Das kann sich tatsächlich verzögern. Wenn die neuen Medikamente mit Sovaldi zusammen abgegeben werden müssen, übt das keinen Druck auf den Preis von Sovaldi aus.

Wie hoch ist heute die Gefahr von Neuansteckungen in der Schweiz?
Die hat in den letzten Jahren abgenommen. Die Prävention ist in vielen Bereichen sehr gut. Es gibt jedoch weiterhin Neuansteckungen, von denen man nicht viel weiss. Es gibt eine kleine Gruppe von HIV-positiven schwulen Männern, unter denen wir viele Neuansteckungen beobachten. Aber gesamthaft betrachtet handelt es sich um eine kleine Gruppe. Dann gibt es die Fälle, die man erst jetzt entdeckt. Man weiss dann häufig nicht, wann die Ansteckung erfolgt ist. Es handelt sich nicht selten um Leute, die in die Schweiz gekommen sind, aber sich anderswo angesteckt haben. Da muss man vermehrt hinschauen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.08.2014, 20:49 Uhr)

Philip Bruggmann ist Chefarzt Innere Medizin der Arud-Zentren für Suchtmedizin in Zürich und Präsident der Schweizerischen Hepatitis-Expertengruppe SEVHep.

Bildstrecke

Leben mit dem Virus

Leben mit dem Virus Diese prominenten Persönlichkeiten haben sich mit Hepatitis C infiziert.

Artikel zum Thema

Eine Packung Pillen für 19’000 Franken

Ein US-Konzern verdient mit einem neuartigen Hepatitis-C-Medikament Milliarden. Für viele Betroffene bleibt die Wunderpille jedoch ausser Reichweite – auch in der Schweiz. Mehr...

Unethische Rationierung

Kommentar Die Preispolitik des neuen Medikaments gegen das Hepatitis-C-Virus ist unverständlich und unmoralisch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Kommentare

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Geben Vollgas: Beyoncé und Kendrick Lamar bei einem gemeinsamen Auftritt an den BET-Awards in Los Angeles (26. Juni 2016).
(Bild: Danny Moloshok) Mehr...