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Die Chancen sensibler Kinder

Von Hubertus Breuer. Aktualisiert am 13.04.2011 10 Kommentare

Feinfühlige Kinder, die zu Depression und Angststörungen neigen, blühen stärker auf als ihre robusten Altersgenossen – wenn das soziale Umfeld stimmt.

Mehrere Studien belegen: Kinder mit einem fragileren Wesen profitieren am meisten von mütterlicher Zuwendung und der Fürsorge in Krabbelstuben, Kindergärten und Schulen.

Mehrere Studien belegen: Kinder mit einem fragileren Wesen profitieren am meisten von mütterlicher Zuwendung und der Fürsorge in Krabbelstuben, Kindergärten und Schulen.
Bild: Keystone

Die Entwicklungspsychologen Jelena Obradovic und Thomas Boyce machten es den fünf- bis sechsjährigen Buben und Mädchen nicht gerade leicht: In kalifornischen Vorschulen liessen sie mehr als 300 Kinder in Einzelgesprächen einem Fremden erst einmal von ihrer Familie und ihren Freunden erzählen. Dann baten sie die Kinder, sechsstellige Zahlen zu wiederholen. Sie träufelten ihnen ausserdem zwei Tropfen konzentrierten Zitronensaft auf die Zunge, die sie geschmacklich einordnen sollten. Schliesslich mussten sich die Kinder noch einen Film ansehen, in dem ein Gewitter einem Jungen und einem Mädchen ordentlich Angst einjagt.

Mit anderen Worten: Stress pur. Zweck der Tests war, wie Obradovic von der kalifornischen Stanford University und Boyce von der kanadischen British Columbia University im Frühjahr dieses Jahres im Fachblatt «Child Development» schrieben, die Sensiblen unter den Kindern zu entdecken – also jene, die besonders stark auf Umweltreize reagieren.

Die Umgebung ist entscheidend

Entwicklungspsychologen wissen seit langem, dass es weniger robuste Kinder gibt und dass diese im späteren Leben häufiger unter Angststörungen und Depression leiden. Obradovic und Boyce wollten aber herausfinden, wie diese Kinder auf positive Umwelteinflüsse reagieren. Die Forscher teilten die Sensibelchen deshalb in zwei Gruppen auf – jene, die mit schwierigen Umständen in ihrem Alltag zu kämpfen hatten, und andere, die kaum Widrigkeiten ausgesetzt waren.

Dabei konnten sie beobachten, dass die feinfühligen Kinder ohne Stress in ihrer Umgebung weniger verhaltensauffällig waren, sich deutlich mehr in der Vorschule engagierten und sozial umgänglicher waren. Mehr noch, diese Kinder entwickelten sich sogar besser als ihre weniger stressanfälligen Altersgenossen.

Fragile Kinder profitieren von Zuwendung

Ähnliches konnten die Kinderpsychologen Jay Belsky und Michael Pluess vom Institute for the Study of Children an der Londoner Birbeck University kürzlich feststellen. Sie begleiteten Kinder von mehr als 1300 Familien vom sechsten Lebensmonat bis zum zwölften Lebensjahr. Es zeigte sich, dass Kinder mit einem fragileren Wesen am meisten von mütterlicher Zuwendung und der Fürsorge in Krabbelstuben, Kindergärten und Schulen profitierten. «Dass die Kinder bis in die sechste Jahrgangsstufe eine so anhaltende Sensibilität zeigen, lässt uns hoffen, dass diese Beeinflussbarkeit auch während der Pubertät und womöglich noch länger anhält», so Belsky.

Mittlerweile klären Wissenschaftler auch die molekularen Grundlagen dieser Prozesse auf. So hat der Würzburger Verhaltensforscher Klaus-Peter Lesch bereits 1996 im Fachjournal «Science» eine kürzere Variante des Transportergens für den Neurotransmitter Serotonin beschrieben, der für Fühlen und Verhalten wichtig ist.

Weniger depressiv

Diese Variante scheint Menschen empfänglicher für positive wie negative Reize zu machen. Wachsen Kinder mit diesem kurzen Gen in einer liebevollen Familie auf, ist ihr Risiko, depressiv zu werden, deutlich geringer als das ihrer Altersgenossen. Doch finden sie sich in einer zerstrittenen Familie wieder, werden sie eher ängstlich und schwermütig als andere Kinder.

Diese und spätere Untersuchungen markieren ein Umdenken in der Entwicklungspsychologie. Galten Kinder mit einer Veranlagung zu Stressempfindlichkeit, Depression, Angststörungen oder zum Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) als von Geburt an belastet, stellt sich jetzt heraus, dass viele dieser Kinder ein grosses Potenzial haben – vorausgesetzt, sie wachsen in einem emotional unterstützenden, fördernden Umfeld auf. Sie kommen nicht mit «Pathologiegenen» zur Welt, sondern ihr Erbgut reagiert verstärkt auf das Gute wie das Schlechte in der Welt.

«Kinder sind wie Löwenzahn»

Entwicklungspsychologen benutzen deshalb inzwischen eine Metapher aus der Botanik: «Die meisten Kinder sind wie Löwenzahn», sagt der deutsche Verhaltensforscher Lesch. «Sie schlagen überall Wurzeln, halten durch und überleben. Einige sind aber wie Orchideen: zerbrechlich und unbeständig, aber im Treibhaus blühen sie wunderbar auf.»

Dabei scheinen bereits relativ kurze Interventionen zu helfen. So begann die Kinderpsychologin Marian Bakermans-Kranenburg von der niederländischen Universität Leiden im Jahre 2004 eine Studie mit mehr als 300 ein- bis dreijährigen Kindern, die als schwierig eingestuft waren: Sie schrien oft, schlugen um sich, warfen mit Gegenständen und stellten sich bei den kleinsten Bitten stur.

Unter ihnen identifizierte sie jene Kinder, die Träger einer mit dem ADHS assoziierten Genvariante waren – diese ist für einen veränderten Spiegel des Botenstoffes Dopamin im Gehirn mitverantwortlich. Die Folgen: Die Kinder neigen dazu, unaufmerksam und hyperaktiv zu agieren, sind aber auch besonders neugierig, begeisterungsfähig und kreativ.

Genprogramme sind änderbar

Acht Monate lang besuchte die Psychologin Familien dieser Kinder. Sie filmte sie, schnitt Schlüsselszenen zusammen und zeigte sie anschliessend den Eltern, um ihnen Ratschläge zu geben, wie mit den Kindern besser umzugehen sei. Nach dieser Intervention stellte sich bereits nach einigen Monaten heraus, dass die Kinder mit widerstandsfähigeren Erbanlagen ihr Verhalten verbesserten, während die empfindsameren Kinder mit dem Risikogen deutlich weniger verhaltensauffällig waren.

Ob ein Mensch sich zu einem Sieger oder einem Verlierer entwickelt, ist also nicht unbedingt in den Erbanlagen festgeschrieben. Gerade bei diesen für Aussenreize besonders empfänglichen Kindern zeigt sich, wie Erfahrungen genetische Programme ändern und die Persönlichkeit der Kinder ganz unterschiedlich prägen. «Der evolutionäre Hintergrund ist wohl, dass wir Erbanlagen haben, die sich flexibel der Welt anpassen, in der wir aufwachsen», sagt Boyce. «Wenn es viel Stress gibt, hilft es, ängstlich und zurückhaltend zu sein; wenn alles dagegen bestens läuft, kann man sich ungefährdet exponieren.»

Risiken haben auch gute Seiten

Die neuen Studien passen somit zu den Hypothesen jener Forscher, die generell nach den evolutionären Ursprüngen psychischer Störungen fragen. «Biologische Veranlagungen, die uns nur zum Nachteil gereichen, hätten dem selektiven Druck der Evolution dauerhaft nicht standhalten können», vermutet der Würzburger Verhaltensforscher Lesch. «Wir wissen also, dass diese Risikomerkmale, die bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung vorkommen, unter bestimmten Bedingungen auch ihre gute Seite haben können. Und die Forschergemeinde ist dabei, diese Vorzüge zu entdecken.» So zeigen Studien, dass Menschen mit einer Veranlagung für Depression geistig leistungsfähiger sind – sie können sich häufig besser konzentrieren, ihr Arbeitsgedächtnis arbeitet effizienter, und sie entscheiden reflektierter und gewissenhafter.

Solche Besonderheiten finden sich nicht nur beim Menschen. Lesch entdeckte zusammen mit dem Primatenforscher Stephen Suomi vom National Institute of Child Health and Human Development in Bethesda, Maryland, dass Rhesusaffen mit der kurzen Variante des Serotonintransporter-Gens ebenfalls empfindlicher reagieren als Artgenossen – und, in stressfreier Umgebung aufgezogen, einen höheren Serotoninspiegel haben.

Das Erfolgs-Gen

Seltsamerweise taucht die Variante nicht bei anderen Primaten wie Schimpansen oder Gorillas auf. «Dieses Gen hat uns Menschen womöglich ermöglicht, immer neugierig zu neuen Ufern aufzubrechen», spekuliert Lesch. «Und Rhesusaffen sind über den Himalaja nach China gewandert, man findet sie heute in ganz Asien. Diese Tiere sind jedenfalls entdeckungsfreudig. Schimpansen und Gorillas dagegen verlassen ihre angestammten Lebensräume nicht – und stehen deshalb auf der Liste bedrohter Arten.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2010, 08:09 Uhr

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10 Kommentare

Fabio Birlmair

30.12.2010, 12:08 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Dieser letzte Satz ist einfach inakzeptabel. Die großen Menschenaffen stehen nicht wegen eines nicht vorhandenen Gens auf der Liste der IUCN sondern wegen allgemeiner Misstände in den Zentralafrikanischen Ländern. Und unser Coltan-Boom verschärft diese Situation zusehens. MFG Fabio B. Antworten


Olaf Rusert

30.12.2010, 14:36 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Selten hatte ich so Schwierigkeiten einen Artikel zu verstehen. Was hat der Titel von behinderten Kindern mit den im Text behandelten fragilen und empfindsamen zu tun? Und wo lässt sich problemlose Integration der auf besondere Zuneigung angewiesenen Kinder in die Regelklassen nachweisen? Ich bitte um Erläuterung. Herzlichen Dank. Antworten



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