«Die Hirnforschung stilisiert sich hoch»

Der Experte Felix Hasler kritisiert die Neurowissenschaften: Spärliche Forschungsergebnisse würden überverkauft. Von einer Revolution des Menschenbildes könne keine Rede sein.

«Der Hype wurde durch bildgebende Verfahren angestossen»: Eine Patientin wird in Belgien einem Gehirnscan unterzogen. (Archivbild)

«Der Hype wurde durch bildgebende Verfahren angestossen»: Eine Patientin wird in Belgien einem Gehirnscan unterzogen. (Archivbild)

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Sie sind ein Enfant terrible für die Hirnforscher. Geniessen Sie diesen Status?
Das sagen Sie. Ich sehe mich nicht als Enfant terrible – und ich bin ja auch nicht der Erste, der die Hirnforschung hinterfragt.

Ihr neues Buch trägt den Titel «Neuromythologie». Darin schreiben Sie: Die Hirnforschung habe in den letzten 50 Jahren kaum wichtige Erkenntnisse geliefert, die das Wunder Mensch verständlicher machen.
Der Hauptgrund für mein Buch sind die nicht enden wollenden grossmundigen Versprechungen einiger Hirnforscher, die von den Medien bereitwillig verbreitet werden. Die grossen Worte stehen in drastischem Kontrast zu den vorhandenen neurowissenschaftlichen Daten.

Wieso erscheint das Buch gerade jetzt?
In den letzten Jahren hat die Selbstüberschätzung der Neurowissenschaften kontinuierlich zugenommen. Von der Neurodidaktik und Neuroökonomie bis hin zur Neuroethik – überall ist von einer Revolution des Menschenbildes durch die Hirnforschung die Rede. Und davon, wie diese Erkenntnisse unser Leben von Grund auf umkrempeln.

Tun sie das nicht?
Davon ist weit und breit nichts zu sehen. Zwar reden alle von revolutionären Einsichten, doch wenn man nachfragt, worin diese genau bestünden, kommt nichts mehr. Die Erkenntnisse aus der Hirnforschung haben nicht dazu geführt, dass Kinder besser lernen; das Verständnis psychischer Krankheiten liegt nach wie vor im Dunkeln, und auch die Behauptung, der Mensch hätte keinen freien Willen, ist spurlos an der Rechtsprechung vorbeigegangen. Echte Revolutionen sehen anders aus – denken Sie zum Beispiel daran, wie die rasante Entwicklung der Computertechnologie unser aller Leben verändert hat. In der Hirnforschung ist die Revolution vor allem eine gefühlte.

Welche Behauptungen der Hirnforscher sehen Sie konkret als überrissen an?
Zum Beispiel, dass die Neurowissenschaften psychische Störungen auf neuronaler oder gar molekularer Ebene entschlüsseln und dass daraus schon bald hochspezifische, ja sogar personalisierte Behandlungsmethoden entwickelt werden könnten – etwa gegen Depressionen. Das scheint mir äusserst unwahrscheinlich, weil man ja noch nicht einmal die Grundlagen verstanden hat.

Der deutsche Hirnforscher Ernst Pöppel sagte kürzlich in dieser Zeitung: Es sei eine moralische Pflicht, objektiv zu beschreiben, was in unserem Hirn passiert. Denn so könnten sich viele Krankheiten besser verstehen lassen.
Einverstanden. Aber die Betonung sollte auf dem Wort objektiv liegen. Das ist nicht der Fall, wenn ich sehe, wie spärliche Daten notorisch überverkauft werden. Gegen die Untersuchung von Alzheimer oder anderer neurologischer Erkrankungen hat ja niemand etwas einzuwenden. Diese Forschung ist wichtig. Und bei dieser Art der medizinischen Hirnforschung wird das Gehirn auch nicht als mysteriöses Sonderorgan behandelt. Hirnforschung unterscheidet sich hier kaum von Forschung an anderen Organen. Ob man bei einem Schlaganfall einen Läsionsort im Gehirn untersucht oder als Kardiologe die Grundlagen eines Herzinfarktes verstehen will, macht keinen prinzipiellen Unterschied. Und diese Forschung erhebt auch nicht den Anspruch, gleich den ganzen Menschen oder sein Bewusstsein zu erklären.

Die Erforschung der Krankheiten des Gehirns berührt doch automatisch zentrale Phänomene des menschlichen Daseins wie das Bewusstsein oder die Seele, gerade wenn es um psychische Leiden geht.
Ist das denn so sicher? Dass psychische Störungen dem Wesen nach nichts anderes seien als Störungen des Gehirns – also letzten Endes neurologische Erkrankungen mit psychischen Symptomen –, wird zwar seit Jahrzehnten behauptet, aber wirkliche Beweise dafür sind gar nie erbracht worden. Bis zum heutigen Tag ist nicht klar, was genau im Gehirn bei psychischen Störungen anders sein soll. Und erst recht nicht, ob solche Veränderungen Ursache oder Folge einer psychischen Krankheit sind.

Anders gefragt: Muss es nicht das Ziel eines guten Hirnforschers sein, das Bewusstsein zu erforschen?
Einige Hirnforscher behaupten, dass einfach alles am Menschsein, auch seine gesamte Lebenswelt inklusive sämtlicher kultureller Phänomene, durch Prozesse im Gehirn verursacht sei. Und dass nur der kompromisslos naturwissenschaftliche Weg Antworten auf die Frage geben könne, was die wahre Natur des Menschen ist. Das ist überheblich. Die Hirnforschung hat sich so zur Leitwissenschaft unserer Zeit hochstilisiert. Allerdings unter tatkräftiger Mithilfe der Geisteswissenschaften, die sich die philosophische Deutungshoheit haben nehmen lassen – und häufig gleich selbst mit auf den anrollenden Neurozug aufgesprungen sind.

Der Neuropsychologe Benjamin Libet hat den freien Willen in einem berühmten Experiment 1979 als Illusion entlarvt. Mit anderen Worten: Wir Menschen sind doch nicht so bewusste und rational planende Wesen, wie wir gerne meinen.
Das hat Libet doch gar nie gezeigt. Der amerikanische Forscher hat mit Hirnstromableitungen nur Folgendes beobachtet: Bestimmte Hirnprozesse, die für die Ausführung einer Bewegung nötig sind, setzten ein, bevor sich der Proband bewusst entschied, einen Finger zu bewegen.

Was ist daraus zu schliessen?
Das Experiment zeigt nur, dass eine banale motorische Handlung unbewusst vorbereitet wird. Erst 20 Jahre später wurde aus den Libet-Experimenten der Schluss gezogen, dass wir keinen freien Willen hätten und man das Strafrecht revidieren müsse, weil der Mensch doch gar nicht schuldfähig sei. Ein solcher Schluss ist grandios überzogen. Nicht nur Philosophen haben dieses Problem längst in einer Vielzahl von Büchern überzeugend abgehandelt, auch andere Hirnforscher haben das Libet-Experiment bereits stark relativiert.

Hat die Erforschung des Gehirns nicht automatisch Auswirkungen auf unser Menschenbild?
Bislang ist es doch bloss zu einer Pseudorevolution des Menschenbildes gekommen. Angestossen wurde der Neurowissenschafts-Hype ja vor allem durch bildgebende Verfahren, zum Beispiel, wenn mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie das Gehirn von Versuchspersonen beim Treffen einer moralischen Entscheidung oder dem Betrachten eines abstrakten Kunstwerks untersucht wird. Solche Studien vermitteln der Öffentlichkeit den Eindruck, dass die Forscher dem glaubenden, liebenden und hoffenden Hirn direkt bei der Arbeit zuschauen können. Aber die Bilder zeigen meistens eine Aktivität im Gehirn, die sehr unspezifisch ist. Die Regionen, die dann aufleuchten, braucht der Mensch auch bei einer Vielzahl anderer Prozesse. Bei komplexen Vorgängen wie romantischer Liebe oder einer moralischen Entscheidung bleibt am Ende kaum mehr als die Aussage, dass man dazu mehr oder weniger das ganze Hirn benutzt. Das ist aber eine ziemlich banale Aussage.

Die Wissenschaft war in den letzten 100 Jahren immer dann erfolgreich, wenn sie ein Problem in kleinere Probleme aufsplitterte und das grosse Ganze so erklärte. Wieso soll dieser reduktionistische Ansatz ausgerechnet bei der Erforschung des Gehirns gescheitert sein?
In der Chemie und der Physik mag dieser Ansatz zweckmässig sein. Doch es ist zweifelhaft, ob diese Strategie auch bei einem hochkomplexen Objekt wie dem Gehirn noch anwendbar ist. Möglicherweise kann die Rückführung von Bewusstseinsprozessen auf die Biologie des Gehirns ganz prinzipiell nicht gelingen – völlig unabhängig vom Stand der Technik. Tatsache ist, dass das Leib-Seele-Problem, mit dem sich Descartes schon vor bald 400 Jahren beschäftigte, bis heute nicht gelöst ist. Einige Kritiker behaupten sogar, dass die Daten, die die modernen bildgebenden Verfahren hervorbringen, nicht wahrer seien als das Wissen, das man vor hundert Jahren hatte. Sie sähen nur besser und wissenschaftlicher aus.

Sind Sie ein Forscher, der an ein ganzheitliches Bild der Natur glaubt?
So würde ich das nicht sagen, das ist mir zu esoterisch. Weil ich natürlich auch keine Ahnung habe, wie die Dinge liegen, sehe ich mich als eine Art Wissenschafts-Agnostiker. Das scheint mir in der aktuellen Lage das Vernünftigste zu sein. Sollten die Neurowissenschaften wider Erwarten doch noch fundamentale Erkenntnisse zum Verhältnis von Gehirn und Bewusstsein liefern, konvertiere ich gerne wieder zurück zum Materialisten. Einstweilen kultiviere ich mein Nichtwissen als philosophische Grundhaltung. Das schützt immerhin davor, haltlose und überzogene Behauptungen über die vermeintlich wahre Natur des Menschen in die Welt zu setzen.

An solchen Überzeichnungen sind ja nicht die Forscher selber schuld, sondern die Medien und ihre Konsumenten: Ein Artikel über den Sitz der Liebe im Gehirn wird viel eher gelesen als ein Erklärstück über die Mikromechanismen in den Nervenzellen.
Die Medien tragen sicher einen Teil der Verantwortung an der Neuro-Übertreibungsmisere. Aber sie sind nicht allein schuld. Der Konkurrenzkampf um Fördergelder ist mittlerweile so gross, dass man als Wissenschaftler auch in der Öffentlichkeit gut sichtbar sein muss. Da kommt es auch zu Übertreibungen, das ist natürlich nicht nur bei den Hirnforschern so. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.12.2012, 10:39 Uhr)

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Felix Hasler

Der 47-jährige Liechtensteiner ist seit 2010 Forschungsassistent an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität in Berlin. Daneben ist er als freier Wissenschaftspublizist tätig. Felix Hasler hat Pharmazie an der Universität Bern studiert und über die Psychopharmakologie halluzinogener Pilze doktoriert. Von 2000 bis 2010 forschte er an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und untersuchte in der Arbeitsgruppe Neuropsychopharmakologie und Brain Imaging die Wirkung halluzinogener Drogen. Die Trends in der Hirnforschung und in der Psychiatrie verfolgt er seit Jahren mit einem kritischen Blick. Sein Buch «Neuromythologie – Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung» ist im Oktober im Transcript-Verlag Bielefeld erschienen. (mma)

«Enfant Terrible der Hirnforschung»: Felix Hasler. (Bild: PD)

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