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«Die Technik ist nicht ausgereift genug»

Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 01.07.2009

Die Firma Roche kündigte diese Woche ein Forschungsprojekt mit menschlichen embryonalen Stammzellen an. Langfristig plant sie neuartige Therapien.

Herr Babiss, Roche investiert 7,5 Millionen Euro in eine zweijährige Zusammenarbeit mit der französischen Firma I-STEM. Welches sind die Ziele dieser Kollaboration?
Wir planen in einem ersten Schritt menschliche embryonale Stammzellen dazu zu bringen, sich in Nervenzellen zu entwickeln. Diese Zellen wollen wir als Modellsystem für Krankheiten des Zentralnervensystems nutzen. In etwa einem Jahr wollen wir in Basel prüfen, ob einige der rund 1,4 Millionen chemischen Moleküle aus unserem Substanzlager einen Einfluss auf die Nervenzellen zeigen.

Sie suchen also mithilfe der Stammzellen nach neuen Medikamenten. Bisher haben Stammzellforscher meist angekündigt, dass sie aus diesen Alleskönnerzellen einmal Ersatzzellen für unheilbar Kranke herstellen wollen – also zum Beispiel neue Nervenzellen für Alzheimerpatienten. Das wollen Sie demnach nicht?
In diesem Projekt nicht, nein. Dennoch verfolgen wir ganz genau, welche Fortschritte die Stammzellforschung macht. Wir würden auch in Projekte investieren, die Therapien mit Ersatzzellen zum Ziel haben. Doch die Technik ist nicht ausgereift genug. Für eine klinische Anwendung ist es noch zu früh. Sobald wir aber sehen, dass die Forschung und die Technologie auf dem Gebiet Fortschritte macht und einen deutlichen Nutzen für die Patienten bringt, werden wir investieren.

US-Präsident Barack Obama unterstützt neue Projekte mit menschlichen embryonalen Stammzellen. Ist dieses politische Signal auch für Roche ein Grund gewesen, jetzt in das Feld zu investieren?
Wir sind durch die Ankündigung aus den USA sicher ermutigt worden. Doch vor allem überzeugten uns die raschen wissenschaftlichen Fortschritte auf dem Gebiet. Es gibt bereits viele gut funktionierende, standardisierte Stammzelllinien. Wir benötigen dringend neue Modelle, mit denen wir potenzielle Medikamente testen können. Wir wollen damit effizienter präklinische Resultate erzielen, um klinische Studien am Menschen besser planen zu können.

Können diese Zellkulturversuche demnach Tierversuche ersetzen?
In den Zellkulturen wollen wir Tests zur Sicherheit und Wirksamkeit neuer Substanzen durchführen. Das wird uns helfen, Tierversuche zu reduzieren und potenziell schwere Nebenwirkungen bei Patienten besser vorherzusehen.

Glauben Sie, dass diese neuen Zellkulturversuche besser sind als Tiermodelle? Auch sie sind weit entfernt vom Menschen . . .
Die grosse Herausforderung bei der Medikamentenentwicklung ist immer der Transfer der Versuchsergebnisse. Es ist sehr schwierig, Forschungsergebnisse aus dem Reagenzglas auf andere Modellsysteme wie Zellkultur oder Tierversuche zu übertragen – und schliesslich auf den Menschen. Wir sind aber überzeugt, dass wir dank der Ergebnisse, die wir mit spezialisierten menschlichen Zellen erhalten, bessere Voraussagen treffen können, was letztlich im menschlichen Körper passiert.

Die neusten Fortschritte auf dem Gebiet der Stammzellforschung sind die sogenannten iPS-Zellen. Das sind Zellen, die sich wie embryonale Stammzellen verhalten, sich aber aus manipulierten Körperzellen entwickeln und nicht aus überzähligen Embryonen stammen. Warum investiert Roche in die Arbeit mit den umstrittenen menschlichen embryonalen Stammzellen statt in die iPS-Stammzellforschung?
Wir werden mit etablierten Stammzelllinien arbeiten, die aus menschlichen Embryonen gewonnen wurden. Sie erfüllen die erforderlichen ethischen Kriterien und gesetzlichen Richtlinien gemäss Stammzellenforschungsgesetz. Wir beobachten ebenfalls sehr aktiv das Forschungsfeld mit den ethisch unbedenklichen iPS-Zellen. In recht naher Zukunft werden wir auch auf dem Gebiet eine Zusammenarbeit mit der USFirma CDI in Wisconsin beginnen.

Ist die Ankündigung, mit dem neuen Zellkulturmodell nach Therapien für Alzheimer, Schizophrenie, Depressionen und Angsterkrankungen zu suchen, nicht ein bisschen zu vollmundig? Ihr Projekt ist doch reine Grundlagenforschung.
Roche plant aktiv in die Stammzellforschung einzusteigen. Dazu gehört, diese Zellen als Modellsystem zu nutzen, aber auch als Grundlage für neuartige Therapien. Wir sehen ein grosses Potenzial auf diesen Gebieten. In der Kooperation mit I-STEM wollen wir zunächst die technische Expertise im Umgang mit Stammzellen lernen für die Medikamentenentwicklung. Das langfristige Ziel ist, Behandlungsstrategien für unheilbare und ungenügend therapierbare, schwere Krankheiten zu entwickeln, zum Beispiel für solche des Zentralnervensystems.

* Lee Babiss leitet die globale Pharmaforschung bei der Roche. Er bestimmt die Forschungsschwerpunkte unter anderem bei den Krankheiten des Nervensystems. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2009, 09:02 Uhr

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