Die Wechseljahre des Mannes sind ein Mythos
Die Wechseljahre des Mannes sind eine angebliche Krankheit, die von der Medizin und der Pharmaindustrie seit einigen Jahren propagiert wird. Mit dem Slogan «Adam hat Padam» und anderen PR-Strategien sollte der vermeintlichen Krankheit ein wissenschaftlicher Anstrich gegeben werden – Padam steht für partielles Androgendefizit des Mannes, oder anders ausgedrückt: für Testosteronmangel. Andrologen, wie Männerärzte auch genannt werden, erliessen Richtlinien, in denen eine Testosterontherapie bei erniedrigten Werten empfohlen wurde. Wissenschaftlich belegt war das nicht. Dennoch bestimmten Ärzte Hormonspiegel und verordneten teure «Aufbaupräparate» mit Testosteron. Allein in den USA sind solche Verschreibungen in den vergangenen zehn Jahren um 400 Prozent gestiegen.
Nun räumt eine Studie im wohl angesehensten medizinischen Fachblatt mit dem Mythos von den Wechseljahren des Mannes auf. Im «New England Journal of Medicine online» von gestern beschreiben Hormonexperten und Epidemiologen, dass Antriebsschwäche, nachlassende Leistungskraft, Erektionsstörungen und viele andere Beschwerden alternder Männer nicht oder nur minimal mit dem Testosteronspiegel zusammenhängen. «Viele angeblich typische Symptome gingen nicht mit niedrigeren Testosteronwerten einher», sagt Frederick Wu von der Universität Manchester, der die Studie geleitet hat.
Die Forscher hatten insgesamt mehr als 3300 Männer in acht europäischen Ländern untersucht. Die Herren waren zwischen 40 und 79 Jahre alt und gaben unter anderem Auskunft über 32 mögliche Beschwerden, die immer wieder ursächlich auf niedrige Testosteronwerte zurückgeführt werden. Neben Erektionsproblemen sind auch psychische und physische Beschwerden wie Antriebsschwäche, Stimmungstiefs, Mangel an Energie oder schnelle Erschöpfung darunter.
Hormonspiegel sinkt kaum ab
In der aktuellen Studie zeigte sich allerdings, dass die oft als Beleg für einen Hormonmangel angeführten Symptome kaum etwas mit dem Hormonspiegel zu tun haben. Lediglich drei Symptome gingen mit etwas erniedrigten Testosteronwerten einher – seltene morgendliche Erektionen, seltene sexuelle Fantasien und Erektionsstörungen. «Aber auch hier war der Unterschied zwischen beschwerdefreien Männern und Männern mit Beschwerden minimal», sagt Wu. Erektionsstörungen kamen beispielsweise auch häufiger bei Männern mit erhöhten Testosteronwerten vor.
Eine Unterfunktion der Keimdrüsen und zugleich erniedrigte Hormonwerte konnten die Studienautoren nur bei 2 Prozent der älteren Männer feststellen, sodass von Wechseljahren, in die alle Männer irgendwann kommen, nicht die Rede sein kann. «Der Sex-Drive des Mannes erschöpft sich nicht allein im Testosteronspiegel, da ist mehr dahinter», sagt Bruno Allolio, Hormonexperte an der Uni-Klinik Würzburg. Dem Alterungsprozess entsprechend traten bei nur 0,1 Prozent der Männer zwischen 40 und 50 Hormonmangel und Erektionsstörungen zugleich auf, bei Männern zwischen 70 und 79 Jahren waren es 5,1 Prozent. «Dazu tragen auch Übergewicht und andere Leiden bei», sagt Wu.
«Die Identitätskrise des mittelalten Mannes in einer sich rasch wandelnden Gesellschaft hat zum Begriff der Wechseljahre des Mannes geführt», sagt Martin Reincke, Hormonexperte und Chefarzt an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In Analogie zur weiblichen Menopause hätten manche Ärzte wohl eine Gleichberechtigung der Männer angestrebt, und «schnell wurde dann eine Beziehung zwischen den Testosteronwerten und einer Vielzahl von Befindlichkeitsstörungen gesehen». Die umfangreiche neue Studie zeige aber, so Reincke, dass es sich bei den Wechseljahren des Mannes «um reine Mythenbildung» handle.
Männern, die sich schlapp fühlen, Testosteron zu geben, kann gefährlich sein. Und auch bei niedrigen Werten ist zumeist eher der normale Alterungsprozess die Ursache und nicht eine behandlungsbedürftige Krankheit. Schon länger diskutieren Ärzte mögliche negative Auswirkungen der Hormone für Herz, Prostata und Fettwerte. «Der Nutzen einer Testosterongabe ist nicht belegt und müsste durch zuverlässige Studien erst abgesichert werden», sagt Reincke. «Der unkritische Einsatz von Testosteron birgt unkalkulierbare gesundheitliche Risiken für die Männer.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.06.2010, 20:07 Uhr










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