Die eingebildeten Krankheiten
Von Martina Frei. Aktualisiert am 13.10.2009 4 Kommentare
Mit etwas Fantasie können sie gegen Alltagsbeschwerden kreiert werden: Medikamente. (Bild: Keystone)
Artikel zum Thema
Iona Heath
ist Allgemeinärztin in London und präsidiert das ethische Komitee des «British Medical Journal». Im Interview mit dem Tages-Anzeiger (siehe Link) kritisiert sie, dass alltägliche Befindlichkeitsstörungen durch cleveres Marketing oft zu Krankheit hochstilisiert werden.
«Erfinden Sie eine Krankheit, die möglichst viele Menschen betrifft, und überlegen Sie sich, wie Sie diese bewerben wollen.» Diesen Auftrag gab Iona Heath (siehe Interview) ihren Ärztekollegen kürzlich am Kongress des Weltverbands der Hausärzte in Basel (TA vom 23. September). Mit dieser Übung sollten die Mediziner ihren Blick für die Strategien des Pharmamarketings schärfen. Hier einige der Leiden, welche die Kongressteilnehmer entdeckt haben:
Bei Erwachsenen:
- Das Wellness-Syndrom: Den Betroffenen geht es gut, sie haben nichts zu klagen. Die Erkrankung kann - insbesondere in Zeiten der Krise - in die soziale Isolation führen, wenn alle um den Kranken herum jammern.
- CRD, Chronic Relationship Disorder, chronische Beziehungsstörung. Mindestens 80 Prozent der Bevölkerung sollen daran leiden. Kann zu Depressionen und Gewalt in der Beziehung führen.
- Wortflucht zeigt sich daran, dass den Betroffenen manchmal ein Wort nicht einfällt. Ist manchmal Vorstufe der hypoaktiven Hirnstörung mit gelegentlicher Müdigkeit und Vergesslichkeit.
- Prestige-Störung. Insbesondere in akademischen Zirkeln weit verbreitet.
- Dysvitalität. 80 Prozent der Bevölkerung leiden zeitweise daran. Manche hängen schlaff herum, bei anderen zeigt sich die Erkrankung an der Unlust, abends auszugehen. Wurde bisher viel zu wenig ernst genommen.
- IAS, intermittierendes Aufwach-Syndrom, zeigt sich in Schlafunterbrechungen von zwei Minuten oder mehr. Der Werbeslogan: «Kein Schlaf, kein Leben - der verborgene Killer.»
Bei Jugendlichen:
- Am SDS, dem Erfolgsmangel-Syndrom, leiden Schüler, deren Noten zu wünschen übrig lassen (englisch: Success Deficiency Syndrome). Wird mit Ginseng, Amphetaminen und Red Bull behandelt. Mit dem Werbeslogan «Gut ist nicht das Beste» sollen Betroffene motiviert werden, zu ihrer Erkrankung zu stehen.
- SSS, Serious Shyness Syndrome, schwerwiegendes Schüchternheitssyndrom, befällt vor allem Teenager um die Zeit des ersten Kusses herum.
Vorstufen von schwerwiegenden Erkrankungen:
- Das Pre-Obesity-Syndrome, Vor-Fettleibigkeits-Syndrom: Die Patienten sind wohl schlank, aber sie könnten einmal dick werden.
- Elektromagnetische Demenz. Macht sich zwar nicht bemerkbar, ist aber mit aufwendigen, diagnostischen Methoden nachzuweisen.
- Nicht unterschätzen sollten Ärzte das Ohr-Hypersekretions-Syndrom. Dabei kommt es zum Überschuss an Ohrenschmalz. Kann Hörprobleme bis zur Taubheit verursachen, bei Kindern sogar Sprachentwicklungsverzögerungen. Auf der Website «war on wax» (Kampf dem Schmalz) finden Betroffene Rat (http://www.wow.com)
Erstellt: 13.10.2009, 10:35 Uhr
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4 Kommentare
Es gäbe noch eine Krankheit, das ADS = Anerkennungsdefizit-Syndrom.Wie wäre es damit?Doch dafür kann weder Roche noch Novartis ein Medikament entwickeln!Diese Krankheit könnte hauptsächlich am Arbeitsplatz entstehen,wo man Mobbing u.Intrigen den Vorzug gibt u.die Chefs sich mit verdienter Anerkennung dem Mitarbeiter gegenüber in Schweigen hüllen! Antworten


Die Welt in Bildern

Richard Rüegg
Es gibt dazu ja das Buch von Jörg Blech: "Die Krankheitserfinder: Wie wir zu Patienten gemacht werden". (Ich verdiene an dieser Information nichts, mache keine Werbung aus Eigennutz.) Antworten