Die gesamte Bevölkerung auf HIV untersuchen

Von Matthias Meili. Aktualisiert am 21.07.2010 3 Kommentare

Ein Schweizer Forscher plant einen Grossversuch in Südafrika: Eine ganze Stadt soll getestet werden, um dann Infizierte zu behandeln.

Wie Aids–Medikamente das HI-Virus blockieren.

Wie Aids–Medikamente das HI-Virus blockieren.

Der Beginn der bis Freitag dauernden 10. Welt-Aidskonferenz in Wien stand im Zeichen der beiden Bills: Gates und Clinton, der wohltätige Microsoft-Milliardär und der Ex-US-Präsident. Beide riefen dazu auf, im Kampf gegen Aids nicht nachzulassen. Rund 20 000 Forscher, Politiker und Behördenvertreter beraten in Wien über neue Wege in der Aids-Forschung.

Die Fortschritte bei der Entwicklung eines Impfstoffes – ohne Zweifel das beste Mittel gegen eine Viruskrankheit – sind jedoch minim. «Ein Durchbruch wäre, wenn ab heute in fünf Jahren ein Impfstoff zur Verfügung stehen würde», sagt Huldrych Günthard, Professor für Infektionskrankheiten am Universitätsspital Zürich. «Da ist nichts in Sicht.» Die Impfstoffentwicklung geht deshalb so schleppend voran, weil das Virus sehr wandelbar ist. Und ein besonders fieser Trick des HI-Virus: Es greift ausgerechnet jene Zellen an, die den Gegenangriff des Körpers gegen die Viren eigentlich führen müssten – die Immunzellen.

Hochaktive Therapie

«Die einzige Möglichkeit, die wir derzeit haben, ist das Ausweiten der Kombinationstherapie auf möglichst viele Infizierte», stellt Günthard fest. Die Behandlung – auch hochaktive antiretrovirale Therapie (Haart) genannt – besteht aus drei oder mehr Medikamenten, die den Lebenszyklus des HI-Virus gezielt blockieren (siehe Grafik.) Die Therapie wird seit 1996 angewandt und hat sich seither kontinuierlich weiterentwickelt. Heute stehen den Ärzten in der Schweiz 23 Medikamente zur Verfügung.

Die Zeitrechnung der Aidsforscher teilt sich in eine Vor-Haart- und eine Nach-Haart-Ära ein. «Die Therapie hat die Lebenserwartung massiv erhöht, sie ist bei richtig behandelten Patienten mittlerweile fast so hoch wie bei nicht infizierten Menschen», sagt Günthard. Ein wahrer Quantensprung für den Mediziner, der früher unzählige Aids-Patienten in den Tod begleiten musste.

Virus-Ausbreitung stoppen

Auch der Genfer Aidsforscher Bernard Hirschel erforscht das grosse Potenzial der Kombinationstherapie. Am Aidskongress in Wien stellt er ein Projekt vor, von dem er sich viel verspricht. «Ein breiter Einsatz der Kombinationstherapie könnte helfen, die Aidsepidemie einzudämmen», sagt Hirschel. Denn vor kurzem hat eine Studie, die im Fachblatt «The Lancet» erschienen ist, gezeigt, dass Patienten, die mit der Kombinationstherapie behandelt werden, nicht mehr ansteckend sind. Das Problem ist jedoch, dass immer noch viele HIV-Infizierte nicht erfasst werden, zum Teil, weil bei weitem nicht alle, die angesteckt werden, auch erkranken. So kann sich das Virus quasi unerkannt verbreiten.

Hirschel lanciert deshalb zusammen mit der französischen Aidsforschungs-agentur ANRS einen Versuch in Südafrika, in dem die gesamte Bevölkerung einer Stadt versuchsweise auf HIV getestet werden soll, um dann alle HIV-Infizierten mit der Kombinationstherapie behandeln zu können. «Wenn man dies umsetzen kann, bestünde die Möglichkeit, die Neuinfektionen ganz zu verhindern», sagt Hirschel. In einer zweijährigen Pilotphase soll zuerst untersucht werden, ob überhaupt genügend Leute bereit wären, sich testen zu lassen. Die Experimentierphase würde dann noch einmal zwei bis drei Jahre dauern.

Umfassende Datensammlung

Ein HIV-Test für alle? Es ist nicht erstaunlich, dass ein Schweizer Forscher mit einer solchen Idee für Furore sorgt. Denn in der HIV-Forschung hält unser Land eine Spitzenposition inne. Immer wieder erscheinen wegweisende Arbeiten aus den Labors zwischen Genfer- und Bodensee. Grund dafür: Die Schweizerische HIV-Kohortenstudie, eine 1988 initiierte Langzeituntersuchung aller Aidspatienten. Aktuell werden über 7000 Patienten betreut, und insgesamt sind die Daten von über 16'000 Patienten eingeschlossen. Alle Patienten, die an der Kohorte teilnehmen, haben ihr schriftliches Einverständnis dazu gegeben.

Die Kohorte, wie sie von Insidern genannt wird, ist aber nicht nur ein Forschungsinstrument, sondern garantiert den Teilnehmern auch eine optimale Behandlung. Zudem können darin auch soziologische Studien unternommen werden, in denen zum Beispiel die gesellschaftliche Stigmatisierung oder die beruflichen Chancen von HIV-infizierten Menschen untersucht werden.

Eine Million Blutproben

Halbjährlich wird in der Kohorte der Krankheitsverlauf der Patienten überprüft, die Virenzahl im Blut gemessen oder die Menge an Immunzellen bestimmt. Mittlerweile haben die Forscher rund eine Million Blutproben tiefgefroren. Die Daten können dann im Lichte der Behandlungen, die durchgeführt worden sind, analysiert werden. «Daraus können wir Rückschlüsse ziehen, die sowohl der Forschung als auch der Behandlung der Patienten dienen», sagt Huldrych Günthard, der Präsident des wissenschaftlichen Beirates ist.

Vor drei Jahren etwa haben die Forscher die genetischen Voraussetzungen der Patienten untersucht, die trotz HIV-Infektion nicht krank werden. Auch die Beobachtung, dass die Kombinationstherapie Neuinfektionen verhindern kann, hat sich bei der Auswertung von Kohortendaten gezeigt. Weitere wichtige Erkenntnisse betreffen das Studium der Resistenzbildung gegen Medikamente oder die Art der verschiedenen Virenstämme, die in der Schweiz zirkulieren. «In der Aidsforschung sind qualitativ gute und vollständige Daten extrem wichtig», sagt Günthard. «In der Kohortenstudie haben wir diese Daten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2010, 21:47 Uhr

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3 Kommentare

Hans Ulrich Suter

21.07.2010, 14:42 Uhr
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Solche allgemeinen Tests, die nicht auf die Risikogruppen beschränkt sind haben ausserordentliche Anforderungen an Sensitivität und Spezifität der Tests. Meines Wissens sind die HIV-Tests noch nicht so weit. Insofern ist für mich die "Idee" schweizer Forscher nicht ein Zeichen dafür, dass die Schweiz in AIDS-RESEARCH führend ist, sondern das die Mathematikausbildung hierzulande ungenügend ist. Antworten


Peter Müller

21.07.2010, 16:31 Uhr
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Es ist ja schon sehr spannend. Nachdem die Bevölkerung nicht auf die inszenierte Schweinegrippe reingefallen ist, versucht die Pharma nun wieder das AIDS-Monster von der Leine zu lassen. Ein Jahrzehnt lang, hat man gar nichts davon gehört. Aber in den letzten Wochen werden die "Werbetrommeln" wieder gehörig gerührt! . Nach dem Avastin im Abfalleimer landet, braucht die Pharma Absatzgaranten!! Antworten



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