«Ehrlichkeit ist eine Eigenschaft der Schweizer Kultur»

Nach der reinen Lehre der Wirtschaftswissenschaften verhalten sich Menschen immer egoistisch. Das stimmt nicht, sagt der Verhaltensökonom Ernst Fehr. Im richtigen Umfeld sind viele Menschen grundehrlich.

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Ernst Fehr, Sie sind Verhaltensökonom. Was unterscheidet Sie von einem klassischen Ökonomen?
Meine Kritik am Homo oeconomicus, dem Modell des stets rational und eigennützig handelnden Menschen. Und ich verwende Laborexperimente, um Theorien zu testen. Das traditionelle Menschenbild der Ökonomie vernachlässigt, dass Menschen sich immer wieder irrational verhalten und sich auch für Fairness und Gerechtigkeit interessieren. Dieses Menschenbild ist auch ein Grund, weshalb die Modelle der traditionellen Ökonomie die Vorgänge vor und während der Finanzkrise nur unzulänglich erklären können.

Die klassische Ökonomie versteht sich auch als Wissenschaft.
Natürlich, aber in der Wissenschaft geschieht der Fortschritt häufig durch bessere Daten. Die Ökonomen haben sich bis in die 80er-Jahre kaum mit experimentellen Daten beschäftigt, die Biologen und die Mediziner hingegen schon. Solche Experimente unter Laborbedingungen liefern viel bessere Daten als diejenigen, die ich von den statistischen Ämtern erhalte. Diese sind oft durch unkontrollierbare Einflüsse verschmutzt.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel erläutern?
Wenn ich beweisen will, dass sich Menschen auch altruistisch verhalten, dann kann ich das nicht durch blosses Beobachten von Verhalten in Wirtschaft und Gesellschaft tun. In einem Unternehmen etwa kann man ein bestimmtes Verhalten immer auf unterschiedliche Art und Weise interpretieren. Mein Chef ist heute nett zu mir, weil er morgen etwas von mir will, um ein ganz banales Beispiel zu nennen. Jede freundliche Handlung kann auch als von Eigennutz getrieben interpretiert werden. Im Labor hingegen kann ich ausschliessen, dass materieller Eigennutz eine Rolle spielt.

Wie soll das gehen?
Im Labor kann ich alle Einflussfaktoren einzeln kontrollieren. Ich kann beispielsweise einen Tausch simulieren, der nur einmal via Internet stattfindet, mit einem Partner, den ich nicht kenne, über den ich keine Informationen habe, und den ich nie in meinem Leben treffen werde. Es gibt für den Probanden also keinen einzigen Grund, in dieser Situation nicht zu schummeln. Wenn ich ihm etwas liefere und er zahlt nicht, dann habe ich keine Chance, je zu meinem Geld zu kommen. Trotzdem zahlen viele der Probanden ihre Rechnung.

Wie erklären Sie das?
Es gibt ganz einfach auch Menschen, die zugunsten der Ehrlichkeit auf einen materiellen Vorteil verzichten. Sie sind nicht ehrlich, weil sie davon einen zukünftigen Vorteil haben wollen, sondern weil sie ehrlich sein wollen.

Ist Ehrlichkeit eine angeborene Eigenschaft oder eine kulturell erworbene?
Ich würde meinen, dass Ehrlichkeit in hohen Masse eine kulturelle Leistung ist, obwohl es auch biologische Ursachen geben mag. Es gibt Länder, wo das Reinlegen ein Sport ist: etwa Touristen über den Tisch zu ziehen oder das Steueramt zu betrügen. In der Schweiz ist das glücklicherweise anders.

Ein Psychologe könnte sagen: Dass Menschen auch ehrlich sein können, wissen wir schon lange. Dazu brauchen wir keine Verhaltensökonomen.
Das stimmt, aber dank unseren Experimenten können wir jetzt verstehen, wie Motive wie Ehrlichkeit und gesellschaftliche Institutionen zusammenwirken. Wir können verstehen, wann Menschen ehrlich sind und warum. Ich kann im Labor Situation erzeugen, in denen die Mehrzahl der Probanden sehr ehrlich ist, aber auch das Umgekehrte: Situationen, in denen sich die Mehrzahl sehr unehrlich verhält. Dadurch erhalte ich eine viel präzisere Einsicht, wie Anreizsysteme wirken. Das bedeutet, dass Ehrlichkeit mehr ist als eine individuelle Eigenschaft der Schweizer. Es ist auch eine Eigenschaft der Schweizer Institutionen und der Schweizer Kultur.

In der Finanzkrise stand nicht die Ehrlichkeit der Menschen im Mittelpunkt, sondern die Gier. Können Sie auch diese Eigenschaft in Ihren Labors sezieren?
Wir sprechen nicht von Gier, sondern von Eigennutz, und wir unterscheiden zwischen Situationen, in denen eigennütziges Verhalten nützlich sein kann, und Situationen, in denen es schädlich ist. Die Finanzkrise ist ein Beispiel, wo eigennütziges Verhalten Schaden angerichtet hat.

Wie erklären Sie das aus verhaltensökonomischer Sicht?
Die Wirkung von eigennützigem Verhalten hängt ab von den Institutionen, die wir haben. Wenn die Anreizsysteme die Risiken für die Händler falsch bewerten, dann werden diese ein eigennütziges Verhalten an den Tag legen, das für die Gesellschaft oder auch für das eigene Unternehmen schädlich ist. Als Ökonom muss ich mich deshalb stets fragen: Wie ändere ich die Institutionen, damit ich eigennützige Motive in sozial nützliche Bahnen lenken kann?

Gerade darum geht es jetzt bei der Diskussion um die Regulierung der Banken. Was sagen Sie dazu?
Ich bin dagegen, dass Obergrenzen für Gehälter festgelegt werden, das würde die Unternehmen tatsächlich im Wettbewerb behindern. Aber ich finde es gut, dass die Finanzmarktaufsicht jetzt Vorgaben macht, wie die Anreizsysteme für die Entlöhnung strukturiert sein sollen. Denn die Banken sind auch von öffentlichem Interesse. Wenn sie schlecht wirtschaften, dann hat das enorme Konsequenzen für uns alle.

Anreizsysteme so zu gestalten, dass der Mensch sinnvoll handelt, steht im Mittelpunkt der Verhaltensökonomie. Kann man das so allgemein zusammenfassen?
Kann man, wenn man hinzufügt, dass die Anreizsysteme auch die Tatsache berücksichtigen, dass viele Menschen häufig auch irrational und uneigennützig handeln. Nehmen Sie das Beispiel der Altersvorsorge. Wenn es hier keinen gesetzlichen Sparzwang und finanzielle Anreize gäbe, würde das in einem Desaster enden. Ohne wirksame Vorschriften und Anreize zum Sparen hätten wir bald eine riesige Altersarmut.

Wir brauchen eine Krücke, weil wir nun mal nicht alle Einsteins sind.
So kann man es auch ausdrücken. Viele 25-Jährige denken ganz einfach noch nicht daran, was einmal passieren wird, wenn sie 65 sind. Ein System, das dafür sorgt, dass quasi automatisch gespart wird, ist volkswirtschaftlich gesehen auf jeden Fall ein grosser Vorteil.

Die beiden amerikanischen Verhaltensökonomen Richard Thaler und Cass Sunstein sprechen in ihrem vor zwei Jahren erschienen Buch «Nudge» von sanften Stupsern. Cass Sunstein arbeitet inzwischen in der Regierung von Barack Obama. Hätten Sie manchmal auch Lust, ihre Erkenntnisse in die politische Praxis umzusetzen?
Mich reizt eher die wirtschaftliche und weniger die politische Praxis.

Interessiert Sie Politik nicht?
Oh doch, ich glaube, ich hätte auch politische Talente. Die braucht man ja auch in meinem Job: Sie müssen immer Leute überzeugen und können nicht einfach befehlen. Doch wenn Sie als Wissenschaftler die Seiten wechseln und in die Politik gehen, ist es sehr schwierig, wieder zurückzukehren. Deshalb stellt sich die Grundsatzfrage: Was will man für ein Leben führen? Ich habe mich für die Wissenschaft und die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Wirtschaft entschieden.

Trotzdem verfolgen Sie die Politik. Aus welcher Perspektive?
Ich bin der Meinung, dass man die Gesellschaft verbessern kann und muss. Die grosse Herausforderung lautet doch: Wie bringt man Lösungen zustande, die gleichzeitig effizient und gerecht sind? Der extremere Teil der Linken hat das Problem, dass ihre Vorschläge ökonomisch gesehen einfach häufig schlecht sind. Es reicht nicht aus, etwas Gutes zu wollen, man muss es auch können. Die moderne Ökonomie ist hingegen weitgehend unideologisch geworden. Wir wissen doch heute ziemlich genau, wann und wo der Staat versagt und wann und wo der Markt.

Woran denken Sie da konkret?
Nehmen Sie den aktuellen Streit in den USA über das Gesundheitswesen. Aus europäischer Sicht ist es absurd, dass nach wie vor rund 30 Millionen Menschen keine Krankenversicherung haben. Das ist ein klarer Fall von Marktversagen. Der Sozialstaat ist nicht bloss eine moralische Angelegenheit, sondern ökonomisch sinnvoll. So gibt es beispielsweise deshalb eine staatliche Arbeitslosenversicherung, weil es dafür keine privaten Anbieter gibt.

Die sanften Stupser werden auch liberaler Paternalismus genannt. Kann man dies einer politischen Richtung zuordnen?
Nein, theoretisch kann ein SVPler genauso ein liberaler Paternalist sein wie ein Mitglied der FDP oder der SP. Die Freiheit des Einzelnen soll ja nicht angetastet werden.

Besteht nicht die Gefahr, dass Wissenschaftler wie Sie es schaffen, die Anreizsysteme so perfekt zu gestalten, dass wir nicht mehr sanft gestupst, sondern manipuliert werden?
Darüber muss es eine permanente Diskussion geben. Manipuliert werden wir schon jetzt. Keiner glaubt doch, dass Werbung völlig unschuldig ist. Wichtig ist die Frage: Wird ein bestimmtes Verhalten diktatorisch verboten, oder wird ein Verhalten sanft begünstigt? Ich finde die Idee der sanften Stupser sehr attraktiv. Sie sind eine zukunftsträchtige Alternative zu den Modellen der traditionellen Ökonomie, die davon ausgehen, dass unser Verhalten nur über Preisanreize und gesetzlichen Zwang gesteuert wird.

Mit Ernst Fehr sprach Philipp Löpfe

Erstellt: 14.04.2010, 22:50 Uhr

«Es reicht nicht, etwas Gutes zu wollen, man muss es auch können»: Ernst Fehr, Professor für Ökonomie an der Universität Zürich. (Bild: Keystone )

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