Ein Gläschen in Unehren

Neue Daten zeigen, dass selbst ein Glas Wein pro Tag die Krebsbildung begünstigt. Moderater Alkoholkonsum solle deshalb nicht mehr zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen empfohlen werden.

Bild: Keystone

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Zu viel Alkohol ist ungesund, das weiss jeder. Dass selbst moderater Konsum Krebs begünstigt, überrascht hingegen. Doch zu genau diesem Schluss kommt nun ein internationales Forscherteam, nachdem es die Daten von mehr als 360'000 Personen aus acht europäischen Ländern ausgewertet hat («British Medical Journal online»).

Demnach ist Alkoholkonsum für jeden 10. Krebsfall bei Männern und jeden 33. bei Frauen verantwortlich. Die Mehrzahl dieser alkoholbedingten Erkrankungen ist zwar gemäss Studie auf übermässiges Trinken zurückzuführen. Doch selbst weniger als ein bis zwei Glas Bier, Wein oder Schnaps pro Tag kann die Entstehung gewisser Krebsarten fördern. Das Risiko überwiegt dabei laut den Forschern selbst den möglichen Nutzen für Herz und Kreislauf, wie er vor allem beim Wein aufgrund von verschiedenen Studien seit einiger Zeit angenommen wird.Die Krebsarten, die schon länger mit Alkoholkonsum in Verbindung gebracht werden, betreffen die Leber und den oberen Verdauungstrakt (Mund, Rachen, Speiseröhre, Kehlkopf). Neu hinzu gekommen sind vor wenigen Jahren Brust und Darm. Die jetzt von den Wissenschaftlern berechneten alkoholbedingten Anteile sind dabei vergleichbar mit Ergebnissen von ähnlichen Untersuchungen. Die relativ tiefen Werte bei Brust- und Darmkrebs fallen dabei in absoluten Zahlen stark ins Gewicht, da sie zu den häufigsten Krebsarten gehören. Brustkrebs ist bei Frauen gemäss Studie gar der häufigste Krebs aufgrund von Alkoholkonsum.

Trinkempfehlungen überprüft

«Studien zeigen schon länger, dass Alkohol Krebs auslöst – das Ausmass wird jedoch erst seit ein paar Jahren klar», sagt Manuela Bergmann vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam. Die nun publizierte Studie fand im Rahmen der seit 1994 laufenden Europäischen Ernährungsstudie Epic (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) statt und ist für Europa die detaillierteste Analyse zum Thema. Das Krebsrisiko berechneten die Wissenschaftler aus den Angaben zu Alkoholkonsum in Befragungen und dem Auftreten von Krebsfällen unter den Studienteilnehmern aus Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, Italien, den Niederlanden und Spanien.

Neben der Häufigkeit von alkoholbedingtem Krebs untersuchten die Wissenschaftler, was heutige Trinkempfehlungen für das Krebsrisiko bedeuten. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) beispielsweise hält für gesunde Frauen 10 Gramm Alkohol pro Tag für gesundheitsverträglich, bei Männern 20 Gramm. Für Frauen entspricht dies 2,5 Deziliter Bier oder 1 Deziliter Wein, für Männer dem Doppelten. Zwar zeigte sich, dass die meisten alkoholbedingten Krebsfälle mit übermässigem Konsum in Beziehung stehen (18 von 100 Krebsfällen bei Männern, 4 von 100 bei Frauen). Doch auch wer sich an die Empfehlungen hält, hat ein gewisses Risiko, wegen Alkoholkonsums an Krebs zu erkranken (3 von 100 Krebserkrankungen bei Männern, 1 von 100 bei Frauen). «Im Hinblick auf das Krebsrisiko gibt es keinen sicheren Grenzwert für den Alkoholkonsum», sagt Bergmann. Zwar seien die Risikowerte bei moderatem Trinken für den Einzelnen nicht besonders hoch, auf die ganze Bevölkerung gerechnet, betreffe es jedoch viele Menschen. In der Schweiz ist demnach mit rund 800 Krebsneuerkrankungen jährlich zu rechnen. Interessant ist der Vergleich des Krebsrisikos mit den propagierten positiven Effekten von Alkohol. So zeigen verschiedene Studien, dass sich ein moderater Konsum positiv auf Lebenserwartung und Herz und Kreislauf auswirkt. Beispielsweise erschien vor wenigen Wochen im gleichen Fachblatt «British Medical Journal» eine Übersichtsstudie, die solche Effekte im Vergleich zu Nietrinkern fand. Im Fall von Wein ist auch die Rede vom «French Paradox», der Beobachtung, dass Franzosen trotz (oder eben: wegen) Alkoholkonsums länger leben als andere Europäer.

Die Autoren der Epic-Studie sind allerdings der Meinung, dass, wenn das Krebsrisiko und die positiven Herz-Kreislauf-Effekte einander gegenübergestellt werden, «der Nettoeffekt von Alkohol schädlich ist», auch bei niedrigen Mengen. «Alkohol sollte für die Herz-Kreislauf-Prävention oder zur generellen Verlängerung der Lebenserwartung nicht empfohlen werden», schreiben sie in ihrem Paper.

WHO korrigiert Berichte

Bergmann zweifelt grundsätzlich an den Studien, die bei moderatem Alkoholkonsum einen Präventionseffekt zeigen. «Moderate Trinker verfügen wahrscheinlich über andere gesundheitsfördernde Eigenschaften, die diese Studien verfälschen», glaubt die deutsche Wissenschaftlerin. Sie vermutet, dass diese Menschen in allen Bereichen moderater leben und deshalb gesünder sind. Zudem sind sie laut Bergmann häufig höher gebildet und sozial besser gestellt als der Durchschnitt. Auf der anderen Seite hat die Vergleichsgruppe der Nichttrinker möglicherweise Merkmale, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken, etwa eine zu rigide Lebensweise oder eine überwundene oder versteckte Alkoholsucht.

Mit ihrer Skepsis steht Bergmann nicht allein. So hat die Weltgesundheitsorganisation WHO diesen Februar in ihrem Statusbericht zur Alkoholproblematik die Bedeutung der Herz-Kreislauf-Prävention deutlich nach unten korrigiert im Vergleich zum Vorgängerbericht von 2004. Das Thema Alkohol ist eine Gratwanderung zwischen Gesundheit und Lebenslust, das sieht auch Bergmann so. Für sie ist deshalb auch klar, dass es keinen Sinn hat, in Europa Abstinenz zu fordern. Bergmann: «Wir sind schon froh, wenn sich die Leute beim Trinken an die heutigen Empfehlungen halten.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.04.2011, 20:19 Uhr)

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