Ein Neurologe warnt vor zu vielen Hirnbildern

Zürichs Kliniken werden technologisch aufgerüstet mit Tomografie-Geräten aller Art. Für Chefarzt Jürg Kesselring geht die einseitige Ausrichtung auf diese bildgebenden Verfahren zu Lasten der Patienten.

«Die Bildgebung ist kein Allheilmittel»: Neurologe Jürg Kesselring setzt auf eingehende Gespräche mit den Patienten.

«Die Bildgebung ist kein Allheilmittel»: Neurologe Jürg Kesselring setzt auf eingehende Gespräche mit den Patienten. Bild: Nicola Pitaro

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«Die beste Arznei für den Menschen ist der Mensch. Der höchste Grad dieser Arznei ist die Liebe.» Das Zitat stammt von Paracelsus, dem berühmten Arzt des Mittelalters. Der Neurologe Jürg Kesselring begann damit seinen Vortrag, den er kürzlich an einem Symposium der Schweizerischen Epilepsie-Stiftung hielt. Es ging um den Wertewandel in der Medizin. Kesselring zitierte Paracelsus, um anschliessend den aktuellen Trend in den Neurowissenschaften scharf zu kritisieren: «Man tut heute so, wie wenn man mit den Bildern den Menschen erfassen könnte. Aber das kann man nicht.»

Bildgebende Verfahren sind derzeit hoch im Kurs. So hat der Regierungsrat in seinem Bestreben, Zürich als Zentrum der Spitzenmedizin zu stärken, über 20 Millionen Franken für neue Geräte bei den Verfahren MRT (Magnetresonanz-Tomografie), CT (Computertomografie) und PET (Positronen-Emissions-Tomografie) bewilligt. Speziell gefördert wird die Hirnforschung. Das Unispital erhält ein zweites Magnetresonanztomografie-Zentrum mit drei Geräten für Neurologie, Neurochirurgie und Neuroradiologie. Auch die Psychiatrische Universitätsklinik setzt vor allem auf MRT, um die psychischen Leiden zu erforschen.

Scheich, Bergbauer, Politiker

Kesselring hingegen ist überzeugt: «Um einen Menschen zu verstehen, muss man auch seine Geschichte kennen.» Das heisst zuhören und Gespräche führen. «Medizin ist wesentlich eine Beziehung.» Kesselring findet es schlimm, dass «fast nur noch Professoren auf Lehrstühle kommen, die ausschliesslich von Statistiken reden». In der Medizin gehe es doch um Individuen. Er selber lädt im Rahmen seiner Vorlesung «klinische Neurowissenschaften» an der Uni Zürich die Studierenden jeweils in die Klinik Valens ein, um ihnen die Arbeit mit den Patienten zu zeigen.

Der Neurologe ist seit 24 Jahren Chefarzt für Neurorehabilitation in Valens GR. Die Reha-Klinik liegt auf einem Plateau über der Tamina-Schlucht, aus deren Gestein die Heilquelle sprudelt. Unten im alten Bad Pfäfers weilte Paracelsus 1535 als erster Badearzt und schrieb ein Buch über die Wirkung des 36,5 Grad warmen Wassers. Über die Jahrhunderte reisten viele berühmte Kurgäste aus dem In- und Ausland nach Pfäfers, um durch Baden gesund zu werden. 1970 wurde die Klinik nach Valens verlegt. Die Klientel ist noch immer illuster.

Auf Kesselrings Abteilung treffen sich am Esstisch ein Scheich aus Katar, ein Bündner Bergbauer und der Winterthurer Hausarzt und FDP-Kantonsrat Oskar Denzler. Denzlers Diagnose: Hemiplegie. Ein Blutgerinnsel im Gehirn hat den 61-Jährigen auf einen Schlag halbseitig gelähmt. Nach einer Woche in der Reha kann er bereits wieder am Stock gehen. Dank üben, üben, üben. Seine Tage sind ausgefüllt mit Therapien. «Früher», so Kesselring, «hätte man Herrn Denzler seinem Schicksal überlassen.» Ebenso die MS-Patienten, die mit jedem Krankheitsschub einen Teil ihrer Bewegungsfähigkeit verlieren. Da könne man nichts machen, hiess es.

Erstes MR-Bild vor 30 Jahren

Heute gehen die Neurologen davon aus, dass zwar ein Teil des Gehirns zerstört, ein anderer Teil aber reparabel ist. Ziel der Rehabilitation ist, dass die Betroffenen trotz Hirnschlag und trotz MS ihren Alltag möglichst gut bewältigen können.

«Bei dieser Einstellungsänderung haben die bildgebenden Verfahren sehr geholfen», sagt Kesselring. Eine überraschende Aussage nach seiner Kritik. Doch diese ist eben nicht grundsätzlich. Kesselring hält die Schnittbilder für durchaus nützlich. «Das MRT hilft, den Mechanismus einer Krankheit zu verstehen.» 1981 hatte Kesselring zum ersten Mal ein MR-Bild gesehen. 1987 weilte er zur Weiterbildung in London und lernte, das Verfahren bei MS-Patienten anzuwenden. Weil die Patienten nicht durch Strahlen belastet werden, kann man serielle Aufnahmen machen und so den Krankheitsverlauf erfassen. Die Ärzte stellten zum Beispiel fest, dass bei Schüben neue Herde von Gewebeveränderungen auftreten. Sie machen diese mit einem Kontrastmittel sichtbar, das sie ins Blut spritzen.

Weil bei MS die Blut-Hirn-Schranke aufgeht, gelangt das Kontrastmittel ins Gehirn. Auf dem Bild lässt sich die betroffene Stelle und damit der neue Entzündungsherd lokalisieren. Für die Diagnostik seien die bildgebenden Verfahren ein Segen, findet Kesselring. Bei einem Hirnschlag-Patienten sieht er genau, wie stark und wo das Gehirn geschädigt wurde, und kann die Therapie darauf ausrichten. «Aber», und hier kommt Kesselring auf seine Kritik zurück, «die Bildgebung ist kein Allheilmittel.»

Der erfahrene Neurologe beobachtet mit Sorge, dass viele Neurowissenschaftler ausschliesslich auf die Bilder setzten und die Geisteswissenschaften für überflüssig hielten. «Die Erkenntnisse der Bildgebung werden auf Bereiche übertragen, für die sie nicht zuständig sind: das Bewusstsein, der freie Wille.» Er ziehe nicht gegen die Uni zu Felde, stellt Kesselring klar. Doch er wolle darauf aufmerksam machen, dass komplexe Fragen nicht einfach beantwortet werden können. Angehende Ärztinnen und Ärzte sollten nicht bloss mit Zahlen und Fakten gefüttert werden. Sie sollten auch den Umgang mit Patienten lernen.

Stratege des IKRK

Ganzheitlichkeit ist nicht nur Kesselrings Credo für die Medizin, er lebt auch persönlich danach. Er spielt täglich Cello und macht Kammermusik mit seiner Frau und einem Arztkollegen. Er schreibt Gedichte und organisiert kulturelle Anlässe. 30 Jahre lang engagierte er sich ehrenamtlich in der Schweizerischen MS-Gesellschaft. Im März gab er das Präsidium ab, um eine neue Aufgabe im IKRK zu übernehmen: Kesselring ist Mitglied des 15-köpfigen Komitees, das über die Strategie der humanitären Organisation bestimmt. Als junger Mann war er für das IKRK im Libanon und in Zaire im Einsatz gewesen.

Wie macht er das alles als Chefarzt, der eine Klinik mit 100 Betten führt? «Ich habe ein sehr gutes, konstantes Team und klare organisatorische Strukturen», erklärt Kesselring. «Die Pflicht muss straff erledigt werden, damit viel Zeit bleibt für Gespräche.» Auf dem Rundgang durch die Klinik zeigt sich, dass dies nicht nur Theorie ist, sondern gelebte Praxis. Jürg Kesselring kennt alle, grüsst hier einen Mitarbeiter, plaudert dort mit einer Patientin, muntert auf und gibt Ratschläge. Keine Spur von Stress. Und wenn er mit der Arbeit fertig ist, macht er sich ohne Eile auf den Weg nach Hause: zu Fuss durch die Tamina-Schlucht hinab nach Bad Ragaz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2011, 22:19 Uhr

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