Ein geheiltes Gesicht kann für Patienten ein Schock sein

Betroffene können nach einer Gesichtsoperation beim Blick in den Spiegel Probleme bekommen – das Gehirn erkennt das eigene Ich nicht mehr.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jérôme litt am sogenannten Elefantenmann-Syndrom. Sein Gesicht war stark deformiert, sozial war er isoliert. Das soll nun Vergangenheit sein. Der 35-Jährige erhielt Ende Juni ein neues Gesicht. Einem französischen Ärzteteam unter Leitung von Laurent Lantieri gelang es erstmals, das ganze Gesicht eines Toten zu transplantieren, inklusive Augenlider und Tränenwegsystem. Jérôme kann nach Angaben der Ärzte bereits wieder essen und sprechen. Beim ersten Blick in den Spiegel hob er beide Daumen. Wie er jedoch sein neues Aussehen als neues Ich akzeptiert, wird sich zeigen.

Tanja hatte nach einer Gesichtsoperation Schwierigkeiten mit ihrem neuen Aussehen. Sie litt seit ihrer Geburt an einer Wachstumshemmung im Oberkiefer. Ihr Gesicht war flach, der Unterkiefer stand vor, den Mund zu schliessen, fiel ihr schwer. Kurz vor ihrem 30. Geburtstag liess sie sich operieren. Doch statt sich über die gelungene Operation und die neu gewonnene Gesichtssymmetrie zu freuen, bekam Tanja eine Identitätskrise. «Ich komme mit diesem Gesicht nicht zurecht. Das bin nicht ich. Gebt mir mein altes Aussehen zurück», bat sie den Chirurgen.

Wie Tanja geht es einer Reihe von Patienten, die sich hinter ihrem neu rekonstruierten Gesicht fremd fühlen, obwohl das alte durch eine schwere Missbildung oder einen Unfall entstellt war. Durch den Anblick des unbekannten, neuen eigenen Gesichts im Spiegel kann das Gehirn des Patienten unter Schock stehen und erkennt das eigene Ich nicht mehr. «Das neue Gesicht wird vom Gedächtnis als fremd erkannt», erläutert Hans Landolt, Chefarzt der Neurochirurgie am Kantonsspital Aarau. Das Gehirn arbeite daran, das Gesicht einzuordnen, und gebe die Meldung: «Achtung, fremdes Gesicht!» Das könne Angst erzeugen. «Der Betroffene fühlt sich, als ob er eine Maske tragen würde. Je nach Festigkeit der Persönlichkeit und Reaktionen von Mitmenschen ist sein ganzheitliches Ich gefährdet», so Landolt. Der Patient müsse mit professioneller Hilfe lernen, das neue Gesicht Schritt für Schritt zu akzeptieren und es zu seiner eigenen Identität werden zu lassen.

Symposium mit Künstlern

«Eine Vorhersage, wie sich ein Eingriff auf die eigene Wahrnehmung des Patienten und seine Identität auswirkt, ist schwer zu stellen. Wir haben nichts in der Hand ausser ein wenig Bauchgefühl und unsere Erfahrung», sagt Hans-Florian Zeilhofer, Chefarzt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Universitätsspital Basel. Deshalb rief er vor sechs Jahren ein internationales Symposium ins Leben. Seither treffen sich jährlich während der Art Basel Chirurgen, Mathematiker, Informatiker, Physiker und Künstler. Sie diskutierten kürzlich die neuesten Erkenntnisse, die mit Identität, Gesicht und Chirurgie zu tun haben.

Die Nähe zur Art Basel ist kein Zufall. «Die komplexe Thematik der Identität verlangt nach einer ganzheitlichen, interdisziplinären Diskussion», sagt Zeilhofer. Kunst spiele dabei eine wichtige Rolle. Denn Identität und Kunst seien individuell geprägt und bedeuteten trotzdem für jeden etwas anderes. «Die Identität nur unter dem medizinischen Aspekt zu betrachten, wäre ein Irrtum», fügt Zeilhofer hinzu.

Identität nicht rekonstruierbar

Für Patienten, die sich einer Gesichtsoperation unterziehen, hat sich seit Mitte der 90er-Jahre einiges verändert. «Damals versuchten wir mit Foto- und später mit Videomontagen, die durch eine Operation bewirkten Veränderungen zu simulieren», erklärt Zeilhofer. Heute verfügen die Mediziner über ein dreidimensionales computergestütztes Simulationssystem.

Computertomografie und andere bildgebende Verfahren liefern die Eckdaten des Schädels, um jedes Gesicht und dessen Veränderungen vor dem operativen Eingriff zu berechnen. Die Messwerte werden dann an die individuelle Anatomie die Patienten angepasst. «Nicht nur die Form des Gesichts kann simuliert werden, sondern auch die Bewegungen – wie zum Beispiel ein Lächeln», erklärt Zeilhofer. Dreidimensional geplante Operationen sind heute in grossen Kliniken Standard. Das Operationsresultat wird kalkulierbarer. Die Reaktion des Patienten bleibt jedoch in einem gewissen Masse unberechenbar.

Teil der Identität zurück?

Hat also Isabelle Dinoire einen Teil ihrer Identität zurückerhalten? Vor fünf Jahren transplantierte ihr der französische Chirurg Bernard Devauchelle weltweit erstmalig ein neues Gesicht. Dinoire war von ihrem Hund durch Bisse schwer im Gesicht verletzt und entstellt worden. Sie erhielt von einer hirntoten Organspenderin ein Dreieck aus Nase, Mund und Kinnpartie. Heute kann sie wieder lächeln.

Devauchelle verneint die Frage nach der Identität: «Identität kann man nicht rekonstruieren. Durch die Gesichtschirurgie erhalten Menschen mit einem entstellten Gesicht eine neue Basis. Die Identität gibt sich der Patient jedoch selbst und entwickelt sie weiter. Identität ist mehr als nur das Gesicht. Es ist der Mensch als Ganzes – seine Haltung, seine Seele.»

Patient darf kein Objekt sein

Der Chirurg Devauchelle wurde durch die Medien gar zum Erschaffenden, zum Gesichtsmacher hochgejubelt. Ist er ein Künstler, der sich durch eine Skulptur ein Denkmal setzt? Eine Skulptur erhalte ihren Wert durch den Blick des Betrachters, so Devauchelle. «Ein Patient darf hingegen nie zum Objekt werden, sondern muss immer Subjekt bleiben; unabhängig vom Chirurgen, selbstbestimmt und mit seiner eigenen Wahrnehmung», betont Devauchelle. «Wenn der Patient zum Kunstobjekt wird, hat der Chirurg mehr als nur sein Gesicht verloren.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.07.2010, 20:30 Uhr)

Stichworte

Neues Antlitz: Isabelle Dinoire (l.) an einer Pressekonferenz 2006. Ärzte hatten ihr ein neues Gesicht transplantiert. (Bild: Keystone )

Viele Fortschritte in den letzten Jahren

Bisher haben knapp ein Dutzend Patienten weltweit das Gesicht oder Teile davon eines toten Spenders erhalten. Das französische Ärzteteam um Bernard Devauchelle verpflanzte 2005 erstmals grössere Haut- und Muskelflächen auf das verunstaltete Antlitz der Patientin Isabelle Dinoire. Chinesische Mediziner reparierten mit einer Transplantation 2006 einem Mann das Gesicht, der von einem Bären angegriffen worden war.

2008 verpflanzten amerikanische Experten von der Cleaveland Clinic in Ohio 80 Prozent eines Gesichts. Nur Stirn, Augenlieder, Unterlippe und Kinn stammen weiterhin von der Patientin, die durch Schüsse ins Gesicht entstellt worden war. 2007 transplantierte Laurent Lantieri vom Universitätsspital dem Patienten Henri Mondor bei Paris ein neues Gesicht. Er litt unter seltenen nachwachsenden Tumoren. Und spanische Ärzte berichteten im April von einer 22-stündigen Transplantation bei einem schwer im Gesicht verletzten Patienten.

Die jüngste Erfolgsmeldung kommt wiederum von Lantieri und seinem Team, ein Gesicht samt Augenlidern und Tränendrüsen übertragen zu haben. Die Verpflanzung von Gesichtern gilt als eine der schwierigsten Operationen überhaupt. Das Hauptproblem ist, dass die Patienten das Gewebe des toten Spenders abstossen könnten. (afo)

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Kommentare

Anzeigen

Die Welt in Bildern

Wimmelbild: In Jakarta, Indonesien, protestieren Gewerkschaftsmitglieder gegen eine Steueramnestie für die Regierung. Ein Polizist bahnt sich ein Weg durch die demonstrierende Menschenmasse. (29. September 2016)
(Bild: Darren Whiteside) Mehr...