Eine Diagnose für fast Normale

Statt des Aufmerksamkeitsdefizits ADHS diagnostizieren Ärzte zunehmend das Asperger-Syndrom. Ist die milde Autismusform nur ein Trend in der Psychiatrie – oder sind die Betroffenen tatsächlich krank?

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Patienten akzeptieren vieles. Wenn der «Herr Doktor» in der Sprechstunde das Gespräch plötzlich unterbricht, um in der Ecke ein verschobenes Kabel zurechtzurücken, messen dem viele keine Bedeutung bei. Dem Arzt selber war der Zwischenfall zu viel: «Jetzt spinnst du», sagte sich der 46-jährige Thomas S.* «Wegen so etwas das Patientengespräch zu unterbrechen, ist jenseitig.» Doch er hatte nicht anders gekonnt, so sehr störte ihn das verschobene Kabel, das andere kaum bemerkt hätten.

Was Thomas S. damals noch nicht wusste: Er leidet am Asperger-Syndrom, einer milden Form von Autismus, die lange Zeit selbst in Fachkreisen kaum bekannt war. Erst Mitte der 90er-Jahre wurde die Störung in die offiziellen Psychiatrie-Handbücher aufgenommen. Die meisten Ärzte sind dadurch in ihrer Ausbildung und auch später mit dem Krankheitsbild kaum in Kontakt gekommen. Doch inzwischen kennen immer mehr das Asperger-Syndrom. Langsam kehrt sich die Situation um: Bereits ist die Rede von einer neuen Modekrankheit, die der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) den Rang abläuft.

Bis zu drei Prozent der Bevölkerung betroffen

Prominente wie Bill Gates, Albert Einstein oder Alfred Hitchcock, die bislang als «Zappelphilippe» galten, werden heute als Beispiele für «Aspis» herumgereicht. «Das Asperger-Syndrom kommt en vogue als Erklärung, warum es im Leben nicht so klappt», sagt Helene Haker, Psychiaterin und Asperger-Spezialistin an der Universität Zürich. Tatsächlich ist gerade die Abgrenzung zum ADHS manchmal schwierig: Als Kind sind Asperger-Betroffene häufig hyperaktiv. Zudem interessieren sie sich nur für wenige Dinge, dafür intensiv – alles andere ist für sie nicht spannend, weshalb sie häufig unkonzentriert wirken.

Für Betroffene ist das Asperger-Syndrom allerdings keine Modeerscheinung: Mediziner gehen heute davon aus, dass im Extremfall bis zu drei Prozent der Bevölkerung entsprechende Symptome haben, wenn auch sehr leichte Formen einbezogen werden. Bei vielen wird die Störung erst im Erwachsenenalter diagnostiziert, weil sie bei ihnen in der Kindheit oft nicht erkannt wird.

Thomas S. könnte durchaus einem Ärzteroman entsprungen sein. Gut aussehend und mit souveräner Ausstrahlung, hat er alles, was zu einem erfolgreichen Arzt gehört: eine gut laufende Praxis, viel Geld und eine passende Lebenspartnerin. Wo hat es da Platz für eine psychische Störung? Doch auch wenn man es nicht gleich bemerkt: «Ich bin autistisch gestört, allerdings nicht so stark, dass es auffällt», sagt Thomas S. beim Rundgang durch seine Praxis in einer Kleinstadt im Mittelland. Schnörkellose Einrichtung, hochrein, überall neuste Technik, die besten Geräte und kein Kabel, das stört. Unterwegs liest er mehrmals unauffällig kaum sichtbare Fussel auf und wirft sie in den Abfall. Obwohl eine Reinigungskraft 18 Stunden pro Woche gewissenhaft putzt, drängt es ihn, nachzuhelfen. «Wenn etwas nicht genau so ist, wie ich das möchte, stresst es mich enorm.»

Vor allem Männer betroffen

Zahlreiche Eigenheiten beim Asperger-Syndrom klingen, wie wenn Frauen über die Macken ihrer Partner klagen: Betroffene hören nicht zu, kümmern sich mehr um ihre Spezialinteressen als um die Beziehung, zeigen keine Gefühle und nehmen die der anderen nicht wahr. Als Hans Asperger die Störung 1943 das erste Mal beschrieb, sprach er von «einer Extremvariante des männlichen Charakters». Tatsächlich betreffen vier von fünf Diagnosestellungen Männer.

Viele Auffälligkeiten sind beim Asperger-Syndrom ähnlich wie beim gemeinhin bekannten frühkindlichen Autismus, wenn auch in milderer Ausprägung. So ist das Sozialverhalten beeinträchtigt: Asperger-Betroffene interessieren sich nicht für andere und haben Schwierigkeiten, sich in sie hineinzuversetzen. Damit zusammen hängen häufig Auffälligkeiten bei der Kommunikation: eine ungewöhnliche Sprechmelodie, altkluge Sprechweise, fehlender Blickkontakt oder unnatürliche Mimik und Gestik gehören zu den Symptomen, die häufig vorkommen. Betroffene haben zudem oft einen Hang zu Ritualen und bekommen Schwierigkeiten, wenn sie sich auf Neues einstellen müssen. Typisch ist auch ein ausgeprägtes Interesse insbesondere für technische oder systematische Dinge, das viel Zeit beansprucht. Häufig findet sich auch eine sogenannte Inselbegabung, etwa umfassende Fahrplankenntnisse oder brillantes Kopfrechnen.

Traurig und unzufrieden

Unweit des Hauptbahnhofs Zürich, im Kriseninterventionszentrum der Psychiatrischen Uniklinik Zürich an der Militärstrasse 8, zweiter Stock, hat Psychiatrie-Oberärztin Helene Haker ihr Büro und ihren Therapieraum. Hier, am runden Sitzungstisch, erhielt Thomas S. vor gut einem halben Jahr seine Asperger-Diagnose. Der Zwischenfall mit der unterbrochenen Sprechstunde wegen eines Kabels brachte Thomas S. dazu, Hilfe zu suchen, denn es ging ihm bereits schlecht: Er litt unter starken Stimmungsschwankungen, war häufig traurig und unzufrieden. Auch Konflikte mit seiner Lebenspartnerin belasteten ihn.

«Vor allem bei Erwachsenen ist die Abgrenzung zu Normalen schwierig», erklärt Haker. Viele seien sehr intelligent und hätten sich über die Jahre Strategien angeeignet, ihre Defizite zu kompensieren. Haker hat vor zwei Jahren zusammen mit der Psychologin Florence Hagenmuller an der Universität Zürich eine der wenigen Asperger-Sprechstunden für Erwachsene in der Schweiz gestartet. Die Nachfrage ist gross, bereits sind sie ausgebucht. In drei zweistündigen Sitzungen klären die beiden Fachleute mithilfe von Gesprächen, Fragebogen und Testaufgaben die Patienten ab. «Die Besonderheiten der Asperger-Betroffenen sind zwar sehr variabel, die zugrunde liegenden Ursachen sind bei allen jedoch gleich», sagt Haker. Hinter allem stünde eine beeinträchtigte Wahrnehmung, vor allem von sozialen Signalen. Diese Beeinträchtigung sei bis zu 90 Prozent angeboren: «Autismus-Erkrankungen haben unter den psychischen Erkrankungen den höchsten genetischen Anteil», sagt Haker.

Ferien nur im Luxushotel

Auch Thomas S. hat sich sein Leben eingerichtet. In der Freizeit macht er am liebsten alles allein, «dann fühle ich mich wohl». Echte Freunde hat er nicht, nie gehabt. Er geht schwimmen, liest, schaut DVDs oder beschäftigt sich mit der Einrichtung seines Musikstudios. Stundenlang sucht er dafür im Internet nach Equipment. «Ich wähle immer das Beste und Teuerste aus», sagt Thomas S. Dank seiner gut laufenden Praxis ist Geld dabei kein Problem. In die Ferien geht er zwar, sogar in «unordentliche» Länder wie Thailand. Allerdings nur in Luxushotels. «Die liebe ich», sagt er. «Alles ist perfekt: der Pool, das Essen, die Massage.»

Eine ursächliche Behandlung des Asperger-Syndroms gibt es nicht, höchstens gegen Zusatzsymptome wie Depression oder Schlaflosigkeit. «Bei manchen kann man helfen, Strategien zu entwickeln, wie sie in ihrer Umwelt besser funktionieren», sagt Haker. Ein Teil der Betroffenen aber hat im Alltag kaum Schwierigkeiten. Wofür braucht es da eine Diagnose? «Wenn sich im Leben dieser Menschen etwas ändert, etwa bei einem Jobverlust oder einer Trennung, entstehen schwerwiegende Probleme», sagt Haker. Vielen helfe zudem das Wissen, dass sie eine angeborene Störung haben, auch Thomas S. «Aussenstehende merken zwar nichts von meinen Ticks, meine Freundin litt aber stark», sagt er. Seit der Diagnose habe sich das Zusammenleben sehr zum Positiven gewendet. «Früher waren Leute wie ich einfach schräge Typen, heute gibt es für uns die Diagnose Asperger.»

* Name geändert (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.02.2012, 18:42 Uhr)

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