Eine Sprache für kleine Autisten

Wenn Kinder mit Autismus früh behandelt werden, sind ihre Chancen auf ein normales Leben gross. In Muttenz wird eine Intensivtherapie angeboten.

Kleiner Patient unter Beobachtung: Autismus-Therapeuten verfolgen durch einen Einwegspiegel, wie Alois spielt.

Kleiner Patient unter Beobachtung: Autismus-Therapeuten verfolgen durch einen Einwegspiegel, wie Alois spielt. Bild: PD

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Wenn es an der Haustür der Familie Petermann* klingelt, kommen die dreijährigen Zwillinge Alois* und Lea* neugierig herbei, um zu sehen, wer da ist. Wie das für Kleinkinder eben normal ist. Normal? Bei Petermanns war das lange Zeit anders. Lea kam. Ihr Bruder nicht. Alois hat sich bis vor kurzem immer verkrochen und still beschäftigt, bis der Besuch wieder weg war. Der kleine Bub ist Autist.

Dass Alois anders ist, merkten seine Eltern relativ früh. Vater Jan Petermann* erzählt: «Er hat zum Beispiel jeden Augenkontakt vermieden, auch mit uns Eltern.» Zwar habe der Bub durchaus seine Wünsche mitgeteilt, aber kaum mit Worten. «Wir haben meistens verstanden, was er wollte», sagt der Vater, «und sind dann darauf eingegangen.» Das tun sie nicht mehr. Heute verlangen sie von Alois, dass er sich klar mit Worten ausdrückt. Und es geht, meistens.

Acht Stunden Spiel pro Tag

Das ist Teil einer Therapie, die neu in Muttenz angeboten wird: die sogenannte Mifne-Therapie. Mifne ist Hebräisch und heisst «Wendepunkt»; entwickelt worden ist die Behandlung von der israelischen Psychologin Hanna Alonim. In Israel steht das bislang einzige Mifne-Zentrum. Die Schweiz ist das erste Land, in dem ein zweites Zentrum eröffnet worden ist. Es wird von der Stiftung Frühintervention bei autistischen Störungen (Fias) finanziert; fachlich ist es der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik der Uni Basel angeschlossen.

Die Mifne-Therapie ist eine auch für die Eltern und Geschwister ausserordentlich intensive Angelegenheit. Am Anfang steht eine dreiwöchige, stationäre Behandlung mit der ganzen Familie. Eltern, Kind und Geschwister leben in dieser Zeit in einer Wohnung in Muttenz, die zum Mifne-Zentrum gehört.

Spielen im reizarmen Raum

Die Behandlung findet in einem Häuschen statt, das eigens für die Therapie umgebaut worden ist. Kernstück ist der reizarme Raum: Ein Dachzimmer mit weichem Boden und gepolsterten Wänden, dessen Fenster mit weissen Holzplatten komplett verschliessbar sind – man wähnt sich dann in einem fensterlosen Zimmer. «Das war am Anfang sehr irritierend», sagt Jan Petermann. «Aber wichtig, denn das Kind soll nicht abgelenkt werden.»

Für die kleinen Patienten besteht die Therapie in erster Linie aus Spiel. Das Kind spielt mit den Eltern oder einer Therapeutin, manchmal auch mit den Geschwistern. Sechs bis acht Stunden am Tag, jeden Tag. Ziel für den Spielpartner ist es immer, Kontakt zum Kind herzustellen, seine Anregungen aufzunehmen und Interesse am gemeinsamen Spiel zu wecken. Zum Konzept gehört, dass das Regal mit den aufs jeweilige Kind abgestimmten Spielsachen ausser Reichweite des Kindes angebracht ist: Es soll fragen müssen, wenn es etwas will.

Während des Spiels stehen Kind und Spielpartner ständig per Video und aus einem Nebenraum durch zwei grosse Einwegspiegel unter Beobachtung. Diese Beobachtung von aussen ist ein zentraler Aspekt. «Es ist verblüffend zu sehen, was sich in dem Raum abspielt», sagt Jan Petermann. «Plötzlich realisiert man Auffälligkeiten und fragt sich, warum man sie nicht schon vorher bemerkt hat.» So habe er erst in Muttenz bewusst wahrgenommen, wie sein Sohn versucht, mit anderen Leuten Kontakt aufzunehmen – und wie oft das scheitert.

Erfolg dank Kommunikation

All diese Beobachtungen werden in Einzel- und Paargesprächen zusammen mit Therapeuten besprochen. Ziel sei es nicht in erster Linie, Fehler im Umgang mit dem Kind aufzudecken, sagt Psychologin und Zentrumsleiterin Esther Kievit, sondern das eigene Sensorium zu schärfen und auf das zu reagieren, was vom Kind komme: «Wir wollen es ‹gluschtig› machen auf soziale Kontakte.» Entscheidend sei, dass man dem Kind dabei nicht jeden Wunsch von den Augen ablese: «Es soll lernen, dass es Erfolg hat, wenn es etwas klar kommuniziert. Und dass es das auch kann.»

Mit den drei Wochen im Zentrum ist es nicht getan, diese dienen lediglich als Initialzündung – daher auch der Name Wendepunkt. Anschliessend werden Eltern und Kinder je nach Bedarf mehrere Jahre zu Hause weiter betreut. Dabei gilt es, das Gelernte zu vertiefen und anzuwenden. Alois’ Vater gibt zu, sich damit zuweilen schwer zu tun. «Es ist nicht einfach, im Alltag eine tägliche Stunde intensives Spiel mit Alois einzubauen.»

Erfolgreich, aber teuer

Mifne ist in Israel eine erstaunlich erfolgreiche Therapie. Rund zwei Drittel der dort behandelten Kinder konnten später normal eingeschult werden, zeigt eine Begleitstudie. Entscheidend ist das Eintrittsalter: je jünger das Kind, desto grösser die Erfolgschance. Nach dem vierten Geburtstag sinkt sie drastisch.

Ronnie Gundelfinger, Leitender Arzt im Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Uni Zürich, hält Mifne für einen «sehr spannenden Therapieansatz», vor allem für Eltern, denen die klassischen Verhaltenstherapien nicht zusagten. Mifne müsse wissenschaftlich aber noch genauer untersucht werden, sagt der Autismus-Spezialist. Dass dies noch nicht geschehen sei, sei wohl ein Grund, weshalb Mifne trotz guter Erfolge bisher nicht weiter verbreitet sei.

Hauptsache frühe Behandlung

Der Basler Psychologieprofessor René Spiegel, einer der Initianten des Schweizer Mifne-Zentrums und Präsident der Stiftung Fias, sieht einen weiteren Grund im grossen Aufwand für die Behandlung: «Die drei Wochen im Mifne-Zentrum sind eine Parforce-Tour.» Nicht nur für die Eltern. Während der Intensivphase sind ständig sechs, sieben Therapeutinnen und Therapeuten beschäftigt. Eine Mifne-Behandlung kostet rund 70 000 Franken pro Familie. Kosten, welche weder Krankenkasse noch IV übernehmen müssen. Vorderhand zahlt die Fias-Stiftung einen grossen Teil der Behandlung, die Eltern müssen nach ihren Möglichkeiten aber auch ihren Beitrag leisten.

Längerfristig will Spiegel erreichen, dass die Mifne-Therapie kassenpflichtig wird, ebenso wie andere Intensivtherapien. Spiegel arbeitet zu diesem Zweck mit anderen Institutionen zusammen; auch der Elternverein Autismus deutsche Schweiz ist beteiligt. Autismus-Spezialist Gundelfinger unterstützt das: «Für den Therapieerfolg ist es entscheidend, dass das Kind sehr früh und sehr intensiv behandelt wird. Möglicherweise ist die Art der Behandlung dabei gar nicht so entscheidend.»

*Namen geändert

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.08.2010, 15:54 Uhr)

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