Lebenshilfe

Eine bessere Beziehung in 21 Minuten

Amerikanische Psychologen erforschen einfache, aber kluge Methoden, die Probleme des Zusammenlebens schnell lösen.

Paartherapie: Wer nicht mehr miteinander spricht, kann sich Briefe schicken. Foto: Keystone

Paartherapie: Wer nicht mehr miteinander spricht, kann sich Briefe schicken. Foto: Keystone

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Sie nehmen den Mund ganz schön voll: «Nur 21 Minuten Therapie – und schon schätzen Sie Ihre Partnerschaft wieder (falls das vorher nicht oder nicht mehr ausreichend der Fall gewesen ist).» Das versprechen die Autoren einer Studie, die im Fachblatt «Psychological Science» erschienen ist. Die Therapie besteht aus einer sogenannt weisen psychologischen Intervention, wie Mitautor Gregory Walton von der Stanford-Universität in Kalifornien es nennt. Die Ergebnisse seien spektakulär.

«Weise psychologische Interventionen» sind für Walton ein neues Mittel, um bestimmte psychische Prozesse bei sozialen Problemen spezifisch zu beeinflussen – beispielsweise im Kampf gegen stereotype Vorurteile oder bei Beziehungsproblemen. Und das kurz und gezielt, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnis «mit mittel- bis langfristiger Wirkung», wie Walton betont.

Mit den Augen eines Dritten

Das klinge magisch, eher «nach Science-Fiction als nach Science», beugt der Kalifornier zweifelnden Fragen gleich vor. «Aber wir sehen ja, was diese Interventionen bringen.» Zum Beispiel in der jüngsten Studie mit dem Team seines Kollegen Eli Finkel von der Northwestern-Universität in Evanston (Illinois). Die Forscher luden 120 Paare ein, die durchschnittlich elf Jahre liiert waren, und ermittelten zwei Jahre lang alle vier Monate, wie zufrieden sie mit ihrer Beziehung sind. Wichtige Punkte: Liebe, Vertrauen, Intimität, Sex, Zugehörigkeitsgefühl.

Jeder Teilnehmer gab zudem an, welches das drängendste Problem in der Partnerschaft in den zurückliegenden vier Monaten war. Ab dem zweiten Studienjahr «verordneten» die Psychologen 60 dieser Paare eine «weise Intervention». Die war simpel: Alle vier Monate schrieb jeder Partner sieben Minuten lang auf, was er über drängendste Problem der letzten Zeit denkt – und zwar aus der Sicht eines fiktiven Dritten, der für die Partner nur das Beste will.

Im zweiten Studienjahr, so die Forscher, zeigte sich ein drastischer Unterschied: Die Paare in der Interventionsgruppe gaben an, sie fänden ihre Partnerschaft wieder toller. Selbst Paare mit langen Beziehungen berichteten beispielsweise, dass ihnen der Sex wieder mehr Spass macht. Was Studienleiter Finkel für besonders bemerkenswert hält, weil die Zeit doch sehr am erotischen Verlangen nage.

Einfach, aber fundiert

Das Beispiel zeugt nach Ansicht Waltons vom System der Interventionen. Sie seien deshalb weise, «weil dahinter immer eine fundierte Theorie über einen ganz spezifischen psychologischen Prozess steckt.» Ganz im Sinne Kurt Lewins, eines der Begründer der modernen Psychologie, der meinte: «Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.» Bei Paaren zum Beispiel schaukeln sich gemäss Theorie die Affekte in Konflikten gegenseitig auf, das führt zu immer grösserer Wut und Frustration – und dazu, dass die Partner die Beziehung als stressig empfinden. Die Intervention basiert auf der Betrachtung des Konfliktes aus der Perspektive eines Dritten, also mit mehr Abstand.

Eli Finkels Studie hat gezeigt, dass die Paare den Konflikt noch immer austragen, aber sie erleben ihn als nicht mehr so stressig, was die negativen Affekte eliminiert. Die besondere Art des Reflektierens macht die Partner achtsamer für den nächsten Konflikt – und sie sind zufriedener mit ihrer Beziehung. Die simple Finesse «weiser Interventionen» untermauern Walton zufolge auch Beispiele aus dem schulischen Umfeld.

Der Psychologe Jonathan Cook von der Universität des Staates Pennsylvania bat benachteiligte Siebtklässler aus Minderheiten, schriftlich über ihre persönlichen Werte zu reflektieren – über Dinge, die ihnen wichtig sind in der Schule und im Leben. Dadurch kamen sie offenbar «in besseren Kontakt zu ihrem Selbst», wie Walton es ausdrückt. Ein Teil der Probanden genoss die Intervention am zweiten Tag des neuen Schuljahres, der andere Teil einen Monat später. Resultat: Die frühe Intervention war erheblich effizienter als die späte, die Probanden entwickelten bessere Beziehungen zu ihren Mitschülern und Lehrern – und brachten im Verlauf des Schuljahrs bessere Leistungen.

Noch frappierender waren die Resultate einer Studie des holländischen Psychologen Eddie Brummelman mit Jugendlichen, die sich in der Schule ausgegrenzt fühlten. Brummelman ging davon aus, dass es wie ein Kickstart für den Aufbau sozialer Beziehungen wirken könnte, wenn man die Jugendlichen namentlich anspricht. «Also wenn man sehr persönlich auf sie zugeht», wie Walton erklärt.

Brief macht weniger aggressiv

Am ersten Tag des Schuljahres übergaben die Forscher ihren jungen Probanden einen Brief, in dem der Schulleiter sie mit Namen anspricht. Dank dieser simplen Intervention fühlten sie sich in den kommenden Wochen weniger einsam, wurden als weniger aggressiv und als liebenswerter wahrgenommen. Der Effekt blieb aus, wenn der Brief keine Namensnennung enthielt – oder bei Probanden einer Kontrollgruppe, die ohnehin gut im Sozialleben integriert waren.

«Der Effekt der Interventionen entfaltet sich über die Zeit», sagt Gregory Walton, der Zeit ohnehin «für eine unterschätzte Ressource in der Psychologie» hält. Das ist das eine. Das andere: Weise Interventionen beeinflussen stets bestimmte psychologische Prozesse, die an psychosozialen Problemen des täglichen Zusammenlebens beteiligt sind. «Diese psychologischen Prozesse wirken oft wie Stellschrauben bei diesen Problemen», betont Walton, «wenn man die Stellschrauben beeinflusst, verändert sich auch das ganze System.»

Methode kommt in die Praxis

Die Zahl der Studien in Europa und in den USA wächst. Schüler aus Minderheiten oder Schüler, die sich mit bestimmten Vorurteilen konfrontiert sehen – zum Beispiel, dass Mädchen grundsätzlich schlechtere Mathematikleistungen liefern –, profitieren offenbar besonders von weisen psychologischen Interventionen. «Insgesamt eine Menge Potenzial für Wissenschaft und Praxis», sieht auch die Psychologin Katharina Bernecker von der Universität Zürich.

Sie arbeitet an Interventionen, die die «Motivation» beeinflussen sollen – bislang nach eigenen Angaben aber mit mässigem Erfolg. «Die Grenzen der Interventionen sind bisher nicht sehr gut erforscht», sagt Bernecker. «Eine weitere Hürde könnte sein, die Interventionen auch erfolgreich flächendeckend einzusetzen.» Es gilt, sehr genau zu überlegen, wer wie welche Intervention in der Praxis umsetzt: der niedergelassene Psychotherapeut oder staatliche Einrichtungen wie Schulämter.

Auch Gregory Walton hält die weisen Interventionen «bestimmt nicht für ein Allheilmittel». Sie hängen ab vom spezifischen sozialen Kontext, der zunächst genau beleuchtet werden müsse – was langwierig sein kann. Daran, versichert Walton, «arbeiten wir gerade intensiv mit schon einigen guten Beispielen».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2014, 21:41 Uhr

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