Empa kritisiert schlampige Nanoforschung

Tausende Arbeiten sind in den letzten Jahren erschienen. Viele sind ungenügend.

In der Nanotechnologie steckt grosses Potenzial, etwa für die Medizin, aber sie birgt auch Gefahren: Nano-Chip zur Krebs-Früherkennung im ICFO-Labor im katalanischen Castelldefels.

In der Nanotechnologie steckt grosses Potenzial, etwa für die Medizin, aber sie birgt auch Gefahren: Nano-Chip zur Krebs-Früherkennung im ICFO-Labor im katalanischen Castelldefels. Bild: Keystone

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Nano. Das Wort geht leicht über die Lippen. Wer es sagt, spricht von Innovation, von unendlich vielen Möglichkeiten, die das Leben erleichtern. Von Krawatten, an denen der Schmutz abperlt, von Lebensmittelverpackungen, die Bakterien töten, von Computern, die immer kleiner werden. Nanoprodukte sind stärker, leichter, effizienter. In ihnen stecken für das Auge unsichtbare Partikel, die Materialien neue Eigenschaften verschaffen. Doch sind diese synthetisch hergestellten Materialien für den Menschen und die Umwelt auch ungefährlich? Nanosicherheit ist zu einem boomenden Forschungszweig geworden. Seit 2001 sind mehr als 10'000 Publikationen veröffentlicht worden, welche die Wirkung von Nanomaterialien auf die Umwelt und Gesundheit untersuchen. Die Arbeiten zeigen: Nanopartikel können in die Lunge eindringen, den Magen-Darm-Trakt als Eintrittspforte in den Körper nutzen oder durch die Haut diffundieren. Der Körper kann sich aber durchaus dagegen wehren.

Skurrile Experimente

Eigentlich müsste mit den Arbeiten auch das Wissen in den letzten Jahren deutlich gewachsen sein. Dem ist aber nicht so. Harald F. Krug vom eidgenössischen Institut für Materialforschung Empa und sein Team haben Tausende Studien qualitativ ausgewertet. In einem Aufsatz der Fachzeitschrift «Angewandte Chemie» zieht er ein ernüchterndes Fazit. «Es ist bitter enttäuschend», sagt der Toxikologe. Viele Arbeiten seien handwerklich ungenügend. Vielfach fehlen die Mindestanforderungen. Zum Beispiel eine brauchbare Charakterisierung der untersuchten Materialien. Nur wenige Arbeitsgruppen geben an, ob die Substanzen verschmutzt sind. Das sei besonders wichtig, weil die meisten Nanomaterialien nicht unter sterilen Bedingungen hergestellt werden. So konnte in manchen Arbeiten gezeigt werden, dass aufgetretene Entzündungen nicht auf Nanopartikel zurückzuführen waren, sondern auf Kontaminationen.

Skurril sind jene Experimente mit Zellkulturen, die nicht durch die untersuchte Nanosubstanz abstarben, sondern durch eine leichte Überdosierung. Die Forscher hatten in Petrischalen Zellkulturen derart mit Nanopartikeln zugedeckt, dass die Zellen praktisch verhungerten und erstickten. So entstünden Fehlinterpretationen zum Risiko der Substanzen, so Krug. So auch beim Versuch, bei dem Wissenschaftler in der Luftröhre eines Tieres so übertrieben Nanopartikel platzierten, dass das Geschöpf an der Masse erstickte. Mit einem Nanoeffekt habe das nichts zu tun. «Viele Forscher publizieren unter dem Deckmantel Nanotoxikologie, machen Meinung und haben keine Ahnung von diesem Gebiet», sagt Harald Krug. Darunter seien Biologen oder Molekular­genetiker, denen das toxikologische Grundwissen fehle. Und die gleichen Forscher würden später in den Expertengremien von Fachzeitschriften sitzen, welche darüber beraten, ob ein Forschungsbericht die Kriterien für eine Publikation erfüllt.

Goldstandard suchen

«Es gibt viel Geld für Forschungsprojekte in der EU und für internationale Studien, aber es gibt nicht genügend Experten», kritisiert Krug. In der kleinen Schweiz sei das vergleichsweise besser, weil Gelder von Nationalfondsprojekten an bekannte Forschungsgruppen vergeben würden. Trotz der enormen Forschungstätigkeit gibt es bis heute keine standardisierten Regeln für die Durchführung von Studien, wie sie eigentlich in der Toxikologie bekannt sind. Wegen der «babylonischen Vielfalt» in den Studien und Ergebnissen lassen sich die Arbeiten laut Krug nur schwer beurteilen, und die Ergebnisse sind widersprüchlich.

Die Empa erarbeitet nun zusammen mit Forschern der ETH Lausanne, mit Industriepartnern und dem Bundesamt für Gesundheit ein Programm, das in den nächsten Jahren standardisierte Methoden unter anderem mit definierten Testmaterialien für Laborversuche hervorbringen soll. Auf diese Weise können internationale Labors ihre Versuche gegenseitig vergleichen. Die Industrie habe ein grosses Interesse, dass es gute Studien gebe, sagt Krug. Sie leide unter den fehlerhaften Arbeiten, weil sie Stimmung in den Medien machten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2014, 21:00 Uhr

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