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Erst die junge Mutter, dann der Senior

Von Daniel Friedli, Bern. Aktualisiert am 25.09.2010 65 Kommentare

Bislang stehen auf der Warteliste für Spender-Organe jene zuoberst, die am schwersten krank sind. Die Stiftung Swisstransplant will das ändern. Sie wirft eine heikle Frage auf: Sind alle Leben gleich viel wert?

Ein Berner Chirurg nach erfolgter Herztransplantation: Heute werden Organe gemäss der medizinischen Dringlichkeit zugeteilt.

Ein Berner Chirurg nach erfolgter Herztransplantation: Heute werden Organe gemäss der medizinischen Dringlichkeit zugeteilt.
Bild: Keystone

«Frauen und Kinder zuerst!» Was bei der Bergung von Schiffbrüchigen längst die Regel ist, soll künftig auch bei der Organisation von Organtransplantationen ein stärkeres Gewicht erhalten – zumindest wenn es nach der nationalen Stiftung für Organspende und Transplantation (Swisstransplant) geht. Sie erachtet die Praxis, wie die Organe heute auf die wartenden Patienten verteilt werden, als problematisch und regt darum einen Paradigmawechsel an: Welcher Patient ein Herz, eine Leber oder eine Lunge erhält, soll nicht mehr in erster Linie davon abhängen, wie dringlich die Transplantation aus medizinischer Sicht ist, sondern wie nützlich für Patient und Gesellschaft. «Wieso kann man nicht einer jungen Mutter von drei Kindern den Vorrang geben vor einem alleinstehenden, aber schwerer erkrankten Senior?», umreisst Swisstransplant-Direktor Franz Immer das Dilemma.

Ausgangspunkt von Immers Überlegungen ist der nach wie vor akute Mangel von Organspendern in der Schweiz: Die Nachfrage nach transplantierbaren Organen ist weitaus grösser als das Angebot, weshalb für immer mehr Menschen die Hilfe zu spät kommt. Letztes Jahr starben bereits 67 Menschen, die auf der Warteliste standen, da für sie nicht rechtzeitig ein Organ zur Verfügung stand. Ihr Durchschnittsalter lag gemäss Swisstransplant bei 45 Jahren.

Warten bis zum Notfall

Allein diese Statistik zeigt laut Immer, dass die Gesellschaft mit dem raren Gut der Spenderorgane so verantwortlich wie möglich umzugehen hat. Genau dies ist aus seiner Sicht heute aber nicht der Fall. Denn die Regel, wonach Organe prioritär nach medizinischer Dringlichkeit vergeben werden, führt dazu, dass häufig schwer kranke ältere Menschen eine Organspende erhalten. Bei ihnen wiederum ist aber das Risiko grösser, dass die Transplantation fehlschlägt oder sie kurz danach sterben.

Umgekehrt müssen die übrigen Patienten wohl oder übel so lange warten, bis auch sie krank genug sind, um das Kriterium der Dringlichkeit zu erfüllen. Dies führt einerseits zu hohen Behandlungskosten vor der Transplantation – und auch dazu, dass sich später die postoperative Genesung verlängert und verteuert. «Mit der geltenden Regelung muss in Kauf genommen werden, dass die derart verteilten Spenderorgane bei weitem nicht zu einem maximalen Nutzen gereichen», bilanzierten darum Immer und seine Mitarbeiter diese Woche in der «Schweizerischen Ärztezeitung».

Lebensjahre sollen zählen

Den Weg aus dem Dilemma sehen die Experten der Swisstransplant darin, bei der Zuteilung von Organen noch stärker auf den Nutzen zu achten. Und diesen Nutzen messen sie daran, wie lange ein Patient nach der Transplantation noch leben dürfte. «Es gibt gute Gründe, in erster Linie die Anzahl geretteter Lebensjahre als Massstab für eine Zuteilung heranzuziehen», schreibt Immer. Je jünger ein Patient ist, desto höher wären also seine Chancen, bei einer Transplantation an erster Stelle zu stehen.

In eine ähnliche Richtung hat sich unlängst auch der Genfer Ethikprofessor Alfredo Bondolfi geäussert, der derzeit für den Schweizerischen Nationalfonds die Frage der Verteilungsgerechtigkeit untersucht: «Das Alter der Patienten oder der familiäre Status sind nicht vernachlässigbare Faktoren», lautet sein Schluss. «Dass man sie vergisst, löst bei mir Unbehagen aus.»

Mit Unbehagen reagieren freilich andere Ethiker auf die Ideen der Swisstransplant. «Der Vorschlag führt zu einer gefährlichen Umkehr», sagt Ruth Baumann-Hölzle, die Leiterin des Zürcher Instituts für Ethik im Gesundheitswesen. Denn sobald man nicht medizinische Faktoren der Patienten einbeziehe, beginne man letztlich damit, das Leben zu werten. Und damit werde eine Tür geöffnet, hinter der mehr Fragen als Antworten steckten. So müsste man sich dann auch überlegen, ob jedes Lebensjahr qualitativ gleich wertvoll sei. Oder ob das Leben einer Mutter anders zu gewichten wäre als das Leben eines Singles.

Am fairsten wäre das Los

Baumann-Hölzle plädiert darum dafür, die Verteilung weiterhin in erster Linie nach medizinischen Kriterien vorzunehmen. Und nur bei gleicher medizinischer Dringlichkeit kann sie sich als zusätzliches Kriterium vorstellen, was Experten als das «Club-Modell» bezeichnen: Wer selber bereit ist, ein Organ zu spenden, könnte dann auch bei der Verteilung bevorzugt werden. Für Swisstransplant-Direktor Immer hingegen weist auch die heutige Praxis ethische Probleme auf, über die man nicht einfach hinwegsehen dürfe: die Frage etwa, ob man beim Umgang mit einem so lebenswichtigen und raren Gut wie den Spenderorganen nicht zu einer möglichst optimalen Verteilung verpflichtet sei.

Einig sind sich die beiden daher nur in einem Punkt: Absolute Gerechtigkeit wird es in dieser Frage nie geben. Nicht einmal, wenn man das laut Baumann-Hölzle eigentlich fairste Kriterium berücksichtigen würde: das Los. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2010, 10:31 Uhr

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65 Kommentare

Pat Studer

25.09.2010, 11:47 Uhr
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All diese Ideen werden dafür sorgen, dass sich noch weniger Leute für eine Organspende entscheiden! Und was ist mit der Mutter, welche mit drei Värtern vier Kinder in die Welt stellt, nicht in der Lage ist, die Kinder zu erziehen, welche darum der Allgemeinheit zu Last fallen? Wird solches Verhalten in Zukunft auch in der Warteliste geprüft und entsprechend bewertet? Antworten


Charles Dupond

25.09.2010, 06:47 Uhr
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In erster Linie sollten Leute beruecksichtigt werden, die sich selber als Organspender registrieren lassen. Das waere nicht nur faer, sondern es wuerde auch viele mehr motivieren, dies zu tun. Und vor (zB durch Blutwaesche) aufschiebbaren Spenden einer der besonders knappen Nieren sollten Asylgesuche geprueft werden, bevor ein Scheinasylant, beniert, deswegen aufgenommen und gar stipendiert wird Antworten



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