Erst mit dem Zeigefinger «sprechen», dann mit Worten
Von Daniel Bächtold. Aktualisiert am 13.02.2009
Je mehr Gesten ein Kind gebraucht, desto grösser ist sein späterer Wortschatz. Diesen Zusammenhang zeigen US-Forscher auf, die Dutzende Familien beobachtet haben. Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: Ein Kleinkind gestikuliert dann besonders viel, wenn es diese Art der Kommunikation von seinen Eltern abschauen kann. Eltern, die mit ihren Babys rege mit Gesten kommunizieren, ebnen ihren Kleinen demnach den Weg zu einem grösseren Wortschatz später im Leben.
Schon länger bekannt ist, dass das Elternhaus bei der frühkindlichen Entwicklung eine entscheidende Rolle spielt. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder aus besser situierten Familien einen grösseren Wortschatz haben als solche aus einem weniger begüterten Haushalt. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich in der Art, wie Eltern mit ihren Kleinen kommunach nizieren. Besser ausgebildete Eltern mit höheren Einkommen gebrauchen tendenziell mehr Wörter und reden in komplexeren Sätzen als weniger gut ausgebildete.
Das neue Experiment legt nun nahe, dass es nicht der Sprachgebrauch der Eltern alleine ist, der den Wortschatz der Kleinen positiv beeinflusst. Es sind auch die von den Eltern gebrauchten Gesten. Meredith Rowe und Susan Goldin-Meadow von der Universität von Chicago stellten gestern an der Jahrestagung der amerikanischen Forschungsgesellschaft AAAS in Chicago ihre Studie vor.
Nicken und Kopfschütteln
Die beiden Psychologinnen haben 50 Kleinkinder zu Hause während der Interaktion mit ihren primären Bezugspersonen beobachtet und dabei während 90 Minuten gefilmt. Die Kinder waren 14 Monate alt. Die Eltern deckten das gesamte soziale Spektrum von Chicago und seiner Umgebung ab.
Später wurden die Aufzeichnungen der Anzahl gebrauchter Gesten und Wörter ausgewertet. Typische Gesten waren beispielsweise auf einen Gegenstand zeigen, mit den Armen wie ein Vogel flattern, mit dem Kopf bejahend nicken oder den Kopf schütteln. Die Forscher fanden einen Zusammenhang zwischen der Anzahl gebrauchter Gesten der Eltern und jener ihrer Kinder. Kinder von Eltern, die mehr Gesten verwendeten, gebrauchten selber ebenfalls häufiger diese Art der Kommunikation. Bei den Wörtern zeigt sich in diesem Alter noch kein Zusammenhang zwischen Sprachgebrauch der Eltern und jenem ihrer Kinder.
Gestikulierfreudige Eltern
Was Rowe und Goldin-Meadow aber aufzeigen konnten, ist ein Zusammenhang zwischen dem sozialen Status der Eltern und ihrer Gestikulierfreudigkeit: Besser ausgebildete Eltern brauchen demnach mehr Gesten, wenn sie mit ihren Kindern zusammen sind, als weniger gut ausgebildete Eltern. «Kinder beginnen normalerweise erst im Alter von zehn Monaten zu gestikulieren», sagte Rowe. Der Vorteil des sozialen Status des Elternhauses würde sich also bereits vier Monate später bemerkbar machen.
Dieser frühe Vorteil zeigt sich Jahre später immer noch: Die beiden Forscherinnen fanden heraus, dass viereinhalb Jahre alte Kinder von besser ausgebildeten Eltern einen grösseren Wortschatz haben als ihre Kameraden mit weniger gut ausgebildeten Eltern. Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Gestik und Sprachentwicklung deckt die Studie allerdings nicht auf. Wie der Gebrauch von Gesten und der spätere Spracherwerb zusammenhängen, möchten die beiden Forscherinnen nun in einer weiteren Studie herausfinden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.02.2009, 09:38 Uhr





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