Erst mit dem Zeigefinger «sprechen», dann mit Worten

Babys, die früh und häufig gestikulieren, haben später den grösseren Wortschatz. Eltern können den Gebrauch von Gesten bei ihren Kleinen fördern.

Kinder gestikulieren ab dem zehnten Monat.

MEREDITH ROWE

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Je mehr Gesten ein Kind gebraucht, desto grösser ist sein späterer Wortschatz. Die­sen Zusammenhang zeigen US-Forscher auf, die Dutzende Familien beobachtet ha­ben. Ein weiteres Ergebnis der Untersu­chung: Ein Kleinkind gestikuliert dann be­sonders viel, wenn es diese Art der Kom­munikation von seinen Eltern abschauen kann. Eltern, die mit ihren Babys rege mit Gesten kommunizieren, ebnen ihren Klei­nen demnach den Weg zu einem grösse­ren Wortschatz später im Leben.

Schon länger bekannt ist, dass das El­ternhaus bei der frühkindlichen Entwick­lung eine entscheidende Rolle spielt. Un­tersuchungen haben gezeigt, dass Kinder aus besser situierten Familien einen grös­seren Wortschatz haben als solche aus ei­nem weniger begüterten Haushalt. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich in der Art, wie Eltern mit ihren Kleinen kommu­nach nizieren. Besser ausgebildete Eltern mit höheren Einkom­men gebrauchen tendenziell mehr Wörter und reden in komplexeren Sätzen als weni­ger gut ausgebildete.

Das neue Experiment legt nun nahe, dass es nicht der Sprachgebrauch der Eltern al­leine ist, der den Wortschatz der Kleinen positiv beeinflusst. Es sind auch die von den Eltern gebrauchten Gesten. Meredith Rowe und Susan Goldin-Mea­dow von der Universität von Chicago stellten gestern an der Jahrestagung der amerikani­schen Forschungsgesellschaft AAAS in Chicago ihre Studie vor.

Nicken und Kopfschütteln

Die beiden Psychologinnen haben 50 Kleinkinder zu Hause während der Inter­aktion mit ihren primären Bezugsperso­nen beobachtet und dabei während 90 Mi­nuten gefilmt. Die Kinder waren 14 Mo­nate alt. Die Eltern deckten das gesamte soziale Spektrum von Chicago und seiner Umgebung ab.

Später wurden die Aufzeichnungen der Anzahl gebrauchter Gesten und Wörter ausgewertet. Typische Gesten wa­ren beispielsweise auf einen Gegenstand zeigen, mit den Armen wie ein Vogel flat­tern, mit dem Kopf bejahend nicken oder den Kopf schütteln. Die Forscher fanden einen Zusammenhang zwischen der An­zahl gebrauchter Gesten der Eltern und je­ner ihrer Kinder. Kinder von Eltern, die mehr Gesten verwendeten, gebrauchten selber ebenfalls häufiger diese Art der Kommunikation. Bei den Wörtern zeigt sich in diesem Alter noch kein Zusammen­hang zwischen Sprachgebrauch der Eltern und jenem ihrer Kinder.

Gestikulierfreudige Eltern

Was Rowe und Goldin-Meadow aber aufzeigen konnten, ist ein Zusammenhang zwischen dem sozialen Status der Eltern und ihrer Gestikulierfreudigkeit: Besser ausgebildete Eltern brauchen demnach mehr Gesten, wenn sie mit ihren Kindern zusammen sind, als weniger gut ausgebil­dete Eltern. «Kinder beginnen normaler­weise erst im Alter von zehn Monaten zu gestikulieren», sagte Rowe. Der Vorteil des sozialen Status des Elternhauses würde sich also bereits vier Monate später bemerkbar machen.

Dieser frühe Vorteil zeigt sich Jahre spä­ter immer noch: Die beiden Forscherinnen fanden heraus, dass viereinhalb Jahre alte Kinder von besser ausgebildeten Eltern einen grösseren Wortschatz haben als ihre Kameraden mit weniger gut ausgebildeten Eltern. Einen ursächlichen Zusammen­hang zwischen Gestik und Sprachentwick­lung deckt die Studie allerdings nicht auf. Wie der Gebrauch von Gesten und der spätere Spracherwerb zusammenhängen, möchten die beiden Forscherinnen nun in einer weiteren Studie herausfinden. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.02.2009, 09:38 Uhr)

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Blogs

Von Kopf bis Fuss Der Körperwahn wird immer extremer

Mamablog Wie gehe ich mit einem intersexuellen Kind um?

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Hart am Wind: Taifun Megi wütet im Osten Taiwans mit starkem Regen und noch stärkerem Wind. (27. September 2016)
(Bild: Ritchie B. Tongo (EPA, Keystone)) Mehr...