«Es gibt Eingriffe, die wir ablehnen»
Von René Staubli. Aktualisiert am 25.09.2010 4 Kommentare
«Das Mass aller Dinge ist für uns, dass das Tier seine Würde bewahrt»: Jean-Michel Hatt mit einem verletzten Häschen. (Sabina Bobst)
Tierarzt und Klinikdirektor
Prof. Dr. med. vet. Jean-Michel Hatt (44) leitet das Departement für Kleintiere an der Vetsuisse-Fakultät der Uni Zürich und die darin eingebettete Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere. Er ist Besitzer von drei Jack Russell Terriers und drei Leopard-Geckos. Die Vetsuisse-Fakultät besteht aus 11 Instituten und 3 Departementen. Die Kliniken betreiben das Tierspital. Das zweite Standbein der Vetsuisse-Fakultät befindet sich in Bern.
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«Tiere sind keine Sachen», heisst es seit 2003 im Artikel 641 des Zivilgesetzbuches. Finden Sie, dass Haustiere heute über Gebühr vermenschlicht werden?
Der neue Gesetzesartikel widerspiegelte damals lediglich die Entwicklungen, die in den Jahren zuvor stattgefunden hatten. Unser Verhältnis zum Tier hat sich stetig gewandelt. Ich glaube nicht, dass die Tiere zu sehr vermenschlicht werden. Natürlich gibt es Extreme im Verhältnis von Menschen zu Tieren, und zwar im Guten wie im Schlechten.
Früher wurden Hunde oder Katzen kurzerhand eingeschläfert, wenn sie krank oder verletzt waren. Warum tut man das heute nicht mehr?
Vor 50 Jahren war auch das kleine Tier in erster Linie ein Nutztier. Der Hund war ein Jagdhund oder ein Hofhund; eine Katze hatte man im Haus, damit sie Mäuse fing. Die Tiere hatten also eine klare Funktion und für die Besitzer einen bestimmten Nutzen. Im Vergleich zu heute bestand sicherlich eine weniger emotionale Beziehung. Wenn ein Tier krank und der Nutzen zu sehr eingeschränkt war, wurde es nur innerhalb gewisser Grenzen gepflegt.
Diese Grenze hat sich im Lauf der Jahre verschoben . . .
. . . und gleichzeitig hat die Veterinärmedizin grosse Fortschritte gemacht. Ich denke an ein Beispiel, das ich diese Woche erlebt habe: Ein Ehepaar brachte uns seine Katze, sie hat Diabetes. Vor 50 Jahren war die Zuckerkrankheit sogar beim Menschen gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Heute kann man mit einer medikamentösen Behandlung auch einer Katze ein sehr lebenswertes Dasein ermöglichen. Die Besitzer sind glücklich, dass sie ihr lieb gewonnenes Tier weiterhin bei sich haben können. Es einzuschläfern, war nie ein Thema.
Wer bereitet Ihnen mehr Mühe: die vierbeinigen Patienten oder deren Halter?
Wir sehen im Umgang mit beiden eine Herausforderung. Es gibt beispielsweise komplexe Stoffwechselerkrankungen, die schwierig abzuklären und zu behandeln sind. Das sind manchmal richtiggehende veterinärmedizinische Knacknüsse. Es gibt aber auch unterschiedliche Erwartungen bei den Besitzern. Man kann aber nicht generell sagen, die Halter würden uns mehr Mühe bereiten als ihre kranken Tiere.
Werden manchmal Wünsche oder gar Forderungen an Sie gerichtet, die Sie ablehnen müssen?
Absolut. Das Mass aller Dinge ist für uns das Wohlergehen des Tiers und dass das Tier seine Würde bewahrt. So verlangt es ja auch das Tierschutzgesetz. Es gibt demzufolge Eingriffe, die wir ablehnen müssen, etwa das coupieren von Ohren und Schwänzen bei Hunden.
Sind die Menschen einsichtig?
Dem Gespräch des Tierarztes mit dem Besitzer kommt grosse Bedeutung zu. Man muss den Leuten erklären, warum etwas nicht geht. Ich wurde einmal angefragt, ob ich nicht die Stimmbänder eines Hahns durchschneiden könnte, der auf dem Nachbargrundstück immer so störend krähte. Dazu muss man sagen, dass Hähne keine Stimmbänder haben, man müsste einen Muskel durchtrennen. Das ist gesetzlich verboten, und deshalb sagte ich: Das kommt nicht infrage, das machen wir nicht.
Im Tierspital werden pro Jahr 17'000 Patienten behandelt. Welches sind die häufigsten Erkrankungen und Verletzungen?
Rund zwei Drittel sind ambulante Fälle. Es geht um Durchfall, Nasenausfluss oder Fieber. Hauterkrankungen, zum Beispiel Allergien, haben massiv zugenommen. Wir führen das auf Umwelteinflüsse zurück, auf genetische Prädispositionen oder ungeeignetes Futter. Das sind wie gesagt die ambulanten, nicht sehr dramatischen Fälle, auch wenn sie teilweise nicht einfach zu behandeln sind. Im Notfallbereich haben wir viele Unfälle. Beispielsweise Tiere, die angefahren worden sind oder sich sonst wie verletzt haben. Diese Patienten pflegen wir einige Tage oder Wochen stationär.
Wie kann ein Tier einen Kreuzbandriss erleiden?
Die Tiere spielen zwar nicht Fussball, aber sie können sich wie wir Menschen durch eine schnelle, unkontrollierte Krafteinwirkung verletzen; beispielsweise bei einer Drehbewegung. Betroffen sind vor allem grosse, schwerere Hunde.
Als Spezialist für Zoo-, Heim- und Wildtiere haben Sie es wohl nicht nur mit Hunden und Hasen zu tun.
Am Mittwoch, kurz vor der Einweihung des Tierspitals, brachte mir ein privater Halter seinen Löwen, welcher Probleme mit der Koordination seiner Bewegungen entwickelte. Wir untersuchten die Raubkatze unter Narkose im Computertomografen, machten ein Elektrokardiogramm, einen Ultraschall des Herzens sowie der Bauchhöhle und entnahmen Flüssigkeit aus der Wirbelsäule. Letztlich wurde klar, dass die Symptome mit grosser Wahrscheinlichkeit auf einen Vitamin-A-Mangel zurückzuführen sind. Vermutlich weil der Löwe als Baby mit der Flasche aufgezogen worden ist. Eine Operation könnte seine Beschwerden eventuell lindern; wir klären das in Zusammenarbeit mit Spezialisten im In- und Ausland ab.
Nicht jeder Patient ist ein Löwe . . .
Wir haben natürlich auch kleinere Klienten. Ich denke da zum Beispiel an den Papagei, der sich einen Unterschenkel gebrochen hatte. Wahrscheinlich war er von einem andern Vogel gestresst oder erschreckt worden.
Wie haben Sie ihn behandelt?
Er kam zu uns in den Notfall, weil der Besitzer sah, dass etwas Gravierendes passiert war. Wir machen immer zuerst einen Allgemeinuntersuch, um den Zustand des eingelieferten Tiers abzuklären, manche haben in solchen Fällen innere Blutungen. Dann röntgten wir das Bein und entschieden, einen chirurgischen Eingriff vorzunehmen. Das schien uns der bessere Weg als die konservative Behandlung mit einer Schiene.
Sie narkotisierten den Papagei?
Genau, und danach fixierten wir seinen Unterschenkel mit Nägeln und einer Verbindungsstange aussen am Bein. Bei Vögeln funktioniert diese Methode fantastisch. Es beeindruckt jeden Humanmediziner sehr, wenn er hört, dass wir eine Fraktur in zwei Wochen heilen können.
Konnte der Papagei unmittelbar nach der Operation nach Hause?
Ja, das konnte er. Lustig ist bei den Papageien übrigens, dass sie die Schrauben, welche die Nägel fixieren, total interessant finden. Mit einem speziellen Kleber muss man dafür sorgen, dass der Vogel die Schrauben mit seinem Schnabel nicht lockern kann.
Wie arg leidet er unter Schmerzen?
Wir versuchen, die Schmerzen so weit wie möglich zu minimieren. Hier hat die Veterinärmedizin in den letzten 20 Jahren enorme Fortschritte erzielt. Der Papagei hat vor und mit der Narkose ein Schmerzmittel bekommen und anschliessend an die Operation ein weiteres in Form eines süssen Saftes, welcher ihm schmeckt. Man weiss, dass sich ein schmerzfreies Tier viel besser erholt.
Was kosten solche Behandlungen?
Das kommt natürlich ganz auf den Eingriff an. In diesem Fall muss der Besitzer mit 500 bis 800 Franken rechnen.
Wie sieht es mit den Kosten aus bei einem grossen Hund, den man mit dem Computertomografen untersucht, dann operiert und auch noch stationär behandelt?
Das können einige Tausend Franken sein. Entscheidend ist, wie viel Geld der Besitzer zu zahlen bereit ist. Wir haben noch kaum Tiere, die in einer Krankenkasse versichert sind, was heute grundsätzlich möglich ist und als Phänomen zunimmt. Neun von zehn Besitzern zahlen die vollen Behandlungskosten aus der eigenen Tasche. Wir informieren den Halter im Rahmen einer Behandlung fortlaufend über die medizinischen Optionen, den Sinn der Behandlung und die entstehenden Kosten.
Wenn man hört, dass Tiere Zahnspangen bekommen können, eine Nasenkorrektur oder ein künstliches Hüftgelenk, wähnt man sich beinahe in einem Spital für Menschen . . .
Von aussen mag dieser Eindruck entstehen, aber wir hinken der Humanmedizin noch viele, viele Jahre hinterher. Das hängt auch damit zusammen, dass wir nicht nur eine Spezies behandeln, sondern unzählige Arten. Unser Wissen ist im Vergleich zur Humanmedizin noch sehr rückständig. Umso wichtiger ist es, in der Forschung und der Diagnostik Fortschritte zu erzielen.
Ist es Ihr Ziel, sich den Standards der Humanmedizin anzunähern?
Mein Ziel ist es, jene Techniken der Humanmedizin anzuwenden, mit denen wir die Lebensqualität kranker Tiere verbessern und die Heilungschancen erhöhen können. Es gibt aber viele Methoden, die für uns kein Thema sind. Herzen oder Lungen transplantieren wir beispielsweise nicht.
Dient umgekehrt die Veterinärmedizin der Humanmedizin?
Sie dient ihr schon seit langem. Fortschritte in der Humanmedizin, etwa in Form von neuen Medikamenten, sind sehr oft das Resultat von Tierversuchen. Dass im Gegenzug erfolgreich am Menschen angewandte Therapien wie die Diabetesbehandlung auch der Veterinärmedizin zur Verfügung stehen, dünkt mich eine schöne Sache.
Was können Sie im neuen Tierspital nun besser machen?
Das grosszügigere Platzangebot bringt viele Vorteile für die Tiere, ihre Besitzer und auch für uns. Im Eingangsbereich zum Beispiel müssen Katzen, Hunde und Vögel mit ihren Besitzern nicht mehr im selben Abteil warten, was den Vorteil hat, dass sich die Tiere nicht an die Gurgel springen. Die Konsultationsräume sind kleiner, man kann jeden Fall in Ruhe besprechen. Im stationären Bereich können wir kranke Katzen und Hunde getrennt unterbringen, was vorher nicht der Fall war. Wir können als Klinik wachsen und profitieren nicht zuletzt in Forschung und Lehre von den verbesserten Rahmenbedingungen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.09.2010, 21:27 Uhr
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4 Kommentare
Es wäre wohl gescheiter, all dieses Geld gegen die Armut und den Hunger in der Dritten Welt einzusetzen. Wenn Tierliebe Menschenliebe ersetzt, ist eine Gesellschaft definitiv krank. Wir halten bewusst keine Haustiere, das schont die Umwelt und das eingesparte Geld geht ans Hilfswerk Terre des Hommes. Antworten
Viele Tierfreunde werden richtig Freude haben an diesem Gespräch und Herrn Professor Hatt für seine Aussagen danken. Die meisten Menschen die ein Haustier aufnehmen binden sich emotional an das neue Familienmitglied. Das gute Halten eines Haustieres entspricht einer Symbiose. Die Menschen entdecken z.B. was das Wort Respekt bedeutet. Und die Tiere schenken dem Menschen ihre ganze Zuneigung. Antworten
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.






