«Es gibt bald wieder Malaria in Europa»
Von Barbara Reye. Aktualisiert am 25.04.2009
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Zur Person
Christian Borgemeister
Der Agrarwissenschaftler ist Direktor des Internationalen Instituts für Insektenforschung (Icipe) in Nairobi. Das Institut hat neben der Bekämpfung von Insekten als Krankheitsüberträger nachhaltige Landwirtschaft und biologische Schädlingsbekämpfung als Forschungsschwerpunkte. Icipe arbeitet eng mit der Schweizer Stiftung Bio-Vision zusammen. Seit elf Jahren lebt und forscht der aus Deutschland stammende Insektenspezialist in Afrika. Er wolle dort arbeiten, so Christian Borgemeister, wo wirkliche Probleme seien wie etwa Mangelernährung, Hunger und Katastrophen durch Insekten übertragbare Krankheiten.
Neben Malariaforschung hat sein Institut zum Beispiel vor kurzem in mehreren Ländern in Ostafrika ein Programm zur biologischen Bekämpfung der Kohlschabe etabliert, die dort zu grossen Ertragsverlusten geführt hat. Hierfür wurde ein natürlicher Feind des Schädlings, eine Schlupfwespe, aus Ostasien erfolgreich nach Afrika eingeführt.
Herr Borgemeister, hatten Sie selbst schon mal Malaria?
Und wie. Ich habe mehrere Jahre in Westafrika gelebt, wo ich die Krankheit oft bekommen hatte. Die ersten Male war es gruselig, einfach schrecklich, später aber nur noch wie eine Grippe. Mein Körper hat sich mit der Zeit an den Erreger gewöhnt.
Infolge des Klimawandels rechnen Experten in Zukunft mit noch mehr Malaria-Fällen. Gibt es in Kenya Regionen, in denen es dafür bereits erste Anzeichen gibt?
In der Tat stellen wir fest, dass hier zunehmend mehr Gebiete geeignete klimatische Bedingungen für die krankheitsübertragende Anopheles-Mücke aufweisen. Aufgrund wärmerer Temperaturen treten Anopheles-Mücken jetzt auch im Vergleich zu früher in höheren Lagen beispielsweise in Nyeri, der Hauptstadt der Zentralprovinz, oder auch vereinzelt sogar in der Region um den Mount Kenya auf.
Erwartet man dort einen schlimmeren Verlauf der Krankheit, weil die Bevölkerung nicht darauf vorbereitet ist?
Wer in einer Malaria-Gegend aufgewachsen ist, der hat im Laufe der Zeit eine Teilimmunität gegen die Krankheit entwickelt. Bei einer Infektion mit dem Krankheitserreger Plasmodium, der beim Blutsaugen der Mücke auf den Menschen übergeht, treten in solchen Fällen oft nur schwächere Symptome auf, ähnlich wie es bei mir am Schluss der Fall war. Besonders anfällig sind dagegen Kinder in den ersten fünf Jahren, weil sie noch keinen ausreichenden Schutz aufbauen konnten. Folglich sind sie neben schwangeren Frauen die häufigsten Opfer – alle 30 Sekunden stirbt in Afrika ein Kind an Malaria.
In den USA arbeiten Forscher momentan daran, mit einer Laserwaffe Moskitos abzuschiessen und zu töten. Was halten Sie von solchen Methoden?
Das ist natürlich Blödsinn. Eine absurde Spielerei. Allerdings kann man einen Laserstrahl auch ganz anders nutzen. So haben wir derzeit eine Kooperation mit einer amerikanischen Firma, deren Lasergerät eine Art Lichtschranke für Insekten erzeugt. Fliegen die Moskitos hindurch, wird die Frequenz der Flügelschläge gemessen und mit Daten aus einer elektronischen Bibliothek verglichen. Wir haben ein solches Gerät in der Nähe von Häusern bei unserer Forschungsstation am Viktoriasee getestet. Es funktioniert recht gut.
Ist das nicht auch eher eine Spielerei?
Nein, das würde ich nicht sagen. Die Verfahren sind mittlerweile so präzis, dass sie nicht nur die Art bestimmen können, sondern zum Beispiel auch ob es sich um ein Männchen oder Weibchen handelt. Dies ist wichtig, weil ja nur die Moskito-Weibchen Blut saugen und somit Krankheitserreger übertragen.
Und was nützt dieses ganz spezielle Fachwissen?
Stellen Sie sich vor, man installiert mehrere solcher Detektoren in einer Region und leitet die gemessenen Daten über Satellit an einen Rechner weiter, der das Ganze mit lokalen Klima- und Wetterdaten vergleicht. Damit könnte man letztlich extrem akkurate Prognosemodelle für einzelne Gebiete aufstellen. Das wäre vor allem wichtig für Gegenden, in denen Malaria bisher noch nicht vorkommt. Denn mit dem Frühwarnsystem könnte man dort sofort die ganze Public-Health-Maschinerie ins Laufen bringen und Medikamente, Insektensprays sowie Moskitonetze zur Verfügung stellen. Allerdings ist dies alles bisher noch Zukunftsmusik, doch in Zeiten der globalen Erwärmung wird das mehr an Bedeutung gewinnen.
Um Malaria zu bekämpfen, wollen verschiedene Forscherteams gentechnisch veränderte Moskitos züchten und später einmal aussetzen. Ist das reine Sciencefiction-Fantasie oder realistisch?
Die gentechnisch veränderten Moskitos können tatsächlich nicht mehr von den Krankheitserregern infiziert werden und diese auf den Menschen übertragen. Aus evolutionärer Sicht haben solche Moskitos sogar den Vorteil, dass sie sich besser und schneller vermehren können. Allerdings wäre das Aussetzen eines derartigen Lebewesens politisch äusserst brisant. Wenn man allein bedenkt, welche Skandale und Widerstände es schon bei gentechnisch veränderten Pflanzen wie Baumwolle und Mais gab.
Lässt sich eine Moskito-Population auch mit ökologischen Methoden dezimieren?
Zum Beispiel setzen wir in Teiche den Buntbarsch Tilapia. Er frisst die Larven der Mücken. Das ist extrem effizient und einfach. Zudem geben wir in stehende Gewässer ein biologisches Insektizid auf der Basis des Bacillus thuringiensis israeliensis (Bti). Die Anopheles-Larven nehmen es bei der Nahrungsaufnahme in ihren Körper auf und sterben kurz darauf. Auch im Tessin oder in den toten Rheinarmen reduziert man auf diese Weise jedes Jahr die Menge an lästigen Stechmücken. In Europa ist dieses Insektizid nach wie vor das Mittel der Wahl gegen die Plagegeister, weil es extrem effizient und zugleich sehr umweltfreundlich ist.
Existieren ähnliche Methoden auch für adulte Moskitos?
Leider wurde dieses Gebiet sehr stiefmütterlich behandelt. So weiss man über das Verhalten von vergleichsweise banalen Fruchtfliegen zigtausendmal mehr als über die gefährliche Anopheles-Mücke. Am Icipe haben wir jetzt jedoch herausgefunden, dass die mit Plasmodien beladenen Weibchen sich in der Natur ganz gezielt von bestimmten Pflanzen ernähren. Sie saugen an dem grünen Gewebe und nehmen dabei antimikrobielle Stoffe auf, die die Krankheitserreger abtöten können.
Versuchen die Weibchen also von sich aus, die Plasmodien wieder loszuwerden?
Bisher nahm man an, dass die Infektion mit Plasmodien für ein Moskito-Weibchen keinen Nachteil bedeutet. Es wird davon zwar nicht krank, doch wir haben festgestellt, dass seine Fruchtbarkeit geringfügig sinkt. Dies ist offenbar Anlass genug, dass die Weibchen versuchen sich von den Erregern zu befreien und bevorzugt Zucker von Pflanzen aufnehmen, die gleichzeitig eine heilende Wirkung haben. Der Beweis dafür ist, dass nicht infizierte Weibchen und auch die Männchen andere Pflanzen wählen. Das sind zurzeit aber noch unveröffentlichte Ergebnisse, da wir die antimikrobiellen Substanzen in besagten Pflanzenarten noch nicht vollständig chemisch charakterisiert haben. Möglicherweise könnte das einmal ein neuer Ansatz sein, mit ökologischen Methoden das Problem in den Griff zu bekommen.
Ist auch über die Biologie der Männchen etwas bekannt?
Fast gar nichts. Es ist eine Blackbox. Man weiss gerade einmal, wie oft sie kopulieren. Ungefähr ein- bis zweimal. Das wars. Weil die Männchen kein Blut saugen und somit keine Krankheiten übertragen können, ist das Interesse noch viel geringer als bei den Weibchen.
Warum stechen die Weibchen bestimmte Menschen lieber als andere?
Anopheles-Mücken reagieren auf den Geruch von Füssen und saugen am liebsten auch dort Blut, während die surrenden Stechmücken, die zur Gattung Culex gehören, sich stark nach Mundgerüchen orientieren und gern im Gesichtsbereich stechen. Jeder Mensch hat ein individuelles Bouquet aus attraktiven und abschreckenden Geruchsstoffen. Wir haben jetzt herausgefunden, wie Mücken darauf reagieren und für diese anziehenden und abschreckenden Substanzen ein Patent eingereicht. Auf diese Weise könnte man beispielsweise eines Tages ein neuartiges Repellent herstellen, quasi ein «menschliches Autan».
Könnte man sich auch mit frisch gewaschenen Socken vor Stichen schützen?
Das haben wir noch nicht getestet. Fest steht, dass alte, stinkende Socken dagegen sehr gute Fallen für Anopheles-Mücken sind. Mit solchen Ködern können wir die Fangquoten im Nu drastisch erhöhen.
Ist Ihre Forschung auch für Europa relevant?
Auf alle Fälle. Da wären wir wieder beim Klimawandel. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es aufgrund steigender Temperaturen in Europa bald wieder erste Malaria-Fälle geben wird. Ich glaube zwar, dass man dort das Problem mit entsprechenden Medikamenten und Insektiziden schnell in den Griff bekommt. Doch auch andere Tropenkrankheiten, die von Moskitos übertragen werden, bewegen sich Richtung Norden. Zum Beispiel das Chikungunya, an dem vor zwei Jahren in Italien viele Menschen erkrankten, oder das West-Nil-Fieber. Das ist fürchterlich, weil es dafür bisher weder Impfungen noch spezifische antivirale Behandlungen gibt.
Mit Christian Borgemeister sprach Barbara Reye in Nairobi (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.04.2009, 13:14 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.






