«Es gibt viele unnütze Abklärungen in der Medizin»

Das Swiss Medical Board (SMB) rät von systematischen Brustkrebs-Screenings ab, die Krebsliga und Verbände sind konsterniert. Der SMB-Präsident sagt, warum die jetzt lancierte Diskussion wichtig ist.

Umstrittenes Verfahren: Ein Arzt analysiert Röntgenaufnahmen. (Archivbild)

Umstrittenes Verfahren: Ein Arzt analysiert Röntgenaufnahmen. (Archivbild) Bild: Keystone

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Das Swiss Medical Board (SMB), ein medizinisches Fachgremium, äussert sich skeptisch zu flächendeckenden Brustkrebs-Screenings für Frauen ab 50 Jahren. Aus Sicht des Gremiums richten die Programme mehr Schaden als Nutzen an. Peter Suter, Präsident des SMB, nimmt Stellung zur Studie.

Herr Suter, das Swiss Medical Board rät in seinem neusten Bericht von systematischen Mammografie-Untersuchungen ab. Hat Sie der deutliche Befund erschreckt?
Dazu äussern wir uns vom Trägerverein des Medical Board bewusst nicht. Wir nehmen den Bericht einfach zur Kenntnis. Das Expertengremium soll bei seiner Bewertung absolut unabhängig sein.

Der Trägerverein will nun eine Fachdiskussion zum Mammografie-Bericht anregen. Was erhoffen Sie sich davon?
Es gibt viele Krebsspezialisten, Gynäkologen und Radiologen, aber auch Patientinnen, denen das Thema sehr naheliegt. Die wissenschaftlichen Fakten werden zum Teil sehr unterschiedlich bewertet, zum Beispiel auch zwischen der West- und der Deutschschweiz. Wir hoffen, dass der Bericht ein Anstoss ist, damit dies breit diskutiert wird.

Sollten solche unterschiedlichen Expertensichten nicht bereits in den Bericht eingeflossen sein?
Das sind sie auch. Aber bei der Wissenschaft ist man sich nicht unbedingt immer einig. Zum Beispiel kann die Gewichtung der positiven und negativen Effekte der Mammografie sehr unterschiedlich sein. Etwa die psychische Belastung einer Frau durch ein falschpositives Resultat. Gewisse Frauen nehmen das eher gelassen, für andere ist das eine starke Belastung. Darum fordert der Bericht auch, dass die Frauen gut informiert werden und dann bei der Entscheidung mitbestimmen.

Was sind nun aus Ihrer Sicht die nächsten Schritte?
Der Bericht schlägt vor, dass die Kantone, die systematische Screenings durchführen, die Programme evaluieren. Alle Beteiligten, besonders auch die betroffenen Frauen, müssen sich über Nutzen und Risiken unterhalten. Dazu gehört ebenfalls, dass man die Qualität der Brustkrebs-Früherkennung verbessert, etwa durch zweckmässige Fortbildung für die Radiologen und eine systematische Zweitbeurteilung bei positiven Befunden.

Als das Medical Board vor zwei Jahren seine Beurteilung zur Prostatakrebs-Früherkennung veröffentlichte, kam es zu gehässigen Diskussionen mit den Urologen. Befürchten Sie nicht, dass es wieder zu solchen Auseinandersetzungen kommt?
Bei einem so sensiblen Thema würde es mich nicht erstaunen, wenn angeregte Diskussionen stattfinden. Es ist wichtig, dass kontroverse Themen so kritisch beleuchtet werden, aber das ist ja gerade die Aufgabe des Swiss Medical Board. Diese Auseinandersetzungen müssen geführt werden. Es gibt viele unnütze Abklärungen und Behandlungen in der Medizin, und wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass unser gutes Gesundheitssystem bezahlbar bleibt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 02.02.2014, 14:22 Uhr)

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Der Intensivmediziner Peter Suter (73) ist Präsident des Trägervereins des Swiss Medical Boards sowie des Fachorgans HSM (Hochspezialisierte Medizin) der Gesundheitsdirektorenkonferenz. (Bild: Keystone )

Heftige Kritik von Krebsliga und Verbänden

Erste Reaktionen zur Mammografie-Studie des SMB fielen sehr kritisch aus. Die Krebsliga Schweiz zeigte sich «erstaunt» über die Empfehlungen des SMB. Ohne neue Daten und mit umstrittener Methodik überzeuge der Bericht des Fachgremiums nicht, hiess es in einer Stellungnahme der Krebsliga.

Bei kontrollierten Mammografie-Screening-Programmen würden die Vorteile überwiegen. Die Liga sieht derzeit keinen Grund, von ihrer Haltung abzuweichen.

Der Verband swiss cancer screening äusserte sich in einem Communiqué «konsterniert» über die Befunde des SMB. Bei gleichem Forschungsstand komme das Gremium zu anderen Schlussfolgerungen als nationale und internationale Organisationen, schreibt der Dachverband Schweizerischer Brustkrebs-Früherkennungsprogramme.

«Inakzeptable Empfehlungen»

Ein qualitätskontrolliertes Programm trage zu einer Reduktion der Sterblichkeit bei Brustkrebs bei. Die Empfehlungen des SMB seien inakzeptabel, heisst es weiter. Der Verband fordert die Kantone auf, qualitätsgesicherte Programme weiterzuführen oder aufzubauen.

In der Schweiz erkranken laut dem Swiss Medical Board pro Jahr rund 5'400 Frauen an Brustkrebs. Rund 1400 Frauen sterben jährlich an dieser Erkrankung. (sda)

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