«Es ist für die Affen keine Qual»
Von Barbara Reye. Aktualisiert am 01.12.2010 6 Kommentare
«Verdammte Forschung?»
Streit um Tierversuche
Rund 80 Forscher aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Grossbritannien haben sich an einer Tagung in Basel gegen immer strengere Vorschriften zu Tierversuchen ausgesprochen. Ohne die Versuche gebe es keinen biomedizinischen Fortschritt, teilten die Organisatoren der Tagung «Verdammte Forschung?» in einer Medienmitteilung mit. Mit einer unverbindlichen «Deklaration von Basel» suchen sie nun den öffentlichen Dialog.
Hintergrund der Tagung sind eine neue Schweizer Tierversuchsverordnung und eine noch umzusetzende neue europäische Tierversuchsrichtlinie. Statt nationaler Tierschutzrechts-Verschärfungen wären weltweite Mindeststandards anzustreben, sagte der Genetiker Rolf Zeller von der Uni Basel. Im Hinblick auf die Gefahr, dass Forscher abwandern könnten, sagte der Göttinger Neurologe und Primatenzentrums-Leiter Stefan Treue, dass beispielsweise China grosse Anstrengungen unternehme, um Tierversuche insbesondere mit Affen durchführen zu können.
Grundlagen- und angewandte Forschung seien nicht zu unterscheiden, hiess es weiter. Die Deklaration enthält unter anderem ein Bekenntnis für den Respekt gegenüber der Würde der Tiere. Tierversuchskritische Organisationen ihrerseits zweifelten in einem Communiqué den Nutzen von Tierversuchen an. Der Basler Appell gegen Gentechnologie schreibt von «Panikmache».(SDA)
Der Gedanke, dass Affen Elektroden ins Gehirn implantiert bekommen, weckt bei vielen Menschen Horrorvorstellungen. Im November 2006 wurde das Thema zum Diskussionsstoff, als die Tierversuchskommission des Kantons Zürich zwei Versuche mit Rhesusaffen am Institut für Neuroinformatik von Universität und ETH durch Rekurse stoppte. Betroffen davon waren die beiden Forscher Kevan Martin und Daniel Kiper. Ende vergangenen Jahres ging der Fall, der zum Streitfall zwischen Tierschutz und Forschung wurde, ans Bundesgericht, das an einem Verbot festhielt.
Seither bangen die Wissenschaftler um die Zukunft der Primatenforschung in der Schweiz. Noch vor dem Urteil des Bundesgerichts ging der Neurobiologe Hansjörg Scherberger, der als Einziger an der Universität Zürich noch derartige Tierversuche an Affen durchführen durfte, ans deutsche Primatenzentrum nach Göttingen. Ähnlich wie seine Kollegen sah er den Beschluss als willkürlich an und die Freiheit der Forschung als bedroht. Mithilfe von Primatenversuchen entwickelt er Neuroprothesen, die Hirnsignale von Gedanken auslesen und eines Tages bei Patienten künstliche Hände steuern sollen.
Herr Scherberger, Ihre Versuche an der Universität Zürich wurden damals nicht beanstandet. Gehen Sie besser mit den Tieren um als Ihre Kollegen?
Nein, der Versuchsaufbau bei mir war sehr ähnlich wie bei meinem damaligen Kollegen Daniel Kiper, der ebenfalls Mikroelektroden ins Gehirn der Tiere implantierte. Er wollte auf diese Weise die Prozesse des visuellen Lernens erforschen. Ausschlaggebend für den Stopp der Versuche war, dass es bei ihm noch mehr als Grundlagenforschung angesehen wurde.
Im vergangenen Jahr haben Sie die Schweiz verlassen. Sind Ihnen hier die Tierschutzverordnungen zu streng geworden?
Das kann man so nicht sagen. Grundsätzlich begrüsse ich es, wenn die Auflagen des Tierschutzes die Bedingungen für Versuchstiere verbessern. Doch der Rekurs hat einen Präzedenzfall geschaffen. Ich wusste nicht mehr, ob ich nächstes Jahr noch weiterforschen konnte oder nicht. Das ist eine sehr unsichere Situation, da viel Planung und Arbeit für eine solche Studie erforderlich sind. Man kann sie nicht wie ein Hobby von heute auf morgen einfach stoppen oder ändern. Nach dem Entscheid konnte beispielsweise das Versuchstier Blousie, das zu Daniel Kipers Gruppe gehörte, nirgendwo anders mehr untergebracht werden und musste nach dem Stopp der Versuche eingeschläfert werden.
Auch in Deutschland gibt es Proteste gegen Primatenforscher. Der Bremer Neurobiologe Andreas Kreiter musste eine Zeitlang unter Polizeischutz gestellt werden. Haben Sie selbst so etwas schon erlebt?
Zum Glück noch nicht. Es gibt immer wieder militante Tierschützer. In Bremen ist es vielmehr auch ein Politikum, weil damit Wahlkampf betrieben wurde. Bisher ist es dort jedoch vor allem bei verbalen Bedrohungen geblieben. Im vergangenen Jahr haben dagegen Unbekannte in der Schweiz den Novartis-Chef Daniel Vasella ins Visier genommen. Sie haben in Chur die Asche seiner Mutter aus dem Urnengrab gestohlen und seine Jagdhütte in Tirol in Brand gesetzt. Auch in England und in den USA gab es solche Verbrechen – etwa eine Paketbombe. Jetzt greift die Justiz dort viel härter durch, und man muss für solche Straftaten ins Gefängnis.
Für Ihre Versuche bohren Sie den Schädel der Affen auf, führen Mikroelektroden ins Gehirn ein und fixieren später während des Versuchs den Kopf der Tiere in einem Primatenstuhl. Ist das nicht Tierquälerei?
Die Operation findet unter Vollnarkose statt und wird nur einmal gemacht. Dabei wird eine kleine, wenige Millimeter grosse Öffnung in die Schädeldecke gefräst. Die rund 100 Mikroelektroden, die dann durch das Loch geführt werden, sind hauchdünn wie ein Haar. Das Tier spürt davon nichts, weil das Gehirn schmerzunempfindlich ist. Menschen werden dagegen zum Teil, etwa bei Epilepsie, am offenen Schädel operiert, wobei auch noch grosse Hirnteile entfernt werden. Und Parkinson-Patienten erhalten viel dickere Elektroden ins Gehirn, um sie gegen das Zittern zu behandeln. Im Vergleich dazu ist unser Eingriff klein. Zudem haben sich die Tiere an den Primatenstuhl längst gewöhnt.
Wenn den Affen die Elektroden implantiert worden sind, führen sie zwei Wochen nach der Operation die zuvor erlernten Greifbewegungen im Versuch aus. Sind Sie sicher, dass die Tiere dabei nicht leiden?
Ja, sonst würden sie bei dem Versuch nicht mitmachen. Man kann kein Tier dazu zwingen; das würde die Ergebnisse verfälschen. Deshalb muss man die Affen ähnlich wie bei einer Dressur im Zirkus an das Experiment gewöhnen. Ein solches Training ist sehr aufwendig und nimmt viel Zeit in Anspruch.
Es ist aber nur möglich, wenn die Rhesusaffen Apfelsaft als Belohnung bekommen und die Tiere zuvor lang nichts getrunken haben.
Im Experiment bekommen sie genug zu trinken. In der Natur müssen sie zum Teil in der Trockenzeit viel länger ohne Flüssigkeitszufuhr auskommen. An solche Situationen sind die Tiere angepasst.
Forscher sehen die Freiheit der Wissenschaft gefährdet. Doch wo endet diese, und wo beginnt der Schutz unserer nächsten Verwandten aus dem Tierreich?
Es ist für die Affen keine Qual, auch wenn es für den Laien auf den ersten Blick so aussieht. Die Tiere gehen freiwillig in den Primatenstuhl hinein. Sie kennen die Situation sehr gut und machen deshalb auch ohne weiteres mit. Sie würden es nicht tun, wenn man ihnen Schmerzen zufügen würde.
Ist diese Forschung tatsächlich notwendig?
Ja, weil man dadurch neue Erkenntnisse für die klinische Forschung gewinnt und Menschen therapieren kann. So ist es nur durch tierexperimentelle Versuche möglich geworden, zu verstehen, wie Neuroprothesen funktionieren. In den USA ist es Forschern von der Brown University vor zwei Jahren gelungen, dass ein 25-jähriger Querschnittgelähmter anhand seiner Gedanken einen Roboterarm kontrollieren konnte. Dem jungen Mann, der durch eine Stichverletzung am Hals plötzlich gelähmt war, wurde ein Sensor in den motorischen Cortex implantiert. So konnte er durch die Neuroprothese wieder E-Mails öffnen und erreichte eine gewisse Unabhängigkeit.
Allerdings nur für eine kurze Zeit.
Die ins Gehirn implantierten Elektroden mussten nach ein paar Monaten wieder entfernt werden, weil sie dann nicht mehr funktionierten. Doch es war ein erster Erfolg. Und zwar am Menschen.
Gibt es auch Versuche an Affen, die Sie auf keinen Fall machen würden?
Das kann man so nicht sagen. Ich hätte vermutlich Mühe mit Schimpansen zu forschen, weil die Tiere dem Menschen am nächsten sind. Allerdings bin ich der Meinung, dass man stets eine Güterabwägung machen sollte. Zum Beispiel könnten solche Studien wichtig werden, um die Grundlagen von neuen schwerwiegenden Infektionskrankheiten wie in der Vergangenheit Ebola oder Aids zu verstehen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.11.2010, 23:08 Uhr
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Die letzte Antwort zeigt, wozu Forscher fähig sind: Ebola-infizierte Affen erleiden die Auflösung ihrer inneren Organe, bluten aus allen Poren. Was Tolstoi über Tierversuche sagte, hat nichts von seiner Gültigkeit verloren: "Wo Menschen zugeben, dass sie das Recht haben, die Existenz von lebenden Wesen zum Nutzen Vieler zu opfern oder zu gefährden, wird es keine Grenze für ihre Grausamkeit geben." Antworten
das affen keine qualen erleiden, und freiwillig in den primatenstuhl gehen, ist pure luege. solche aussagen sind falsch. und was ist mit angst? artfremder haltung? schmerz? gerne haette ich ein paar bilder angefuegt, die klar belegen das diese aussagen schoenwaescherei und nichts als das sind. ich bin entsetzt ob solchen aussagen. Antworten
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