Fast ein Klon

Das Klonen von Menschen ist näher, als viele glauben. Ein ähnliches Verfahren könnte Frauen mit bestimmten schweren Erbleiden schon bald gesunde Nachkommen ermöglichen.

Eine neue Reagenzglastechnik soll das Weitergeben von defekten Mitochondrien an die Kinder verhindern. Foto: SPL (Keystone)

Eine neue Reagenzglastechnik soll das Weitergeben von defekten Mitochondrien an die Kinder verhindern. Foto: SPL (Keystone)

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Und schon melden sie sich wieder, die überdrehten Wissenschaftler und Klonfantasten. Diesmal ist es ein kanadischer Zahnarzt, der den Beatle John Lennon aus dessen Backenzahn wieder auferstehen lassen möchte. Dies berichteten unlängst Medien weltweit. Dabei sind erst rund vier Monate vergangen, seit der Reproduktionsmediziner Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Health and Science University seinen Durchbruch beim Klonen von Menschen bekannt gab. Es gelang dem russischstämmigen Amerikaner erstmals, aus einer Hautzelle eines Föten einen menschlichen Embryo zu klonen. Nach dem Schaf Dolly Mitte der 1990er-Jahre – dem ersten geklonten Säugetier – dauerte es mehrere Jahre, bis sich zwielichtige Mediziner und Sektengurus mit ihren vermeintlichen Klonvorhaben und -erfolgen zu Wort meldeten.

Das Vorhaben des kanadischen Zahnarztes nehmen die wenigsten ernst – vielleicht nicht einmal er selber. Das Klonen von ganzen Menschen scheint noch unrealistisch. Mitalipov klonte Zellen von Föten und nicht aus einem Backenzahn. Zudem betont er, dass es seinem Team bei früheren Versuchen mit geklonten Affenembryonen nie gelungen ist, eine Schwangerschaft herbeizuführen. Dennoch sind gängige Klonfantasien weniger abwegig, als viele glauben. Eine Reagenzglastechnik, die dem Klonen sehr nahe kommt, steht vor seiner Anwendung. Vielleicht schon im kommenden Jahr könnte die erste Schwangerschaft damit herbeigeführt werden. Jedoch nicht, um Popmusiker wieder zum Leben zu erwecken oder Sektengurus zu vervielfältigen. Vielmehr soll das neue Verfahren Frauen mit einer bestimmten Art von Gendefekt zu gesundem Nachwuchs verhelfen.

Die Erbkrankheit, um die es sich dreht, betrifft die Energiekraftwerke der Zellen, die Mitochondrien. Diese Organellen kommen in einer Zelle je nach Typ zu mehreren Hundert vor, können sich teilen und haben kleine Mengen an Erbsubstanz, die im Zellkern nicht enthalten ist. Da Spermien bei der Befruchtung nur Erbmaterial aus den väterlichen Zellkernen beitragen, stammen Mitochondrien immer von der Mutter.

Kind mit drei Eltern

«Wenn eine Frau in vielen Mitochondrien eine bestimmte Genveränderung hat, ist die Chance hoch, dass sie diese weitergibt und das Kind daran erkrankt», sagt André Schaller, Humangenetiker am Inselspital Bern. Bei einem von 5000 bis 10'0000 Kindern führen solche Genveränderungen zu einer sogenannten Mitochondriopathie. «Die Erbgutschäden können sich unterschiedlich stark auswirken», erklärt Schaller. In der Regel ist die Energieversorgung der Zellen betroffen. Dies kann Epilepsie, Diabetes, Taubheit, Sehstörungen oder Herzerkrankungen zur Folge haben. Während in milden Fällen beispielsweise erst im Erwachsenenalter eine Muskelschwäche auftritt, ist bei schweren Genschäden das Ungeborene nicht lebensfähig. «Bislang gibt es für diese Erbkrankheiten keine Behandlungsmöglichkeiten», sagt Schaller.

Die Technik, mit der das Weitergeben von defekten Mitochondrien an die Kinder verhindert werden soll, könnte dies nun ändern. Manche Forscher nennen sie auch «Keimbahntherapie für vererbte Mitochondrien-Erkrankungen». Doch letztlich gleicht sie in weiten Teilen der Klontechnik, wie sie Forscher bereits beim Klonschaf Dolly verwendet hatten. Britische Forscher haben diese Keimbahntherapie vor einigen Jahren zuerst entwickelt. Im vergangenen Herbst veröffentlichten dann die Forscher um Shoukhrat Mitalipov eine etwas abgeänderte Version, rund ein halbes Jahr, bevor die gleiche Gruppe die erfolgreiche Anwendung der Klontechnik beim Menschen vermeldete.

Grob gesagt, unterscheiden sich die drei Verfahren in erster Linie im Zeitpunkt, bei dem der Kern einer Zelle entnommen und in eine neue, zuvor entkernte Eizelle einer Spenderin eingesetzt wird. Bei der auch als Eizellreparatur bezeichneten Methode von Mitalipov geschieht der Transfer vor der Befruchtung. Bei der sogenannten Vorkern-Transfer-Methode der Briten gleich danach – jedoch noch bevor sich der männliche und weibliche Kern vollständig verschmolzen haben und die befruchtete Eizelle zum Embryo wird. Beim Klonverfahren wiederum wird der Zellkern einer differenzierten Hautzelle in eine entkernte Eizelle übertragen.

Reif für klinische Versuche

Auch wenn das Klonen zurzeit aus ethischen und technischen Gründen nicht infrage kommt – auf dem Papier eignen sich alle drei Methoden für Mitochondrien-Erkrankungen: Durch das «Umpflanzen» des Zellkerns in eine Eizelle einer gesunden Spenderin werden die krankhaften Mitochondrien durch gesunde ausgewechselt. Bis jetzt haben die Forscher ihre Versuche jeweils auf der Stufe von Embryonen gestoppt. Sollten jedoch dereinst durch eine der Methoden Kinder entstehen, würden sie das Erbgut von drei Personen in sich tragen, weshalb auch von «Drei-Eltern-Babys» die Rede ist.

Mitalipov fand bereits vor einem Jahr, dass seine Eizellreparatur reif für klinische Versuche mit Menschen sei. «Sie können erwarten, dass das erste gesunde Kind in den nächsten drei Jahren zur Welt kommt», sagte er damals dem Fachblatt «Nature». Andere Fachleute geben sich zurückhaltender. Grossbritannien passt zurzeit als erstes Land seine Gesetze an, um solche klinischen Versuche zu ermöglichen. Im nächsten Jahr wird voraussichtlich das Parlament darüber abstimmen. Vermutlich werden dann aber nur Paare für eine Behandlung infrage kommen, bei denen bereits ein Kind wegen einer Mitochondrien-Erkrankung gestorben ist.

Laut Schätzungen könnten in Grossbritannien dadurch jedes Jahr fünf bis zehn Kinder mittels einer künstlichen Befruchtung mit den Genen von drei Eltern gezeugt werden. Das Klonen von Menschen wird weiterhin verboten bleiben. Doch könnten diese Kinder dazu führen, dass vielen das heute tabuisierte Klonen irgendwann akzeptabel erscheint. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.09.2013, 09:08 Uhr)

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