Fünf ist nicht genug

Sieben Portionen Gemüse und Obst pro Tag empfehlen britische Forscher. Dabei schaffen es die meisten Menschen kaum, die «5-a-day»-Regel einzuhalten.

Je mehr, deso besser: Gemüse auf einem Markt.

Je mehr, deso besser: Gemüse auf einem Markt. Bild: Keystone

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An Apple a day keeps the doctor away. Die schöne englische Redewendung ist bereits über hundert Jahre alt, doch wenn man neusten Studienergebnissen glauben schenken will, so reicht ein Apfel nicht ganz aus, um sich den Doktor vom Leib zu halten. Sieben Portionen Gemüse und Obst pro Tag senken das Risiko für Krebs und Herzerkrankungen, so lautet die neuste Erkenntnis von britischen Forschern. Publiziert wurden die Ergebnisse im «Journal of Epidemiology and Community Health».

In vielen Ländern empfehlen Gesundheitsämter zurzeit fünf Einheiten Gemüse und Obst pro Tag. Sie folgen damit der Devise «5-a-day», die 1991 das nationale Krebsforschungsinistut der USA herausgegeben hatte. Auch die Krebsliga Schweiz unterstützt eine Kampagne namens «5 am Tag». Allerdings unterscheiden sich die Portionengrössen von Land zu Land: Versteht man hierzulande unter einer Einheit Gemüse 120 Gramm, macht eine Portion in Grossbritannien nur 80 Gramm aus. Für die Schweiz bedeuten die Studienergebnisse demzufolge, dass man sich mit der bisherigen Empfehlung zumindest wissenschaftlich gesehen auf dem richtigen Weg befindet. «Die Studie ist eine Bestätigung, das freut mich», kommentiert die Ernährungswissenschaftlerin Stephanie Baumgartner, Leiterin der Fachgruppe Ernährung der Organisation Public Health Schweiz.

Gross angelegte Beobachtungsstudie

Die neuen Erkentnisse aus Grossbritannien stammen aus einer Beobachtungsstudie mit über 65'000 zufällig ausgewählten Studienteilnehmern. Wissenschaftler der Universität London befragten sie zu ihrem Ernährungsverhalten. Ausserdem ermittelten sie Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index, den sozioökonomischen Status sowie Angaben zum Zigaretten- und Alkoholkonsum. Zwischen 2001 und 2008 verfolgten die Wissenschaftler dann, ob und woran einer der Studienteilnehmer starb. 4399 Personen kamen insgesamt ums Leben, das entspricht 6,7 Prozent. Bei 8,2 lag die Sterblichkeit in der Gruppe, die nur eine Portion Gemüse oder Früchte pro Tag zu sich nahm. 4,1 Prozent betrug die Sterblichkeit in der Gruppe, die sieben Portionen und mehr zu sich nahm.

Bei ihren Berechnungen berücksichtigten die Forscher andere Faktoren mit ein, die zu einer Verfälschung des Ergebnis beitragen können, zum Beispiel, dass Raucher häufig weniger auf eine gesunde Ernährung achten als Nichtraucher. Unter Berücksichtigung sämtlicher Faktoren, schreiben die Forscher, so können die Ergebnisse zwar nicht beweisen, dass die Ernährung für die unterschiedlichen Sterblichkeitsrate verantwortlich ist, sie legten es aber zumindest nahe.

Je mehr Gemüse und Obst ein Proband zu sich nahm, desto stärker schien der gesundheitsfördernde Effekt, wobei Gemüse etwas mehr gegen Krebs und Herzerkrankungen zu wappnen schien als Früchte. Gefrorene und in Dosen konservierte Früchte, welche die Forscher zu einer Gruppe zusammenfassten, gingen hingegen mit einem leicht erhöhten Sterblichkeitsrisiko einher. Das liege möglicherweise am Zucker, in dem Dosenfrüchte eingelegt sind, schreiben Ärzte in einem begleitenden Editorial zur Studie. Wer seine Einheiten aus Orangensaft, getrockneten Feigen, einem Smoothie und einem Fruchtsalat aus der Dose zusammenstückle, konsumiere schlussendlich mehr Zucker als eine Halbliterflasche Cola beinhaltet. Die Studienverfasser hingegen schreiben, dass man nicht sicher sein kann, was zu dem Phänomen führt. Möglicherweise konsumierten Personen, die wenig Zeit haben und somit stärker unter Stress leiden, eher Dosenfrüchte.

«Gemüse in den Rachen stopfen»

Trotz solider wissenschaftlicher Daten - dass die Forscher als Konsequenz ihrer Erkenntnisse die Möglichkeit ins Spiel bringen, in Grossbritannien die «5-a-day»-Regel auf eine «7-a-day»-Regel zu erhöhen, sorgt dort für Kritik. «Hört endlich auf, uns Gemüse in den Rachen stopfen zu wollen», schreibt beispielsweise der «Guardian». Die Forscher sollten sich viel eher einmal fragen, weshalb schon allein die five-a-day-Regel nicht greift, statt einfach noch lauter noch mehr zu fordern.

Tatsächlich schaffen es nur wenige Konsumenten, die «5-a-day»-Regel überhaupt einzuhalten – ob in Grossbritannien oder in anderen Ländern. Eine Untersuchung des deutschen Robert-Koch-Instituts beispielsweise ergab, dass weniger als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland täglich Gemüse isst, obwohl auch dort eine «5-a-Day»-Kampagne läuft. «Wenn eine Kampagne nach 13 Jahren Laufzeit fast 90 Prozent der Bürger nicht erreicht, dann sollte man den Mut haben, sie als gescheitert zu betrachten», meinte der deutsche Ernährungswissenschaftler Uwe Knop.

«Die Umsetzung ist die Knacknuss»

«Wir wissen, dass neue Empfehlungen zur Ernährung eher von Menschen verfolgt werden, die ihrer Gesundheit bereits Sorge tragen», gibt selbst Studienleiterin Oyinlola Oyebode zu. «Gerade die Personen, deren Gesundheit bereits durch andere Faktoren gefährdet sind, essen vermutlich keine fünf Einheiten am Tag und würden erst recht nicht mehr essen, wenn die Regierung ihre Empfehlung auf sieben erhöht.»

Sie wisse aus eigener Erfahrung, dass es nicht einfach ist, die Regel einzuhalten, zum Beispiel als berufstätige Mutter, sagt auch Stephanie Baumgartner: «Wir haben damals Rezepte ausgetauscht, wie man innerhalb einer Viertelstunde etwas auf den Tisch bringt, das so halbwegs nach ‹Gesund› aussieht.» Manchmal habe man nach einem langen Arbeitstag auch einfach keine Lust, auch noch Gemüse zu rüsten. «Die Umsetzung solcher Empfehlungen im Alltag, das ist tatsächlich die Knacknuss.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 02.04.2014, 19:00 Uhr)

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