Gefangen im Zwang

Von Barbara Reye. Aktualisiert am 13.03.2010

Hände waschen, immer wieder Hände waschen. Wenn Rituale den Alltag bestimmen, können daraus krankhafte Zwänge entstehen.

Patienten erleben Zwangsstörungen als unsinnig und quälend.

Patienten erleben Zwangsstörungen als unsinnig und quälend.
Bild: Keystone

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Brain Fair 2010

Jedes zehnte Kind leidet heutzutage im Laufe seiner Entwicklung unter einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung wie beispielsweise Angst- und Zwangsstörungen, Depressionen oder Magersucht. Wie den Patienten geholfen werden kann, stellt die Psychiaterin Susanne Walitza in einem kurzen Referat am öffentlichen Diskussionsforum «Fortschritte in den klinischen Neurowissenschaften beim Kind» vor.

Wie jedes andere Organ in unserem Körper kann auch das Gehirn angeborene Fehlbildungen aufweisen. Der Neurologe Eugen Boltshauser vom Kinderspital Zürich zeigt anhand von Fallbeispielen, was für vielfältige Folgen solche Malformationen speziell beim Kleinhirn haben können.

Und die Genetikerin Anita Rauch von der Universität Zürich erläutert, dass geistige Behinderungen nicht immer durch irreversible Fehlanlagen des Gehirns verursacht sein müssen.

Brain Fair 2010, kostenlose Veranstaltung zum Thema «Fortschritte in den klinischen Neurowissenschaften beim Kind». Mittwoch, 17.März, 18.30 bis 20.30 Uhr, Universität Zürich, Rämistrasse 71.

Der 14-jährige Tim kann kein Zettelchen herumliegen sehen, muss es unbedingt aufheben, in die Tasche stecken und vor der Müllverbrennungsanlage retten. Vielleicht ist ausgerechnet der Inhalt dieses Stück Papiers eines Tages noch für irgendetwas nützlich und wichtig. Solche Gedanken lassen ihn nicht mehr los. Die Vorstellung, dass Dinge einfach achtlos entsorgt und vernichtet werden, für immer, unwiderruflich, sind für ihn unerträglich.

«Es blieb nicht nur beim Sammeln von unzähligen Zetteln», erklärt Susanne Walitza, Ärztliche Direktorin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich. Tim litt unter einer Zwangsstörung. Denn er habe auch Abfalleimer nach Brauchbarem inspiziert und hob alles in seinem Bettkasten auf, wodurch es in seinem Zimmer letztlich stark stank. Dies habe dazu geführt, dass die Situation mit seinen Eltern eskalierte.

Gegen den eigenen Willen

Zwangsstörungen sind relativ häufig vorkommende psychische Störungen, bei denen sich bestimmte Gedanken und Verhaltensweisen gegen den inneren Widerstand immer wieder neu aufdrängen. Einige Kinder müssen sich ständig die Hände waschen, andere mehrere Tuben Zahnpasta in der Woche verputzen, permanent etwas berühren, offene Fenster und Türen kontrollieren, irgendetwas sammeln oder vor anderen Personen in Sicherheit bringen, zum Beispiel Müll. Zumeist werden die Handlungen von ihnen selbst als unsinnig, übertrieben und quälend erlebt. Experten schätzen, dass in der Schweiz bis zu 30'000 Kinder und Jugendliche davon betroffen sind.

Anhand moderner bildgebender Verfahren zur Untersuchung der Hirnaktivität sowie gezielter Analysen des Transportmechanismus bestimmter neuronaler Botenstoffe im Gehirn können Neurowissenschaftler die Krankheit nun besser verstehen und auch behandeln. «Manchmal treten Zwangsstörungen überfallartig von einem Tag auf den anderen auf», erklärt Susanne Walitza. Oft entwickeln sie sich aber schleichend und behindern dann mehr und mehr den gewöhnlichen Tagesablauf – etwa im Kindergarten oder in der Schule.

Verzweiflung der Eltern

Zum Beispiel habe ein fünfjähriges Mädchen sich jeden Morgen stets gleich anziehen wollen, genau wie am Vortag mit genau den gleichen geringelten Socken, dem gleichen Pullover, der gleichen Hose und der gleichen Unterwäsche. Und dies alles stets in der gleichen Reihenfolge, unbedingt faltenfrei und glatt am Körper anliegend. Damit habe es angefangen, sagt die Ärztliche Direktorin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes. Dann durften die Anziehsachen auf keinen Fall mehr schmutzig werden. Daraus entstand ein neuer Zwang gegen Verunreinigungen. Das kleine Mädchen hatte Angst davor, dass nicht nur ihre Kleidung irgendwann nicht mehr sauber sein könnte, sondern auch ihr Zimmer und die Wohnung.

Die Eltern waren verzweifelt. Am Schluss verweigerte das Mädchen sogar bestimmte Nahrungsmittel, die ihrer Ansicht nach verunreinigt sein könnten. Da ihr beim Anziehen keiner helfen durfte, konnte sie den Kindergarten nicht mehr besuchen, wurde aus Verzweiflung zunehmend aggressiv, schlug zuletzt ihre Eltern und blieb halbbekleidet zu Hause.

Quer durch alle Schichten

Auch Tim konnte aufgrund seiner psychischen Erkrankung die Schule nicht mehr besuchen und blieb für mehrere Wochen dem Unterricht im Gymnasium fern. «Bis kurz vor der Einlieferung in die Notfallaufnahme war er noch ein guter Schüler», sagt Susanne Walitza. Eine Zwangsstörung komme quer durch alle soziale Schichten vor und werde nicht durch die Erziehung verursacht.

Mithilfe von funktionellen bildgebenden Verfahren konnte gezeigt werden, dass bei Zwangsstörungen eine Überaktivität in bestimmten Hirnregionen vorliegt. Dadurch wird der komplexe Informationsaustausch zwischen Hirngebieten wie dem Thalamus, Striatum und korrespondierenden Cortex-Arealen der Grosshirnrinde gestört. Wie aus Studien an erwachsenen Patienten hervorgeht, die sowohl mit Medikamenten als auch mit einer Verhaltenstherapie erfolgreich behandelt wurden, gingen die Auffälligkeiten im Gehirn nach der Behandlung wieder zurück.

Genetische Veranlagung

Des Weiteren haben Untersuchungen ergeben, dass die erkrankten Kinder und Jugendlichen im Durchschnitt vermehrt aktivere Serotonin-Transporter besitzen. Dies bedeutet, dass sie an gewissen Orten im Gehirn einen erniedrigten Spiegel von dem Neurotransmitter besitzen können.

Anhand von Blut- und Speichelproben liess sich zeigen, dass die meisten Patienten für die aktiveren SerotoninTransporter eine genetische Veranlagung haben. Dies kann erklären, warum die dort in die Stoffwechselvorgänge eingreifenden Medikamente unterschiedlich gut wirksam sind. Trotz dieser Ergebnisse bleibt die genaue Ursache der Krankheit aber nach wie vor unklar, weil es nur einer von vielen Faktoren ist. Vermutet wird ein ungünstiges Zusammenwirken von Veranlagung und psychosozialen Faktoren. Ähnlich wie bei anderen psychischen Erkrankungen, zum Beispiel der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), gibt es familiäre Häufigkeiten. Aber auch eine Streptokokken-Infektion kann bei Kindern zu Zwangserkrankungen führen.

Erfolgreiche Behandlung

Die Verhaltenstherapie ist bei Kindern die wichtigste und wirksamste Behandlungsform von Zwangsstörungen. In einigen Fällen wie etwa bei Tim ist dies aber nur mit einer zusätzlichen Behandlung mit Medikamenten möglich. Auf diese Weise ist es gelungen, ihn schrittweise an den Umgang mit Müll heranzuführen. «Wir haben in seinem Zimmer Abfallsäcke aufgehängt und konnten mit ihm zuletzt auch eine Mülldeponie besuchen», sagt die Zürcher Psychiaterin Susanne Walitza. Heute sei er wieder gesund. Leider gibt es jedoch auch eine Vielzahl von Patienten, deren Zwangsstörung einen chronischen Verlauf aufzeigt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2010, 13:16 Uhr

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