Gegen die Malaria ist ein Kraut gewachsen

Von Fabio Bergamin. Aktualisiert am 18.01.2010

Stachelmohn wirkt bei milden Krankheitsfällen fast ebenso gut wie moderne Medikamente, wächst vor Ort und ist billig. Die derzeit wirksamsten Anti-Malaria-Medikamente werden aus der Beifuss-Pflanze gewonnen.

Wirksamstes Anti-Malaria-Heilkraut: das Beifuss-Pflänzchen.

Wirksamstes Anti-Malaria-Heilkraut: das Beifuss-Pflänzchen. (Bild: Keystone)

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Beifuss-Pflänzchen

Wissenschaftler des Westschweizer Hilfswerks Antenna Technologies begannen vor acht Jahren mit einer Bestandsaufnahme der in Mali verwendeten Heilpflanzen gegen Malaria. Sie befragten gemeinsam mit malischen Kollegen rund 1000 Familien, ob und wie sie Malaria traditionell behandelten.

Über 160 Rezepte kamen so zusammen, die anschliessend wissenschaftlich auf ihre Wirksamkeit geprüft sowie nach ökologischen und praktischen Gesichtspunkten bewertet wurden. Kriterien waren beispielsweise, ob eine Heilpflanze häufig vorkommt und ob sie einfach zu bestimmen ist. Aus dieser Prüfung ging Stachelmohn (Argemone mexicana) als bester Kandidat hervor.

Die krautige Pflanze stammt ursprünglich aus Mexiko und wurde bereits in Schriften der Azteken als Arznei erwähnt. Sie verwendeten sie allerdings nicht gegen Malaria, sondern als Rauschmittel. Seit wann Stachelmohn in der Alten Welt vorkommt, ist nicht gesichert. Möglicherweise wurden seine kleinen Samen vor mehr als 200 Jahren als blinde Passagiere mit Maissaatgut aus Mexiko importiert.

Auch die derzeit wirksamsten und von der WHO empfohlenen Anti-Malaria-Medikamente werden aus einer Pflanze gewonnen, dem Einjährigen Beifuss (Artemisia annua). Forscher der Universität im britischen York haben das Beifuss-Erbgut nun entschlüsselt, wie sie im Fachmagazin «Science» berichten. Dank dieses Wissens werde es in Zukunft einfacher, ertragsreichere Pflanzensorten zu züchten, schreiben die Wissenschaftler.

Der aus Asien stammende Einjährige Beifuss wird seit Jahren kommerziell angebaut, um daraus den Malaria-Wirkstoff Artemisinin zu gewinnen. Der Anbau erfolgt vor allem in China, Vietnam und in ostafrikanischen Ländern.

Die Kranken in Missidougou trifft es hart. Vom kleinen Dorf im Südwesten Malis sind es 40 Kilometer bis zur nächsten Krankenstation. Die Strasse ist schlecht, unbefestigt und während der Regenzeit von metertiefen Flüssen gefurcht. Öffentlichen Verkehr gibt es ohnehin keinen, und an ein Durchkommen ist dann auch mit dem einzigen motorisierten Gefährt im Dorf, einem rostigen Mofa, nicht mehr zu denken. Wer in Missidougou an Malaria erkrankt, bleibt in der Regel dort und sucht Rat bei Thiemoko Bengaly, dem grauhaarigen Dorfchef und Heiler.

Gegen das tödliche Wechselfieber empfiehlt dieser Tee aus Stachelmohn, einer dornigen, distelähnlichen Pflanze mit gelben Mohnblüten. Sie ist weitverbreitet in Südwestmali - ein eigentliches Unkraut, das auf den Äckern wächst. Thiemoko gibt den Kranken eine Handvoll des getrockneten Krauts und rät ihnen, es drei Stunden lang in Wasser auszukochen und vom bitteren Sud täglich zwei Glas zu trinken.

Wirkung nachgewiesen

Stachelmohn hilft tatsächlich gegen Malaria. Forscher aus der Schweiz und England haben dies gemeinsam mit ihren malischen Kollegen in einem wissenschaftlichen Versuch nachgewiesen. Patienten mit einer unkomplizierten Form von Malaria behandelten sie entweder mit Stachelmohn-Tee oder mit der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Therapie, einem Medikament, das den Wirkstoff Artemisinin enthält.

Die Patienten sprachen sehr gut auf beide Behandlungen an, wenn auch leicht besser auf die moderne - 97 von 100 Kranken hatten nach zwei Wochen kein Fieber mehr, gegenüber 94 von 100 in der Gruppe der traditionell Behandelten. Patienten mit schweren Malariaformen waren in der Studie nicht dabei. Sie wurden unverzüglich mit westlichen Medikamenten behandelt.

Zuerst Kräutermedizin

Jacques Falquet, Biochemiker beim Genfer Hilfswerk Antenna Technologies, das die Studie durchführte, propagiert die Verwendung von Stachelmohn. Gleichzeitig aber stellt er klar: «Wir möchten keinesfalls die modernen Medikamente ersetzen, sondern Stachelmohn ergänzend dazu verwenden.» Etwa als Mittel der ersten Wahl bei wenig schweren Verlaufsformen.

«Wenn die Kräutermedizin nicht hilft, können anschliessend immer noch moderne Medikamente verabreicht werden», sagt Merlin Willcox, ein an der Studie beteiligter Arzt aus Oxford und Geschäftsführer von Ritam, einer Forschungsinitiative für traditionelle Malariatherapien. Die vergleichsweise teuren modernen Wirkstoffe können so für die am schwersten erkrankten Patienten aufgespart werden und für Kinder unter fünf Jahren, bei denen die Krankheit häufiger zu Komplikationen und zum Tod führe als bei Erwachsenen, sagt Willcox.

Im Notfall selbst behandeln

Für den Erfolg einer Malariatherapie ist die schnelle Einnahme von Medikamenten entscheidend. Gerade in ländlichen Gebieten Afrikas mangelt es aber oft an der Verkehrsinfrastruktur, sodass Patienten viel zu spät oder gar nicht zu einem Arzt gelangen. Die WHO möchte deshalb in Zukunft Malariamedikamente nicht nur in Krankenstationen abgeben, sondern sie bis in die abgelegensten Dörfer verteilen, wo sich die Menschen bei Anzeichen von Malaria damit selbst therapieren könnten.

Willcox begrüsst zwar diese Bestrebungen, glaubt aber nicht so recht, dass es gelingen wird, auch abgelegene Dörfer wie Missidougou dauerhaft mit Medikamenten zu versorgen. Zu schlecht sei dazu die Infrastruktur, zu hoch seien die Kosten und zu gross die politische Instabilität in vielen Ländern des Schwarzen Kontinents.

Würden die wirksamen modernen Medikamente zudem in grossen Mengen verbraucht, zum Teil ohne zuvor Malaria diagnostisch zu bestätigen, könne dies die befürchtete Resistenzbildung beschleunigen, sagt Willcox. Bereits sind im Westen Kambodschas Erreger aufgetaucht, gegen welche die derzeit besten modernen Mittel auf Basis von Artemisinin versagen. Experten mahnen daher, die Medikamente verantwortungsvoll zu verwenden.

Willcox propagiert eine Strategie, die auch - aber nicht ausschliesslich - auf traditionelle Medizin setzt: auf Kräuter, lokal angebaut und daher billig. «Das ist nachhaltig, und die Patienten profitieren selbst dann davon, falls der Medikamenten-Nachschub ins Dorf mal nicht klappt», sagt Willcox.

Fernziel: Die Malaria ausrotten

Die malischen Gesundheitsbehörden unterstützen diese Strategie. Sie haben aufgrund der Studie Stachelmohn offiziell als «médicament traditionnel amélioré» anerkannt. So werden in Mali eine Reihe von traditionellen Heilmitteln bezeichnet, deren Wirkung und Ungiftigkeit wissenschaftlich erwiesen sind. Überall in Mali, wo die Menschen keine Ackerbauern sind und damit keinen Zugang zu wildem Stachelmohn haben, gibt es die Pflanze nun in getrockneter Form und in Beutel verpackt in der Apotheke zu kaufen.

Malariaexperten, bevorzugen sie nun die traditionelle oder die moderne Medizin, sind sich einig: Obschon derzeit viele Forschungsgelder in den Kampf gegen die Krankheit und die Entwicklung eines Impfstoffs gesteckt werden, erweist sich der Weg zum Ziel, die Malaria dereinst ganz auszurotten, als äusserst steinig. So schnell wird dies nicht gelingen, falls überhaupt je. Noch lange werden Menschen an der heimtückischen Seuche erkranken, und noch lange werden Forscher im Kampf gegen tödliche resistente Erreger immer neue Medikamente entwickeln müssen. Auch ein Kräutertee könnte dazu beitragen, Menschenleben zu retten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2010, 08:24 Uhr

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