Gibt es einen freien Willen?

Manche Neurologen behaupten, unser Gehirn fälle Entscheide selbständig und vermittle nur die Illusion von Willensfreiheit. Das ist ein philosophischer Taschenspielertrick.

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Rolf Dobelli schrieb kürzlich in seiner Kolumne über populäre Denkfehler: «Wir haben keinen freien Willen, vielmehr sind es Tausende von Faktoren, die zusammenspielen und eine Handlung auslösen.» Die Frage beschäftigt mich, zumal die Gehirnforschung bekanntlich die Existenz eines freien Willens bestreitet. Ist die Gehirnforschung vielleicht ein vorläufiger Hype, der solch existenzielle Fragen gar nicht klären kann? Was ist Ihre Haltung?
B. H.

Lieber Herr H.

Das sind aber viele Fragen, die mein Gehirn allein wahrscheinlich gar nicht beantworten kann; ich werde ihm also ein bisschen dabei helfen müssen. Also: Es ist putzig zu sehen, wie der Klardenker Dobelli einen Denkfehler mit einem anderen austreibt. Welcher Vertreter eines freien Willens hat jemals behauptet, frei seien wir dann, wenn wir in jedem Moment voraussetzungslos handeln können? Jemand, der auf diese Weise handelt, wäre kein Mensch, sondern ein handelnder Zufallsgenerator. Der «freie Wille» ist nichts, was im Gehirn existiert beziehungsweise eben nicht. (Ihn dort zu suchen, ist so sinnvoll, wie den «Mannschaftsgeist» des FCZ mit Ghostbuster-Methoden in der Mannschaftskabine aufspüren zu wollen.)

Der freie Wille hat seine Bedeutung (in wittgensteinschen Worten) innerhalb eines Sprachspiels, in dem Begriffe wie «Verantwortung», «Entscheidung», «Gründe», «Handlung», «Reflex», «Unfreiheit», «Zwang» und einige andere mehr eine Rolle spielen, die je einander erklären und nur im voneinander abhängigen Gebrauch sinnvoll sind: Eine freiwillig vollzogene Handlung ist zum Beispiel kein Reflex, wir werden nicht zur ihr gezwungen, und darum können wir für sie verantwortlich gemacht werden. Der «freie Wille» ist keine Hirnfunktion, sondern Teil eines Bedeutungsnetzes, innerhalb dessen wir ein bestimmtes Leben leben. Wenn man einen Begriff aus solchen Netzen herausschneidet, wird er nicht deutlicher, sondern nur unsinnig und unbrauchbar. (Versuchen Sie mal statt mit einem Netz mit einem Knoten einen Fisch zu fangen!)

Ich und mein Gehirn sind nicht zwei Personen, von denen die eine entscheidet und die andere sich über die Freiheit dieser Entscheidung täuscht. Wer Freude an philosophischen Taschenspielertricks hat, kann natürlich auch sagen, dass es gar keine Tische gibt, sondern in Wirklichkeit immer nur ein Konglomerat von Molekülen, und dass es Tische darum nur in unserem Kopf gibt. Es ist jedem unbenommen, dergleichen Unsinn als erkenntnistheoretischen Tiefsinn auszugeben. Und sehr vage mag man ja auch ahnen, was mit einer solchen Formulierung gemeint sein könnte. Das ändert aber nichts daran, dass in ihr nichts Scharfsinniges oder Verblüffendes steckt, sondern lediglich ein Kuddelmuddel von verschiedenen Sprachspielen, die im Ernst niemand gleichzeitig spielen könnte. (Versuchen Sie, den Tisch in Ihrem Kopf zu decken! Und geben Sie acht, was dann mit den Molekülen passiert!) (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 31.10.2012, 08:15 Uhr)

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltags.
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