Halbherzige Transparenz bei Spitalinfektionen

Erstmals können Patienten Spitäler anhand ausgewählter Infektionsraten vergleichen.

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Erstmals können Patienten Spitäler anhand ausgewählter Infektionsraten vergleichen.

Es ist ein wichtiger Schritt zu mehr Transparenz für Patienten: Am Dienstag veröffentlichte der Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken ANQ zum zweiten Mal Daten zu Wund­infektionen und schlüsselte dabei erstmals die Häufigkeiten nach Institution auf. Patienten können nun auf der Website von ANQ unter den Namen der Spitäler die Infektionsraten einsehen und vergleichen.

Die Daten legen offen, dass bei den acht bei der Erhebung erfassten Operationen vielerorts Handlungsbedarf besteht. Das Spital Männedorf hat beispielsweise überdurchschnittlich hohe Infektionsraten bei Blinddarm- und Gallenblasenoperationen, das Kantons­spital Aarau bei Leistenbruchoperationen, die Kantonsspitäler Baden und Graubünden und das Berner Inselspital bei Dickdarmoperationen. Beim Kaiserschnitt steht das Spitalzentrum Biel schlecht da, bei Hüftprothesen unter anderen die Solothurner Spitäler, bei Kniegelenkprothesen das Salem-Spital Bern. Bei der Herzchirurgie waren die Infektionsraten bei allen Zentren in etwa gleich. Die Spitäler mit auffälligen Infektionsraten monieren unter anderem Einschränkungen bei der Daten­erhebung. Einige verweisen zudem darauf, dass inzwischen bereits Qualitätsverbesserungen umgesetzt worden seien.

Generell weisen Knietotalprothesen mit 0,9 Prozent die tiefste Infektionsrate auf, die Dickdarmchirurgie mit 13,6 Prozent die höchste. Im Vergleich zur ersten Erhebung, die 2013 veröffentlicht wurde, gab es keine statistisch auffälligen Änderungen bei den einzelnen Eingriffen.

Noch nicht alle Spitäler dabei

Mit der Veröffentlichung der Infektionsraten bewegt sich der ANQ auf einem Minenfeld. Der Verein wird unter anderem vom Spitalverband H+, von Krankenversicherern und den Kantonen getragen, die zum Teil gegenläufige Interessen haben. Entsprechend ist die Transparenz für Patienten nur halbherzig: Die Website ist schwer auffindbar, und auf Spitalranglisten wurde bewusst verzichtet. «Unser Hauptziel ist, dass sich die Spitäler verbessern», sagt Petra Busch, Geschäftsleiterin des ANQ. Sie erwartet zudem, dass Kantone und Krankenversicherer aufgrund der Erhebungen auf Spitäler Druck ausüben könnten.

Insgesamt wurden 38'000 chirurgische Eingriffe erfasst; Bauchoperationen und Kaiserschnitte im Zeitraum zwischen Oktober 2011 und September 2012, Gelenkimplantate und herzchirurgische Operationen ein Jahr früher. Aufgezeichnet wurden auch Infektionen, die sich erst in den 30 Tagen nach Spitalaustritt manifestierten. Wenn ­Implantate im Spiel waren, dauerte die Nachbeobachtung zwölf Monate. Eine wichtige Einschränkung ist, dass erst 118 der insgesamt 158 Spitäler mitmachten. Die restlichen lassen sich aus organisatorischen Gründen offenbar erst bei der nächsten Veröffentlichung einbeziehen.

«Wundinfektionen sind sehr relevant», sagt Christian Ruef, Infektiologe und Mitglied des Vereins Swissnoso, welcher die Erhebung für den ANQ durchgeführt hat. Er rät jedoch Patienten ab, ein Spital einzig aufgrund dieser Daten auszuwählen. Unter anderem auch, weil andere, nicht erfasste Spitalinfekte wie Blutvergiftungen oder Lungenentzündungen ähnlich bedeutsam sind.

Felix Straumann

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.12.2014, 22:33 Uhr)

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