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Hat der Mensch einen freien Willen?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 27.02.2013 26 Kommentare

Willensfreiheit ist Teil einer Lebensform - aber welche Rolle spielt das eigene Gehirn bei der Entscheidungsfindung?

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Es gibt anscheinend experimentelle Hinweise, dass bei jeder Wahl, die wir bewusst treffen, unser Hirn jeweils schon Sekundenbruchteile vorher die Entscheidung gefällt hat. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob diese Experimente verlässliche Aussagen zum Problem der Willensfreiheit ermöglichen, doch ein eindeutiges Forschungsergebnis, das uns den freien Willen abspricht, hätte wohl sehr weitreichende Konsequenzen für unsere Weltanschauung etc. Ein Szenario, das ich mir gar nicht ausmalen möchte. Sehen Sie das ähnlich?
P.H.

Lieber Herr H.

Was kann es bedeuten, wenn man sagt, dass «mein Gehirn» stets schon entschieden hat, bevor «ich» mich entscheide? Solange mein Gehirn mein Gehirn ist und nicht ein eingepflanzter Chip, der von Dr. Mabuse ferngesteuert wird, scheint es mir nicht sehr sinnvoll, aus mir und meinem Gehirn zweierlei Personen zu machen, von denen die eine (mein Gehirn) heimlich das Sagen hat, während die andere (ich) die längst getroffenen Entscheidungen lediglich scheinautonom nachvollziehen kann.

Lassen wir einmal für einen kurzen Moment das in letzter Zeit für allerlei Zwecke ideologisch doch arg überfrachtete Hirn aus dem Spiel, und konstruieren wir ein anderes Beispiel. Wenn sich herausstellte, dass ich immer schon rot werde, noch bevor ich bewusst merke, dass ich mich schäme – haben dann meine sichtbar erweiterten Hautkapillaren meine Scham «verursacht» bzw. «erzwungen» – ebenso wie angeblich eine vorgängige Aktivität des Belohnungszentrums im Gehirn meine Entscheidung erzwingt, noch ein Glas Wein zu bestellen?

Vor ein paar Jahrzehnten führte man die Unschärferelation der Quantenphysik ins Feld, um die menschliche Freiheit zu beweisen; heute sind es Hirnaktivitäten, die zeigen sollen, dass es keine Willensfreiheit geben kann. Bei beiden Beweisführungen kommt nichts mehr heraus als metaphysischer Hokuspokus. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn das Konzept «Willensfreiheit» beschreibt keine physikalische oder neurologische Realität, sondern es ist Teil einer Lebensform – in welcher niemand auf die Idee kommt, eine bestellte Pizza Margherita mit dem Argument zu retournieren, es täte ihm furchtbar leid, aber er habe die Bestellung nicht freiwillig gemacht, für die unglückliche Aktion sei vielmehr allein sein Gehirn verantwortlich, und darum hätte er doch lieber eine Lasagne.

Wäre eine andere Lebensform denkbar, in der wir unser Gehirn statt uns für verantwortlich halten? Denkbar gewiss, aber es wäre eine absurde Lebensform, aus dem uns nur der gesunde Menschenverstand in Gestalt des Kellners erlösen könnte, der uns darauf hinweist, dass in einem solchen komplizierten Fall unser Gehirn die Pizza Margherita halt allein essen solle. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2013, 10:50 Uhr

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26 Kommentare

Marco Binder

27.02.2013, 13:13 Uhr
Melden 18 Empfehlung 3

Dieser Trugschluss, dass man das Ich vom eigenen Hirn trennen könne und ersteres letzterem unterlegen wäre in Sachen Entscheidungsfreiheit, haben selbst schon Experten(?) gezogen. Es erscheint müssig, zu beurteilen, was freier Wille sein soll und ob es diesen überhaupt gibt; denn all unsere Entscheidungen resultieren aus dem Zusammenspiel externer Einflüsse und der eigenen Erfahrungen und Triebe. Antworten


Frédéric Arneberg

28.02.2013, 14:48 Uhr
Melden 7 Empfehlung 1

Der Begriff "Willensfreiheit" muss meines Erachtens mit "Entscheidungsfreiheit" ersetzt werden (man lese hierzu in "Jenseits von Gut und Böse" von Michael Schmidt-Salomon, siehe auch in der Deutschen Wikipedia). Wir können nicht wollen, was wir wollen, wir können aber sehr wohl Entscheidungen treffen, innerhalb unserer Präferenzen (Prägung!) und Möglichkeiten, innerhalb einer bestimmten Situation. Antworten



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