Hoffnung auf Stille im Kopf

Bislang mussten Patienten mit einem Tinnitus wie etwa Mister Schweiz Jan Bühlmann lernen, mit dem ewigen Geräusch im Ohr zu leben. Nun gibt es neue erfolgversprechende Therapien.

Leidet unter Tinnitus: Mister Schweiz 2010, Jan Bühlmann.

Mister Schweiz

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Das unscheinbare schwarze Gerät ist klein wie eine Streichholzschachtel und hat eine grosse Aufgabe vor sich: Der Neurostimulator soll Patienten mit einem chronischen Tinnitus von ihren Qualen befreien. Seit Ende Februar ist das Gerät, das ein Team um Peter Tass vom deutschen Forschungszentrum Jülich entwickelt hat, für den europäischen Markt zugelassen.

Mehrere Zehntausend Menschen dürften allein in der Schweiz sehnsüchtig auf eine Therapie warten, die das Pfeifen, Klingeln, Rauschen oder Summen in ihrem Kopf abstellt (siehe Artikel unten rechts). Laut Schweizerischer Tinnitus-Liga (STL) leiden etwa vier Prozent aller Erwachsenen an den Geräuschen, die sie seit mindestens drei Monaten unentwegt begleiten, ihnen tagsüber das Leben schwer machen und nachts den Schlaf rauben. Einer von ihnen ist der aktuelle Mister Schweiz. Ihn plagt seit anderthalb Jahren ein Tinnitus. «Gerade anfangs führte das ständige Pfeifen bei mir zu massiven Schlafstörungen und Konzentrationsschwächen», gestand Jan Bühlmann kürzlich in einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten».

Lernen mit dem Ton zu leben

Die derzeitigen Therapien gegen einen chronischen Tinnitus, meist unter dem Begriff «Retraining» zusammengefasst, zielen vor allem darauf ab, dass der Patient lernt, mit dem Ton im Ohr zu leben, seine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuzuwenden und sich trotz des Geräusches entspannen zu können. Zum Teil werden bei der Retraining-Therapie auch sogenannte Rauschgeneratoren oder Tinnitus-Masker eingesetzt. Sie erinnern an ein klassisches Hörgerät, erzeugen aber ein Rauschen, das den Tinnitus überlagert.

Neuere Verfahren jedoch haben sich zum Ziel gesetzt, den Tinnitus tatsächlich, zumindest ein Stück weit, verstummen zu lassen. Hierzu zählen die Transkranielle Magnetstimulation und eine spezielle Form der Musiktherapie sowie die akustische CR-Neuromodulation aus Jülich. CR steht für Coordinated Reset (koordiniertes Zurücksetzen). Alle drei Methoden werden in Deutschland bereits an Patienten erprobt, gelten aber noch nicht als etablierte Therapien. Auch Medikamente gegen den Tinnitus werden zurzeit in klinischen Studien getestet.

Überaktivität stören

Eines ist sämtlichen modernen Ansätzen gemein: Sie erzielen ihre Wirkung im Gehirn, und zwar in bestimmten Arealen der Hörrinde, wo die Nervenzellen nicht mehr gezielt und nacheinander, sondern alle gleichzeitig ihre Signale abfeuern.

Die CR-Neuromodulation soll die synchrone Überaktivität der Nervenzellen durch gezielte akustische Signale stören, die speziell auf den jeweiligen Tinnitus abgestimmt sind. Dazu muss der Patient an einer Art Tonmischpult zunächst die genaue Tonhöhe und Lautstärke seiner Ohrgeräusche nachbilden. Sie werden von einem Programmiergerät erfasst, das dann eine individuelle Tonfolge berechnet. Dem Patienten wird die Tonfolge in einer gerade noch hörbaren Lautstärke auf seinen Stimulator überspielt. Die Betroffenen sollen das Gerät mehrere Monate täglich einige Stunden lang benutzen.

«Das Besondere an der CR-Neuromodulation ist, dass sie den Rhythmus verändert, in dem die überaktiven Nervenzellen feuern», sagt Peter Tass vom Forschungszentrum Jülich. «Dadurch bauen sich die fehlgeleiteten Nervennetzwerke im Gehirn wieder um.» So lasse sich eine dauerhafte Linderung des Tinnitus erzielen.

Die besten Ergebnisse

Um das zu beweisen, hat Tass eine Studie initiiert, an der zurzeit 63 Patienten mit einem chronischen, tonalen Tinnitus teilnehmen. Die Probanden hören seit mindestens sechs Monaten, die meisten seit vielen Jahren, einen Ton im Ohr. Tass und seine Kollegen haben sie in fünf Gruppen eingeteilt. In Gruppe eins bis vier werden die Patienten drei Monate lang mit unterschiedlicher Stimulusanzahl und -dauer behandelt. Gruppe fünf bekommt eine Scheintherapie. Im Anschluss daran erhalten alle Probanden zunächst eine einmonatige Behandlungspause und danach eine sechsmonatige Therapie mit der effektivsten Form der Stimulation.

«Nach den ersten drei Monaten hat sich gezeigt, dass die Gruppe eins, in der zehn Patienten täglich vier bis sechs Stunden mit je vier Tönen stimuliert wurden, die besten Ergebnisse erzielte», sagt Tass. Die Lautstärke der Ohrgeräusche und die empfundene Belästigung habe um 40 beziehungsweise 33 Prozent abgenommen. In der Placebogruppe seien es nur 9 und 8 Prozent gewesen. Bei einigen Patienten sei der Tinnitus sogar komplett verschwunden.

Es funktioniert tasächlich

Auch bei der Musiktherapie, die Christo Pantev vom Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse der Universität Münster entwickelt hat, sollen sich die fehlgesteuerten Nervenzellen durch akustische Reize neu organisieren. Pantev und seine Kollegen haben dazu aus den bevorzugten Musikstücken ihrer Patienten die Frequenzen des jeweiligen Tinnitus herausgefiltert. Ein Jahr lang sollen die Betroffenen täglich etwa zwei Stunden diese Musik hören.

Eine Studie mit 16 Probanden zeigte, dass diese ungewöhnliche Form der Therapie tatsächlich funktionieren kann (PNAS, Bd. 107, S. 1207). Bei den acht behandelten Patienten nahmen sowohl die Lautstärke des Ohrgeräuschs als auch die Aktivität der fehlgesteuerten Nervenzellen ab, während bei den anderen acht Patienten mit einer Scheintherapie keine vergleichbaren Veränderungen nachzuweisen waren.

Eine andere Methode, die Transkranielle Magnetstimulation (TMS), soll die krankhafte Überaktivität der Nervenzellen nicht mit akustischen Reizen, sondern mithilfe starker Magnetfelder stören. Dabei wird zunächst mit bildgebenden Verfahren der Bereich der Hörrinde mit der stärksten Aktivität ermittelt. Anschliessend wird dieses Areal über zehn Tage hinweg täglich eine gute halbe Stunde lang mit etwa zweitausend magnetischen Impulsen stimuliert. Knapp fünfhundert Tinnitus-Patienten wurden in Deutschland bislang per TMS behandelt. Mit unterschiedlichen Ergebnissen: «Etwa jeder zweite stellt fest, dass sein Tinnitus leiser und sein Befinden besser wird», sagt Tobias Kleinjung von der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde am Tinnituszentrum Regensburg. «Bei einigen hielten die Effekte wenige Wochen an, bei anderen mehrere Monate.»

Auch Medikamente gibts wohl bald

Kleinjung hofft, das Verfahren künftig noch zu verbessern. «Wir erproben zurzeit verschiedene Frequenzen und behandeln unterschiedliche Regionen des Gehirns», sagt er. Zum Beispiel könne es sinnvoll sein, auch frontale Hirnareale, also solche hinter der Stirn, per Elektromagnet zu stimulieren. Dort werde der Tinnitus mit negativen Emotionen verknüpft.

Auch ein erstes Medikament gegen die Ohrgeräusche könnte schon bald erhältlich sein. In Kürze sollen die Ergebnisse von drei Studien vorliegen, in denen der Wirkstoff Neramexane des Frankfurter Pharmaunternehmens Merz an insgesamt etwa 1200 Patienten getestet wird. Neramexane blockiert in den Nervenzellen zwei Rezeptoren, die für die Weiterleitung von Signalen notwendig sind. Bereits abgeschlossene Studien mit einigen Hundert Patienten deuten daraufhin, dass der Wirkstoff den Tinnitus lindern kann.

«Ob eine einzige Therapie die Ohrgeräusche für immer abstellen wird, ist allerdings unwahrscheinlich», gibt Berthold Langguth von der Regensburger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie zu bedenken. Vermutlich werde man die besten Effekte auf lange Sicht nur mit einer Kombination verschiedener Ansätze erzielen.

Implantate als Lösung

Auch Kathleen Westphal vom Tinnitus-Zentrum Schweiz bleibt vorerst skeptisch: «Studien mit neuen Tinnitus-Therapien gibt es seit Jahren und immer mit denselben Ergebnissen: Der Tinnitus wird leiser, verändert sich nicht oder wird lauter», sagt sie. Insofern warte man in der Schweiz die Erfolge der neuen Therapien ab und arbeite bis dahin weiter mit der Retraining-Therapie.

Für stark schwerhörige Tinnitus-Patienten gibt es allerdings auch hierzulande eine noch recht junge, vielversprechende Option: ein Cochlea-Implantat (CI). Diese Hörprothese wird in die Hörschnecke (Cochlea) im Innenohr der Betroffenen eingesetzt. «Im Herbst wurden die Zwischenergebnisse der schweizerischen CI-Studie vorgestellt», berichtet Andreas Schapowal, Präsident der Schweizerischen Tinnitus-Liga. «Bei zwei Dritteln der 154 Probanden haben sich die Tinnitus-Symptome durch die Operation deutlich verbessert.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2010, 15:34 Uhr

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