Hypersexualität – oder die Erfindung einer Krankheit

Von Martina Frei. Aktualisiert am 12.03.2010 10 Kommentare

US-Psychiater überarbeiten ihre Diagnoseliste. Kritiker befürchten nun, dass Krankheiten geschaffen werden, wo keine sind.

Man muss nicht zwingend krank sein, um sich krank zu fühlen: «Der eingebildete Kranke» von Molière.

Man muss nicht zwingend krank sein, um sich krank zu fühlen: «Der eingebildete Kranke» von Molière.

Sie denken dauernd an Sex? Dann leiden Sie womöglich an einer«hypersexuellen Störung». Ihr Siebenjähriger ist oft schlecht drauf und hat immer wieder Zornesausbrüche, selbst bei nichtigen Anlässen? Das könnte eine «Gemütsregulationsstörung mit Verstimmung» sein. Dies sind zwei neue Diagnosen, welche die US-Psychiatervereinigung APA einführen will. Etwa alle zehn Jahre überarbeitet sie das Leitwerk für Psychiater – ein Handbuch, in dem alle psychiatrischen Diagnosen aufgelistet sind. Seit kurzem steht der Entwurf für dieses «DSM-5» im Internet. Bereits in der ersten Woche gingen über 1000 Kommentare dazu ein.

Das Werk, das 2013 fertig sein soll, hat grosse Bedeutung. Nicht nur Psychiater in den USA richten sich danach: «Vermutlich wird viel von dem, was in den US-Kriterien festgelegt wird, nach Europa überschwappen», sagt Rolf Dieter Stieglitz voraus, Leitender Psychologe an der Psychiatrischen Poliklinik Basel. Er arbeitet am internationalen Gegenstück des DSM-5, dem ICD-11, mit.

Neue Diagnosen wie «Hypersexualität» werden auch private Versicherungen beeinflussen, wenn sie prüfen, einen Kunden aufzunehmen oder nicht. Pharmafirmen, die für ihre Wirkstoffe Absatzmärkte suchen, orientieren sich ebenfalls daran.

Bestes Wissen als Grundlage

«Jedes Mal wenn dieser Katalog neu herauskommt, gibt es anschliessend mehr psychisch Kranke», wendet der Wissenschaftsjournalist Jörg Blech ein. Er hat sich als Buchautor mit «erfundenen Krankheiten» befasst. «Es gibt einen Trend in der Medizin, die Diagnosekriterien für Krankheiten auszuweiten.»

Diesen Trend sieht auch Klaus Schmeck, Chefarzt der Basler Kinder- und Jugendpsychiatrie. «Wir müssen uns fragen: Wo ziehen wir die Grenze? Das beruht letztlich auf einem Konsens von Wissenschaftlern und Ärzten», sagt Schmeck. Trotzdem basieren die Vorschläge der APA auf Studien. Über 600 Fachleute haben für das DSM-5 in den letzten Jahren wissenschaftliche Arbeiten gesichtet, miteinander diskutiert und Vorschläge gemacht.

Den Vorwurf, die Therapeuten würden sich mit neuen Diagnosen wie Hypersexualität nur Arbeit beschaffen, weist Psychologe Stieglitz zurück. «Anteilsmässig fällt die Hypersexualität im klinischen Alltag gar nicht ins Gewicht. In der Praxis haben Erkrankungen wie etwa ADHS bei Erwachsenen viel grössere Bedeutung», sagt er.

Überarbeitung «dringend nötig»

Bei dieser (umgangssprachlich auch Hyperaktivität) genannten Störung gebe es bisher nur Diagnosekriterien für Kinder, nicht aber für Erwachsene. «Bei Kindern lauten sie zum Beispiel: ‹Macht Flüchtigkeitsfehler bei den Hausaufgaben› – wie aber wollen Sie das auf Erwachsene anwenden?», fragt er. Eine Überarbeitung sei deshalb «dringend nötig», zumal das Krankheitsbild bei Erwachsenen häufig und weitaus vielfältiger sei als bei Kindern.

Bei 90 Prozent der erwachsenen Patienten, die Stieglitz in den letzten Jahren gesehen habe, sei ADHS nicht erkannt worden, wendet er ein. «Mit der Folge, dass sie oft jahrelanges Leiden hinter sich haben – sie scheitern in der Berufslehre, liegen mit dem Partner zu Hause oft im Streit und haben permanent Misserfolg im Leben.»

Ähnlich argumentiert Klaus Schmeck. «Erwachsene mit Persönlichkeitsstörungen kosten die Gesellschaft sehr viel. Bei einer Behandlung schon im Jugendalter könnte eine spätere Chronifizierung verhindert werden», sagt er. Das Ausweiten der Diagnosekriterien auf das Jugendalter könnte helfen, Störungen früher zu erkennen.

Patienten sind schon da

Das ist auch beim Autismus geplant. Anstelle eng gefasster Krankheitsbegriffe soll im DSM-5 neu die schwammigere «Störung im Bereich des autistischen Formenkreises» eingeführt werden. Eine solche Diagnose könne Betroffene ihr Leben lang stigmatisieren, befürchten dagegen Kritiker. «Beim Autismus ziehen nicht wir Psychiater los und suchen Patienten – im Gegenteil. Wir werden von ihnen bestürmt», verwahrt sich Schmeck gegen Vorwürfe, so würden gesunde Kinder zu kranken gestempelt. «Die Vorschläge entsprechen den wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten zehn Jahre.»

www.dsm5.org. Kommentare können bis zum 20. April abgegeben werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2010, 14:31 Uhr

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10 Kommentare

majo naef

12.03.2010, 07:46 Uhr
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Und welche "Krankheiten" wurden gestrichen oder sind die Psychiater die neuen Übermenschen, die keine Fehler machen. Antworten


heiner lauter

12.03.2010, 08:46 Uhr
Melden

das sind doch die zeichen unserer zeit, niemand übernimmt verantwortung und alles sind opfer, tiger woods muss notorisch fremdgehen, er kann doch für seine sucht nichts, vielleicht sollte man ihm auch das sorgerecht für die kinder nehmen, wenn er doch so schwerkrank ist... Antworten



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