«‹Impotenz› schreckt ab»

Damit eine Befindlichkeitsstörung zur Krankheit wird, braucht es nicht viel mehr als cleveres Marketing. Eine britische Ärztin erklärt, wie man neue Krankheiten erfindet.

Für jede Krankheit gibt es ein Medikament – sogar für Krankheiten, die eigentlich gar keine sind.

Für jede Krankheit gibt es ein Medikament – sogar für Krankheiten, die eigentlich gar keine sind.
Bild: Keystone

Iona Heath ist Allgemeinärztin in London und präsidiert das ethische Komitee des
«British Medical Journal».

Iona Heath ist Allgemeinärztin in London und präsidiert das ethische Komitee des «British Medical Journal».

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Frau Heath, Sie behaupten, die Pharmaunternehmen würden harmlose Zipperlein zu Krankheiten aufbauschen. Wie macht man das?
Sie müssen auf drei Dinge achten: Erstens sollte es sich um banale Beschwerden handeln, die möglichst viele Menschen ab und zu haben. Zweitens müssen Sie betonen, welche furchtbaren Folgen die Nicht-Behandlung haben kann. Und drittens muss die neue Krankheit einen annehmbaren Namen haben.

Was meinen Sie mit annehmbar?
Er soll wissenschaftlich klingen, aber nicht erschreckend. «Impotenz» schreckt ab, «erektile Dysfunktion» klingt wissenschaftlich. Damit kann man sich eher anfreunden als mit der Vorstellung, impotent zu sein. Ein anderes Beispiel ist Sodbrennen, das jetzt Reflux-Ösophagitis heisst. Dazu wird betont, dass es im schlimmsten Fall zu Speiseröhrenkrebs führen kann.

Die Menschen leiden doch unter solchen «banalen» Beschwerden, wie Sie es nennen.
Ja, aber Sie müssen sehen: Es gibt heute so viele Möglichkeiten, die Körperfunktionen zu messen. Ob Blutdruck oder Cholesterin – fast alle Werte liegen auf einem Kontinuum. Wir würden in der Regel nur die allerhöchsten und die allerniedrigsten Werte als Krankheit bezeichnen. Die Pharmafirmen aber haben ein Interesse daran, dass sich ein möglichst grosser Teil der Bevölkerung für behandlungsbedürftig hält. Deshalb versuchen sie, die Grenzen zwischen gesund und krank zu ihren Gunsten zu verschieben.

Können Sie das an einem aktuellen Beispiel beweisen?
Die Geschichte des Cholesterins ist eine grossartige Erfolgsstory für die Pharmaindustrie. Der Normwert wurde im Lauf der Jahre immer tiefer angesetzt. Würde man die heute geltende Norm für das Cholesterin in Norwegen als Massstab anlegen, müsste jeder zweite Norweger über 25 Jahre einen Cholesterinsenker nehmen. Dabei sind die Norweger eines der langlebigsten Völker.

Sie behaupten, die Normwerte beim Cholesterin seien zu tief?
Wenn Normwerte dazu führen, dass 10 oder 20 Prozent der Bevölkerung behandelt werden müssen, ist das vermutlich in Ordnung. Aber wenn, wie in einer norwegischen Analyse, bei den Fünfzigjährigen 40 Prozent der Frauen und 90 Prozent der Männer einen Cholesterinsenker nehmen müssten, stimmt etwas nicht.

Viele Studien zeigen aber, dass ein niedriger Cholesterinwert Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugt und Rückfälle verhindert.
Würden alle Fussgänger Helme tragen, gäbe es weniger Kopfverletzungen. Aber die damit verbundenen Nachteile würden ebenfalls zunehmen. Auf Medikamente übertragen: Je mehr Menschen Sie zum Beispiel mit Cholesterinsenkern behandeln, desto kleiner wird der zusätzliche Gewinn an Gesundheit. Die Nachteile der Behandlung bleiben dagegen immer gleich gross. Ein gewisser Prozentsatz der Behandelten wird Nebenwirkungen bekommen. Wenn immer weitere Kreise der Bevölkerung Cholesterinsenker nehmen, sinkt das Verhältnis von Nutzen zu Risiko.

Jeder, der ein Risiko für eine Erkrankung hat, möchte es doch so klein wie möglich halten. Was finden Sie daran verwerflich?
Heute werden Risikofaktoren oft mit Krankheit verwechselt. Wenn ein Arzt einen Patienten mit einer Krankheit behandelt, kann er den Erfolg unmittelbar erleben. Entweder die Behandlung schlägt an und dem Kranken geht es besser, oder nicht. Behandelt er Menschen mit dem blossen Risiko für eine Krankheit, weiss niemand, ob das Medikament die Krankheit verhindert hat, oder ob sie auch sonst nicht ausgebrochen wäre. Die vorsorgliche Behandlung geht endlos weiter.

Die Pharmaindustrie hat doch massgeblich dazu beigetragen, dass die Lebenserwartung gestiegen ist.
Einer der häufigsten Gründe für Spitaleinweisungen in den USA sind mittlerweile die Nebenwirkungen von Medikamenten. Beispiele wie Vioxx zeigen, dass das Marketing dazu neigt, den Nutzen übertrieben darzustellen.

Die Beschwerden, die Sie für aufgebauscht halten, sind aber tatsächlich weit verbreitet.
Man muss sehen, wie diese Häufigkeiten zustande kommen. Umfragen laden die Menschen geradezu ein, zu glauben, dass sie eine Krankheit haben und nicht eine banale Befindlichkeitsstörung. Wenn Sie zum Beispiel fragen: «Dauert Ihre Erektion manchmal nicht lange genug?», werden die meisten Männer zustimmen. Man muss ja nur einmal zu viel Alkohol getrunken haben. Dann bieten Sie in der Umfrage das Kästchen «einmal pro Monat» zum Ankreuzen an – und schon leidet praktisch jeder Mann an «erektiler Dysfunktion». Was momentan in der Psychiatrie abgeht, finde ich schauderhaft. Ich habe einen Fragebogen gesehen, da wurden alte Menschen gefragt: Geniessen Sie Ihr Leben so wie früher? Darauf würden wohl die meisten mit Nein antworten. Das zählte dann aber als Zeichen für eine Depression, die behandelt gehört.

Worauf muss man als potenzieller Patient achten?
Man sollte sich klar machen, wie Pharmafirmen denken. Und aufpassen. In den letzten Jahren haben die Firmen Patienten-Selbsthilfe-Organisationen, etwa im Bereich Osteoporose, stark unterstützt. Das hat gute Gründe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2009, 10:44 Uhr

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13 KOMMENTARE

Tom Würgler

14.10.2009, 09:27 Uhr

Wenn die Produkte aus der Arzneimittelbranche so furchtbar sind, dann konsumiert sie doch einfach nicht. Frage mich gerade, warum unser Gesundheitswesen so extrem teuer ist. Wegen dem Konsumverzicht? Persönlich greife ich ca. einmal im Jahr zu einem umfangreich getesteten Medikament, wobei ich über mögliche Nebenwirkungen informiert bin. Von Frau Heath habe ich nichts Neues erfahren.


Roger Müller

14.10.2009, 00:41 Uhr

Die gute Frau argumentiert vortrefflich. Es klingt wirklich mehr als einleuchtend, dass gerade die Pharma-Industrie daran intressiert sein muss (!) uns krank zu halten. Natürlich ist nicht alles schlecht, was von dieser Seite kommt. Aber aufgrund der immer höheren Krankenkassenbeiträge überlegen es sich bestimmt viele Leute zweimal, ob sie zum Arzt gehen, oder ihre "Krankheit" selber "behandeln".


Verena Hunziker

13.10.2009, 15:49 Uhr

Ja, der Nutzen von Medikamenten wird von der Pharmaindustrie, aber auch von Aerzten, oft übertrieben dargestellt. Die Nebenwirkungen hingegen sind in der Regel kein Thema oder werden verharmlost, weiss ich auch aus eigener Erfahrung. Und dann wird man krank oder gar stirbt an den Nebenwirkungen der Medis, die man (prophylaktisch) nimmt. Die Gesundheitsbehörden interessiert es nicht...


Beni Schärer

13.10.2009, 15:19 Uhr

Wo kann ich unterschreiben? Allerdings ist das schon länger bekannt. Man schaue ins BH: Lobbyisten sitzen in den VR der benannten Firmen und im Parlament. Kommt eine Gesundheitsvorlage die der Pharma ans Geld geht, wird sie kurzerhand gebodigt oder die Ärztekammer jammert. Man behandelt lieber Symptome als die Ursache. Da lässt sich vielmehr Geld verdienen!


George Bender

13.10.2009, 15:01 Uhr

Es ist leider so wie Frau Heath das beschreibt. Ein Beweis, dass durch ein gutes Marketing sich eigentlich alles erflolgreich verkaufen lässt! Nur Schade dass der Durchschnittsmensch soviel Glauben an die Symptonbehandlung schenkt, anstatt zu versuchen die Ursache zu bekämpfen. Ich finde diesen Artikel vom Tagesanzeiger sensationell! Die Pharma ist eine Lizenz zum Geld machen! - Öffnet Eure Augen!


Rolf Raess

13.10.2009, 14:46 Uhr

@ Philippe Steiner: ganz recht und wenn Sie noch wüssten, dass einer der Hauptaktionäre der Tamiflu-Hersteller in Californien, Rumbsfeld (ehem. Kriegsminister unter Bush/Cheny) heisst, hätten Sie auch gerade die Bestätigung. Leider vermitteln unsere Zeitungen nicht die Zusammenhänge…


Tobias Lienhard

13.10.2009, 14:03 Uhr

wie gesund ist eine Gesellschaft noch, wo einer der ganz wenigen noch gesunden Wirtschaftzweige das Geschäft mit der Krankheit ist? Und wie gesund sind Menschen, die sich ab den Gewinnen dieser Industrie freuen?


Philippe Steiner

13.10.2009, 12:17 Uhr

Somit ist der Fall klar, dass Tamiflu und die Vogel,-Schweinegrippe auch von der Pharmaindustrie hochgeputscht wurden.


Mike Keller

13.10.2009, 11:29 Uhr

Absolut richtig - es geht nur um das liebe Geld. Die Krankenkassen sollte man doch am besten gleich verstaatlichen und finanziell limitieren. Da wäre dann bald einmal fertig mit irgendwelchen Sonder-Therapien oder Medikamenten. Es sind ja nicht nur die Aerzte die einem gleich was verschreiben, aber die Patienten, die für die unverschämt hohen KK-Prämien was zurückhaben möchten.


Thomas Neubauer

13.10.2009, 11:22 Uhr

Dass heutzutage sogar natürliche Trauer mit einem Antidepressivum ''behandelt'' wird ist schon als fahrlässig zu bezeichnen! Aber die Unwissenheit vor allem älterer Personen und das blinde Vertrauen in den behandelnden Arzt/Psychiater etc. wird schamlos ausgenutzt. Nebenwirkungen kann man ja auch wieder behandeln, da läuft das Geschäft, ist ja toll!


Ruedi Bänzinger

13.10.2009, 11:05 Uhr

Und da wundert man sich auch noch das die Krankenkassenprämien stetig steigen. Die Menschen werden wohl nicht zwangsläufig ungesünder, man schiebt ihnen aber wohl immer öfter Krankheiten und Abnormalitäten unter welche "umbedingt" behandelt resp. korrigiert werden müssen.


Anita Jenni

13.10.2009, 10:59 Uhr

@ P.A.: genau! Doch, wer wagt es, das Gedachte dann auch umzusetzen?? Wenn's drauf an kommt beugen wir uns dieser notorischen Angstmacherei. Wir müssen uns INFORMIEREN, wenn (noch besser 'bevor') wir unter Druck sind. Information nimmt die Angst und macht uns entscheidungsfähig und eigenverantwortlich. Vermeidet Impfungen und forscht unter 'neue germanische Medizin'. Und die Angst fällt weg.


Peter Affolter

13.10.2009, 09:56 Uhr

Die Dame hat hundertprozentig recht. Allerdings ist die von ihr perfekt geschilderte Sachlage längst jedem bekannt, der fünf Minuten lang nachdenkt.



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