In der Mitte liegt die Kraft

Von Claudia Schneider. Aktualisiert am 12.04.2010

Der Beckenboden braucht regelmässiges Training. Sonst lösen sich plötzlich Harntropfen beim Niesen, oder der Tampon hält nicht mehr.

Hoch das Becken: Ein Netz von Muskelfasern zwischen Steissbein, Sitzbeinhöckern und Schambein hat Einfluss auf Blase, Atmung und Haltung.

Hoch das Becken: Ein Netz von Muskelfasern zwischen Steissbein, Sitzbeinhöckern und Schambein hat Einfluss auf Blase, Atmung und Haltung.
Bild: Colourbox

Während der Fahrt zur Arbeit spielt Verena Beck öfters Pingpong – nicht mit Schläger und Ball, sondern mit Muskeln und Fantasie. Der imaginäre Ball liegt im Innern ihres Körpers auf dem Beckenboden und wird durch schnelles Anspannen der Muskulatur hoch in den Bauchraum gespickt, von wo er zurück auf den Beckenboden fällt. Es ist ein amüsantes Spiel, eines, von dem die übrigen Fahrgäste nichts mitbekommen.

Die Pingpongübung hat Verena Beck beim Beckenbodentraining gelernt. Die junge Frau bekam vor zwei Jahren ihr erstes Kind. Danach stellte sie fest, dass der Tampon nicht mehr so gut sitzt wie früher. Und beim Niesen lösten sich einige Harntropfen. Ihre Ärztin empfahl deshalb, den Beckenboden zu trainieren.

Am besten Kurs besuchen

Der Beckenboden – umrahmt vom Beckenknochen – besteht aus einem Netz von Muskelfasern zwischen Steissbein, Sitzbeinhöckern und Schambein und hat Einfluss auf Blase, Atmung, Haltung sowie Stabilität des Körpers. Im Verlauf der letzten 20 Jahre wurde viel getan, um bei Frauen das Bewusstsein für die Bedeutung des Beckenbodens zu wecken. So ist es mittlerweile üblich, dass nach einer Geburt ein Rückbildungsturnen empfohlen wird. Auch Verena Beck hat dies am Anfang gemacht, aber in der aufregenden ersten Zeit mit dem Baby wieder vergessen.

Um den Beckenboden zu trainieren, konsultierte sie eine Physiotherapeutin. Diese arbeitet mit Biofeedback, einem Gerät, das die Muskelanspannungen im Beckenbodenbereich grafisch darstellt. Erst später, während eines speziellen Kurses, hat Verena Beck jedoch gelernt, verschiedene Übungen in den Alltag zu integrieren. Dabei ist das Einbauen von Übungen in den Alltag entscheidend für den Erfolg des Trainings. «Es braucht schon 10 bis 30 spezifische Muskelanspannungen pro Tag zur Prävention beziehungsweise 30 bis 100 Muskelanspannungen pro Tag für Menschen, die bereits Probleme durch eine Schwächung des Beckenbodens feststellen», erklärt Judith Krucker, in der Deutschschweiz eine Pionierin des Beckenbodentrainings.

Auch lohnend für Männer

Unter anderem ist Judith Krucker Mitautorin eines Buches zum Thema Beckenbodentraining für Männer. Verschiedene Studien belegen, dass das Training vor und nach einer Prostataoperation sowie bei Erektionsstörungen hilfreich ist. Judith Krucker macht allerdings die Erfahrung, dass sich Männer, wenn überhaupt, erst für das Thema interessieren, wenn sie bereits ernsthafte Probleme haben. «Manche entscheiden sich dann dafür, als Einzelperson das Training zu lernen.» Gruppenkurse werden von Männern kaum belegt. Frauen sind diesbezüglich weniger gehemmt. Sie machen auch mal präventiv einen Kurs und nicht selten in Gruppen.

Ausser man tut es

Zwischen Theorie und Praxis gibt es aber auch bei den Frauen eine Diskrepanz. Obwohl erwiesen ist, dass mit regelmässigem Beckenbodentraining Symptome einer Blasen- und Beckenbodenschwäche gebessert, sogar geheilt und auch bei Inkontinenz eine markante Besserung erzielt werden kann, ist die Bereitschaft dazu eher gering. Gleichzeitig entwickelt sich Inkontinenz, also unkontrolliertes Wasserlassen oder auch Kotlassen, zu einer Volkskrankheit, von der in der Schweiz mindestens 400000 Menschen betroffen sind.

Obwohl Inkontinenz bei Menschen aller Altersstufen auftreten kann, sind Frauen stärker betroffen als Männer und beide Geschlechter zunehmend mit fortschreitendem Alter. Dies belastet nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Krankenkassen, die bei Inkontinenz pro Tag drei Franken an Wäscheeinlagen bezahlen. Hilfreich für Verena Beck waren sowohl das Biofeedback wie auch der Kurs und ein Buch mit praktischen Übungen, das sie im Badezimmer zwischen den Zeitschriften platziert hat. Angenehm ist, dass das Training nicht wirklich anstrengt, nicht zwingend Hilfsmittel benötigt und viele Übungen fast jederzeit überall ausgeführt werden können. Verena Beck spielt deshalb auf dem Weg zur Arbeit nicht nur Pingpong. Sie spannt auch den Beckenboden an, wenn das Telefon klingelt. Es ist aber nicht so, dass die junge Frau den ganzen Tag an ihren Beckenboden denken würde. Verena Beck hat sich durch regelmässiges Training einfach angewöhnt, in klar definierten Situationen quasi automatisch einige Übungen zu machen.

Literatur: «Beckenbodentraining für Männer». Von Ute Michaelis, Urban&Fischer, Fr.33.–; «Beckenbodentraining für jeden Tag.Fit in 5 Minuten». Von Jutta Pöschl, Compact, Fr.15.30.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 12.04.2010, 11:24 Uhr

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