«Jeder Dritte erkrankt einmal an Krebs»

Der Onkologe Mathias Schmid kennt die Gründe dafür, weshalb Krebs als Thema so präsent scheint. «Ein grosses Rätsel» ist jedoch, wieso die Schweiz in Europa die höchste Hautkrebsrate aufweist.

Eine Moulage eines pigmentierten Basalioms in der Dermatologischen Klinik am Universitätsspital in Zürich (9. Mai 2011). Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Eine Moulage eines pigmentierten Basalioms in der Dermatologischen Klinik am Universitätsspital in Zürich (9. Mai 2011). Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

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Krebs ist unglaublich präsent. Mir kommt es manchmal so vor, als ob alle Menschen Krebs hätten; ständig kommen neue ­Hiobsbotschaften.
Das liegt einerseits daran, dass Krebs tatsächlich häufig ist. Man nimmt an – mit der heutigen Lebenserwartung –, dass jeder dritte Mensch einmal in seinem Leben an Krebs erkrankt. Andererseits hat die Krankheit einen politischen Aspekt und ist darum oft in den Medien. Wohl kein Fachbereich entwickelt sich im Moment so rasch wie die Tumormedizin, und das sprengt natürlich alles bisher Dagewesene an Kosten. Wir haben jetzt Tabletten, die pro Stück 400, 500 Franken kosten. Wenn er gut darauf anspricht, dann lebt ein Patient noch 30 Jahre und «kostet» – bös gesagt – 4 bis 5 Millionen Franken. Da kommt dann natürlich die Frage: Wer zahlt das? Und noch ein sehr simpler Grund, warum man so viel hört von Krebs: Mit dem eigenen Älterwerden wird halt auch das Umfeld älter, und damit steigt das Risiko, dass jemand erkrankt.

Gerade Hautkrebs ist auch in ­jüngeren Bevölkerungs­gruppen sehr prävalent, scheint mir.
Das stimmt, und es ist ein grosses Rätsel. Die Schweiz hat in Europa die höchste Rate an Hautkrebs. Es gibt vor allem zwei Theorien, weshalb das so sein könnte – die eine hat damit zu tun, dass viele Menschen in der Höhe leben, aber das halte ich für Unsinn. Die andere geht davon aus, dass die Schweizer, weil wohlhabend, besonders viel reisen, sich übermässig der Sonne aussetzen und sich häufig schlecht schützen.

Gibt es Krebsarten, die rückläufig sind?
Ja, zum Beispiel der Magenkrebs, weil man etwa erkannt hat, dass in gepökelten Lebensmitteln Nitrosamine vorkommen, die krebserzeugend sind. Zudem achten wir deutlich mehr auf unsere Ernährung. Bei den Amerikanern nehmen die Lungentumore ab – vor allem bei den Männern –, seit sie das mit dem Rauchen strenger nehmen.

Welche nehmen zu?
Lymphdrüsenkrebs nimmt zu, und niemand weiss, warum. Aber ein Teil der Krebsrate hat wohl mit unserem Sozialstatus zu tun. Wenn man nach Afrika oder Südamerika geht, wo der Lebensstandard geringer ist, haben viel weniger Menschen Krebs. Allerdings ist die Lebenserwartung dort auch nicht so hoch.

Krebs ist eine Wohlstandskrankheit?
Das könnte man für einige Tumorarten so sagen.

Das trägt noch dazu bei, dass Krebs dieses Image der Strafe hat. Des Fiesen, Bösen, Degenerierten.
Absolut. Und es stört mich, diese Konzentration auf das Negative. Rund die Hälfte aller Krebsfälle kann man heute heilen, und doch ist immer noch in den Köpfen: Krebs gleich Tod. Dabei haben viele Herz-, Lungen- oder Leberkrankheiten oder Infektionen viel schlechtere Aussichten.

Haben Sie Spontanheilungen erlebt?
Nein. Es gibt unerwartete Verläufe, bei denen jemand zum Beispiel eigentlich «schon lange nicht mehr leben dürfte». Und das Umgekehrte halt leider auch. Und es gibt Fälle, wo sich der Körper mit dem Krebs «arrangiert», wo eine Art Symbiose entsteht.

Bei welchem Krebs sind die ­Aussichten am schlechtesten?
Es sind vor allem zwei, bei denen man seit längerem keine wesentlichen Fortschritte erzielt: Bauchspeicheldrüsenkrebs und Hirntumore. Und Hautkrebs, wenn man ihn spät entdeckt, der ist auch schwierig. Leukämie hingegen, bei der man intuitiv denkt, oh Gott!, die hat gerade bei Kindern eine sehr hohe Heilungsrate, sie liegt etwa bei 80 Prozent. Aber Kind und Krebs, das ist halt sowieso schlimm.

Warum sind Sie Arzt geworden?
Ich habe in der Schule alles Geisteswissenschaftliche gehasst und dafür Naturwissenschaften sehr geliebt. Eigentlich wollte ich Biologe werden, aber schon damals war klar, dass es keine Aussicht auf einen Job gibt. Und so wurde ich Mediziner, weil ich ausserdem sehr gern mit Menschen zu tun habe. Und ich hab es noch keine Sekunde bereut.

Können Sie Beispiele geben von Sachen, die Sie nicht im Studium, sondern erst in der Praxis gelernt haben?
Viele kulturelle Eigenheiten. Es gibt Menschen aus vielen kulturellen und religiösen Bereichen, die zum Beispiel weiblichen Ärzten nicht die Hand geben, das ist anfangs schon sehr befremdlich. Oder dass es im arabischen Raum häufig tabu ist, vom Sterben zu sprechen, musste ich auch erst lernen. Auch dem Patienten gegenüber. Dann wird auch der Druck von der Familie immer grösser, je weniger Hoffnung es gibt. Gleichzeitig merkt der Patient genau, wie es um ihn steht, das ist eine schwierige Situation. Oft ist es dann so, dass der Patient irgendwann sagt, so, Schluss, jetzt will ich wissen, was Sache ist.

Das Bedürfnis nach Gewissheit ist universell?
Es gibt sehr wenig Fälle, in denen ein Patient sagt, ich will es lieber gar nicht so genau wissen.

Was gehört in der Regel zu den letzten Dingen, die ein Mensch noch erledigen will?
Finanziell ist meist alles schon geregelt, oft sind es familiäre Sachen. Aussprachen, reinen Tisch machen. Oft kommen da auch familiäre Konflikte zum Vorschein. Gerade, wenn es um Transplantation geht, zum Beispiel Rückenmarks­spenden bei Leukämie oder Ähnlichem. Dann frag ich den Patienten, wie viele Geschwister er habe, und er so: vier. Und ich: Ah, sehr gut! Und er: Na ja, also mit dem einen rede ich nicht mehr, und die andere hab ich seit 15 Jahren nicht mehr gesehen, und von dem will ich bestimmt nichts und so weiter. Das ist schon bemerkenswert, wie viele familiäre Konflikte da zum Vorschein kommen.

Sie sind Deutscher und vor vier Jahren in die Schweiz gekommen. Was ist der grösste Unterschied zwischen dem Arztsein in ­Deutschland und der Schweiz?
Ganz klar: In der Schweiz hat man noch viel mehr Zeit für den Patienten. Dafür ist auch die Anspruchshaltung der Patienten grösser. Aber das meine ich positiv: Sie suchen das Gespräch, auch das nicht medizinische. Wie gehts der Frau und den Kindern? und so weiter, ich schätze das sehr. Und der Umgang unter den Ärzten ist viel angenehmer.

Sie kamen also nicht, weil man hier mehr verdient?
Nein, gar nicht. Man verdient ja in Deutschland als Arzt auch nicht so schlecht, das darf man nicht übertreiben. Und dazu sind die Lebenshaltungskosten viel, viel tiefer, das hebt sich etwa auf. Es ist reiner Zufall, dass ich hier gelandet bin, aber ich wollte noch keine Sekunde zurück. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2014, 17:54 Uhr

Matthias Schmid

Der 47-Jährige ist Chefarzt Medizinische Onkologie und Hämatologie am Zürcher Triemlispital. Foto: Urs Jaudas

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