Kann der Therapeut einen ins Sterben begleiten?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 14.12.2011 2 Kommentare
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Ich (noch jung) nage sehr daran, dass die Ärzte unheilbaren Krebs diagnostiziert haben, und es ist sehr unklar, wie viel Zeit mir noch bleibt. Dieses Nagen hat natürlich viele Komponenten: Ich habe Angst vor dem Sterben; ich bin genervt und traurig, dass ich sterben muss, während meine gleichaltrigen Freunde das Leben zuallermeist geniessen können; ich weiss nicht, wie ich mit den Tagen umgehen soll, wenn mir jegliche Kraft fehlt. Ich bin bereits in Psychoanalyse und verblüfft, wie selbstsicher mein Therapeut ist, dass er mich auch in diese Sterbezeit hinein begleiten kann. Wie sehen Sie das, würden Sie es sich auch «einfach so» zutrauen, jemanden psychoanalytisch in den Tod hinein zu begleiten?
Lieber Herr E.
Nein, selbstsicher wäre ich nicht. (Aber vielleicht würde auch ich mir Mühe geben, wenigstens den Eindruck zu erwecken, um Sie nicht mit meiner Unsicherheit zu belasten.) Wie Sie vielleicht aus anderen Äusserungen an dieser Stelle wissen, stehe ich mit dem Tod auf Kriegsfuss. (Was dem Tod ziemlich egal sein dürfte – ich fürchte, ich bin ihm so recht wie jeder andere.) Die Nonchalance, mit der davon gesprochen wird, dass wir alle sterben müssten und der Tod etwas ganz Natürliches sei, geht mir gegen den Strich. Desgleichen die Redensart vom Recht auf ein Sterben in Würde (d. i. die Pflicht, die Krankenkasse auf seine letzten Tage nicht mehr unnötig zu strapazieren) und der euphemistische Begriff der Sterbe-«Begleitung» («Ach, Sie sterben? Wissen Sie was, da begleite ich Sie doch ein Stück in den Tod hinein, da wollte ich sowieso mal wieder hin»). Und da ich schon mal beim Verfluchen bin, schliesse ich den Normierungsblödsinn der kübler-rossschen Sterbephasen gleich noch in meine Verdammnis mit ein. («Nein, Herr Schneider, zuerst kommt das Verleugnen und dann die Resignation – nicht umgekehrt.»)
Der langen Vorbemerkung kurzer Sinn: Ich eigne mich ganz schlecht dazu, entspannt und sine ira et studio über Sterben und Tod zu reden. (Ich bin als Kind mit einer sterbenden Mutter aufgewachsen – meine Allergien, was diese Themen angeht, sind immerhin solide biografisch fundiert.) Aber zuhören, was einer über sein Sterben erzählt, neben all dem anderen, was er erzählt und was eigentlich mit dem Sterben nichts zu tun hat, und nun doch durch den näher rückenden Tod in ein ganz besonderes Licht getaucht ist, und dazu auch meinerseits etwas sagen, so wie man es halt (nicht nur) in einer Psychoanalyse macht: Das traute ich mir schon zu. Nicht zur eigenen «spirituellen Bereicherung» (noch ein Reizwort), sondern weil ich es dem andern schuldig bin und weil man ja doch nicht schweigen muss und kann, selbst wenn man nichts Endgültiges zu sagen hat. Da wollte und würde ich nicht kneifen – vielleicht meint Ihr Psychoanalytiker ja etwas Ähnliches, wenn er so vermeintlich selbstsicher davon spricht, Sie nicht im Stich zu lassen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.12.2011, 08:14 Uhr
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2 Kommentare
Schön, mal von jemandem zu hören, dass auch er mit dem Tod auf Kriegsfuss lebt, all die Phrasen hört man viel zu oft. Manchmal beneide ich religiöse Menschen, dass sie einfach an irgend etwas nach dem Tod glauben können und so der gnzen Sache noch etwas abgewinnen können. Aber dann bin ich doch wieder froh, dass ich selbst meinem Leben Sinn geben muss und kann. Antworten
Ohne Tod müsste die Welt ganz anders aussehen. Es ist müssig mit ihm zu hadern, er ist ein Fakt der uns alle holt. Man muss ihn deswegen nicht lieben oder sich ihm ausliefern. Man muss ihn akzeptieren und wenn er uns holt, dann können wir nur uns selbst mitnehmen. Und mit diesem Selbst müssen wir womöglich dann lange auskommen. Antworten

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