«Krebs ist eine Alterserkrankung. Wer ungesund lebt, wird früher krank»
Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 07.02.2011 18 Kommentare
«Eine Alterserkrankung»: Jakob Passweg ist Chefarzt Hämatologie am Universitätsspital Basel und Präsident der Schweizerischen Krebsliga.
Artikel zum Thema
Stichworte
Herr Passweg, die Krebserkrankungen in den letzten 28 Jahren haben leicht zugenommen. Die Mortalität hingegen ist rückläufig. Warum ist das so?
Es ist nicht leicht, darauf Antwort zu geben. Weil es für die unterschiedlichen Krebsarten immer mehrere Gründe gibt. Eine Hauptrolle spielt sicherlich die Altersstruktur unserer Gesellschaft. Denn Krebs ist hauptsächlich eine Alterserkrankung. Je älter die Bevölkerung ist, desto mehr Krebserkrankungen gibt es.
Aber nicht alle Krebsarten kommen häufiger vor.
Richtig. Lungenkrebs bei Männern etwa nimmt in der Schweiz ab. Unter anderem, weil die präventiven Massnahmen gegen das Rauchen Wirkung zeigen. Bei Frauen hingegen nehmen die Fälle zu. Früher galt es als unanständig, wenn Frauen rauchten. Viele Frauen, die vor 30 Jahren, als es salonfähig wurde, mit dem Rauchen begonnen haben, werden nun 40 oder 50 Jahre alt und haben ein erhöhtes Lungenkrebs-Risiko. Gewisse Krebserkrankungen werden heute auch häufiger und früher registriert, weil sie dank Screenings besser erkannt werden.
Die moderne Medizin und Technik verhindern aber doch auch Krebsfälle?
Ja. Magenkrebs ist hierzulande sehr selten geworden. Das haben wir dem modernen Food-Processing und dem Kühlschrank zu verdanken. Die heutigen Nahrungsmittel sind wesentlich gesünder als jene vor 50 oder 60 Jahren – auch wenn das viele Leute nicht wahrhaben wollen. Unsere Vorsorge verhindert andere Typen wie Gebärmutterhalskrebs.
Gibt es bei allen Krebsarten solch logische kausale Zusammenhänge?
Für die meisten Krebserkrankungen gibt es keine gute Erklärung. Zum Beispiel bei meinem Spezialgebiet, dem Blutkrebs. Bei Lungenkrebs hingegen kann man sich die Frage des Selbstverschuldens stellen. Wenn gar nicht mehr geraucht würde, fielen sicherlich die meisten Fälle von Lungenkrebs weg. Ebenso beim Hautkrebs; da exponieren wir uns ja auch bewusst. Andererseits sinkt die Sterblichkeit bei Hautkrebs bei Frauen: Sie geben offenbar mehr Acht auf ihre Haut und lassen sich eher untersuchen.
Wie lässt sich Krebs vorbeugen?
Wer ein gesundes Leben führt, sich ausgeglichen ernährt, sich sportlich betätigt und nicht raucht, hat ein niedrigeres Risiko, vor 60 an Krebs zu erkranken. Doch unser Ziel ist es nicht, die Menschen unsterblich zu machen. Sondern wir wollen vor allem vorzeitige Todesfälle verhindern. Gerade bei Menschen unter 50 ist Krebs aber die häufigste Todesursache.
Und ein gesundes Leben hilft da bereits?
Ja. Zwar kann auch ein gesunder Mensch an Krebs erkranken. Wenn er aber ungesund lebt, erkrankt er höchstwahrscheinlich früher.
Aber auch jemanden, der seinen Körper 60 Jahre lang wie einen Tempel behandelt hat, kann es treffen.
Das ist so. Jeder Mensch ist anders, hat eine andere Empfindlichkeit und reagiert auf Gift unterschiedlich. Es gibt jedoch noch keine Methode, um herauszufinden, wer für welchen Krebs anfällig ist.
Warum sind Männer eher von Krebs betroffen?
Das liegt daran, dass Männer – zumindest früher - mehr geraucht, mehr getrunken und weniger gesund gelebt haben. Und mehr ungeschützten Sex mit unterschiedlichen Partnern hatten.
Warum spielt das eine Rolle?
Gewisse Krebsarten werden durch eine Virenerkrankung hervorgerufen. Zum Beispiel Gebärmutterhalskrebs. Das Virus nistet sich in der Zelle ein und destabilisiert diese. Sie kann so zu einem Krebs auswachsen.
Ist das auch bei anderen Krebsarten der Fall?
Ja. Zum Beispiel beim weltweit häufigsten Krebs: dem Leberkrebs. Eine reine Viruserkrankung, eine chronische Entzündung, die vor allem in Drittweltländern auftritt.
Weniger aber bei uns.
In der Schweiz sind Lungen-, Brust-, Prostata- und Dickdarmkrebs am häufigsten. Bei der einen Art kennt man mögliche Ursachen, bei der anderen nicht. Über den Dickdarmkrebs beispielsweise wissen wir noch sehr wenig. Einzig, dass eine faserreiche Nahrung vorbeugend wirkt, ist bekannt.
Wann lohnt es sich, sich überprüfen zu lassen?
Wir empfehlen eine Dickdarmspiegelung für Personen ab 50 Jahren. Ebenso eine Mammographie bei Frauen über 50. Bei der Prostata hingegen ist der Nutzen der Früherkennung umstritten, nicht so sehr wegen der Qualität der Tests, als vielmehr wegen den Nebenwirkungen einer möglichen Überbehandlung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.02.2011, 22:07 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
18 Kommentare
Kunststück, wenn die jungen Damen heutzutage schon mit 12 anfangen zu rauchen, da das erstens super-chic und cool ist und 2. ein leben lang (oder eben nicht so lang) mithelfen soll, ja kein gramm zuviel auf die hüften zu kriegen. die ganze gesellschaft ist doch krank und der modewahn und schlankheitszwang das eigtentliche krebsgeschwür! Antworten
Dieser Artikel ist sehr informativ. Überraschend dagegen die Wahl des Titels. Mit rosaroter Brille wird suggeriert, dass hauptsächlich Frauen krank werdenSchaut man sich aber die Zahlen an, stellt man fest, dass die Männer weit schlechter dran sind (laut den Zahlen sind rund doppelt soviele Männer betroffen). Wie lange müssen wir noch mit diesen Verzerrungen der Wahrheit leben in so vielen Themen? Antworten

Bitte warten




