Krippen sind gut für die Psyche

Kindertagesstätten, die eine gute pädagogische Qualität bieten, können die negativen emotionalen Folgen von schwierigen Bedingungen in der Familie lindern. Das wurde nun erstmals nachgewiesen.

Kinder machen vor allem dann Fortschritte, wenn sie tun dürfen, was sie interessiert.

Kinder machen vor allem dann Fortschritte, wenn sie tun dürfen, was sie interessiert. Bild: Andreas Hersau/Keystone

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Wenn kleine Kinder Gewalt oder Drogensucht, Armut oder Arbeitslosigkeit in der Familie erleben, dann kann das spürbare negative Auswirkungen auf ihre kognitive, soziale und emotionale Entwicklung haben. Manche finden kaum Freunde, andere haben sprachliche Defizite, wieder andere können nicht mit Frustrationen umgehen.

Hier kann eine gute Kinderkrippe ausgleichend und schützend wirken. Dass dies auf der kognitiven Ebene funktioniert, war durch Studien schon belegt. Nun kann das Marie Meierhofer Institut für das Kind (MMI) in einer noch unveröffentlichten Studie zum ersten Mal nachweisen, dass Kitas auch die soziale und emotionale Entwicklung von belasteten Kindern verbessern, indem sie Belastungen ausgleichen und die Resilienz stärken, also die psychische Widerstandskraft. So können beispielsweise Hyperaktivität oder Verhaltensprobleme abgefedert werden. «Die Effekte sind bedeutsam», sagt Studienleiterin Corina Wustmann Seiler.

Die Studie ist Teilprojekt einer für die Schweiz einmaligen, gross angelegten Forschungsarbeit zur Qualität der frühkindlichen Bildung in Kinderkrippen. Ziel der Arbeit war es, ein Werkzeug zu entwickeln und in 25 Kindertagesstätten aus der gesamten Deutschschweiz zu evaluieren, das die Qualität der pädagogischen Arbeit nachhaltig verbessert.

Das Werkzeug nennt sich Bildungs- und Lerngeschichten, stammt ursprünglich aus Neuseeland und liegt seit gestern in einer für die Schweiz adaptierten Version offiziell vor; zahlreiche Daten und Erkenntnisse aus der begleitenden Studie werden nun wissenschaftlich ausgewertet oder stehen kurz vor der Publikation.

Qualität allein ist entscheidend

Im Rahmen dieser grossen Studie wollte das MMI auch wissen, welche Auswirkungen eine gute pädagogische Qualität auf die psychische Widerstandskraft von Kleinkindern hat. Dazu haben die Forscherinnen 162 Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren beobachtet. In einem ersten Schritt mussten die Eltern einen detaillierten Fragebogen ausfüllen, der Auskunft über 20 Risikofaktoren gab. Dazu gehören biologische Risiken wie Frühgeburt oder chronische Krankheiten ebenso wie psychosoziale Belastungen in der Familie.

Weil sich solche Belastungen kumulieren, errechneten die Forscherinnen aus all den Angaben der Eltern einen Index für jedes Kind. Je höher die Zahl, desto höher die Belastung. Gleichzeitig untersuchten die Forscherinnen mit einer international standardisierten Methode die Qualität der jeweiligen Kitas.

Ein Jahr später folgte eine zweite Erhebung. In dieser zweiten Untersuchung erfragten die Forscherinnen zudem mit einem standardisierten Fragebogen («Strengths and Difficulty Questionnaire») den sozialen und emotionalen Entwicklungsstand der Kinder. Und sie untersuchten ebenfalls ein weiteres Mal die Qualität der Kitas.

Die Kinder machen lassen

Dabei zeigte sich klar: Ob das Kind profitiert, hängt in erster Linie von der pädagogischen Qualität der Kita ab. «Eine weniger gute Kita kann keine oder nicht dieselbe Schutzwirkung entfalten», sagt Wustmann. Keine Auswirkungen hat hingegen die Anzahl der Tage und die zeitliche Dauer, während welcher das Kind die Tagesstätte besucht.

Was aber bedeutet die geforderte gute pädagogische Qualität in der Praxis? Ein eigens auf die belasteten Buben und Mädchen zugeschnittenes Vorgehen braucht es nicht; es genügt, das anzuwenden, was in der Bildungsforschung eigentlich längst erwiesen ist. Kleine Kinder lernen vor allem informell. Sie machen dann Fortschritte, wenn sie tun dürfen, was sie interessiert, und wenn sie entsprechendes Material zur Verfügung gestellt bekommen. Ebenso wichtig ist es, dass sie sich ernst genommen fühlen, dass ihnen die Erzieherin Zeit widmet und mit ihnen kommuniziert. Hingegen profitieren sie nur wenig von vorgegebenen Aktivitäten wie gemeinsamen Bastelarbeiten.

Diese Erkenntnisse werden zwar in der Ausbildung gelehrt. Sie in die Praxis umzusetzen, ist allerdings anspruchsvoll. Offenbar kommen den Erzieherinnen oft althergebrachte Vorstellungen in die Quere. Sie vertrauen auf Rituale und Ordnung statt auf das Gelernte. Das hat der deutsche Forscher Werner Thole in einer Studie zur Ausbildung von Krippenpersonal festgestellt. Demnach stimmen zwar vier von fünf Krippenleiterinnen dem Grundsatz zu, das Kind müsse Akteur seiner eigenen Entwicklung sein. «In der Praxis ist die pädagogische Arbeit aber eher anweisend und regulierend», sagt Thole.

Zeitgeist hat Folgen

Konkret heisst das beispielsweise, dass Krippenleiterinnen ein sich entwickelndes freies Rollenspiel unter Kindern unterbrechen, um mit ihnen eine vorbereitete Bastelarbeit anzufangen. Pädagogisch besser wäre es, die Kinder noch eine Weile zu beobachten, deren Ideen aufzugreifen und zusammen mit ihnen weiterzuentwickeln.

Ein ähnliches Bild, wie Thole es fand, zeigte sich auch in der ersten Messung der hiesigen Krippenqualität, welche das MMI machte, bevor die Einführung der «Bildungs- und Lerngeschichten» gestartet wurde. Viele Kitas schnitten damals in den pädagogisch entscheidenden Punkten eher mittelmässig ab, manche sogar schlecht.

Inzwischen hat sich allerdings einiges verbessert, wie das MMI festgestellt hat – und zwar interessanterweise nicht nur in jenen Krippen, welche die Bildungs- und Lerngeschichten eingeführt haben, sondern auch in der Kontrollgruppe. «Diese Entwicklungen werden ansatzweise auch durch den allgemeinen Zeitgeist zur frühkindlichen Bildung unterstützt», so interpretiert Simoni die Erkenntnisse.

Besonders positiv auf die Qualität wirkt es sich aus, wenn Erzieherinnen die Kinder regelmässig beobachten und versuchen herauszufinden, was sie interessiert. Das hat die Studie des MMI klar nachgewiesen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.09.2013, 20:07 Uhr)

Neues Instrument für Kinderkrippen

Fasst man die Essenz der sogenannten Bildungs- und Lerngeschichten (Bulg) ganz kurz zusammen, so lautet diese: beobachten, beobachten, beobachten. Das klingt simpel, aber die Folgen bedeuten einen eigentlichen Werte- und Einstellungswandel in jenen Kinderkrippen, die als Pilotinstitutionen bereits mit dem vom Marie Meierhofer Institut (MMI) in der Schweiz eingeführten Instrument arbeiten.

Gestern stellte das MMI an einem Mediengespräch eine Broschüre vor, in der das Werkzeug erklärt und die ersten Erkenntnisse aus den Pilot-Kitas zusammengefasst werden. Konkret bedeutet die Arbeit mit Bulg, dass die Erzieherinnen jedes Kind regelmässig beobachten. Was sie dabei sehen, halten sie in einem Portfolio in Bild und Text fest. Da kann zum Beispiel notiert sein, dass der zweijährige Luis bei jedem Spaziergang ganz fasziniert ist von den Kühen auf dem nahen Bauernhof, dass er sie streicheln und anfassen will.

Aufgrund dieser Beobachtungen überlegen sich die Krippenleiterinnen ein individuelles Angebot – bei Luis könnte das ein Bauernhofbuch oder ein Bauernhofpuzzle sein.
Die positiven Effekte dieser neuen Art zu arbeiten sind vielfältig und messbar. Das haben die Forscherinnen des MMI klar nachweisen können. Generell steigt die pädagogische Qualität, und zwar insgesamt um einen halben Skalenpunkt auf einer Skala von 1 bis 7. «Das ist nicht zu verachten», sagt Studienleiterin Corina Wustmann. Dabei verbessert sich nicht nur die Qualität der eigentlichen pädagogischen Arbeit. Bulg hat auch zur Folge, dass die Kitas beispielsweise ihre Räumlichkeiten mehr nach den Interessen der Kinder einrichten.

Vor allem aber nehmen die Erzieherinnen die Kinder anders wahr als früher. Das berichteten gestern mehrere Leiterinnen. «Man bekommt ein unerschütterliches Vertrauen, dass das Kind schon eine Lösung findet, wenn es etwas erreichen will», sagte etwa Beate Hechmi vom Basler Tagesheim Dornachstrasse. «Statt voreilig helfend einzugreifen, wird man richtig neugierig auf das, was das Kind von sich aus tut.» (leu)

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